Was ist jetzt mit der Handschlagqualität

Wenn wir einander nicht mehr die Hände reichen dürfen?

Der Handschlag ist ein in vielen westlichen Ländern gängiges nonverbales Begrüßungs- und Verabschiedungsritual. In anderen Kulturen ist es hingegen traditionell unüblich oder auf gleichgeschlechtliche Kontakte – insbesondere unter Männern – beschränkt.

Bereits im Römischen Reich war die Tradition des Händeschüttelns bekannt. Auf römischen Münzen lässt sich das Händeschütteln als Symbol der Eintracht wiederfinden. Im Neuen Testament wird im Brief des Paulus an die Galater (ca. 50 n. Chr. verfasst) erwähnt, dass Paulus beim Abschied in Jerusalem die „rechte Hand der Freundschaft“ gereicht wurde. In christlichen Gottesdiensten ist ein Händedruck als Friedensgruß üblich geworden. Händeschütteln ist auch ein Freimaurersymbol, und es war zeitweilig ein Emblem der „Sozialisten“ (SED in Deutschland). In der Zeit des Nationalsozialismus hat der Hitlergruß den Handschlag ersetzt.  2017 führte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) das Händeschütteln zur Begrüßung in seinem Zehn-Punkte-Katalog zu einer deutschen Leitkultur auf, an die sich alle Einwanderer anzupassen hätten. Aber „Leitkultur“  ist ja ein sehr umstrittener Begriff.

In der westlichen Welt gilt beim Händeschütteln ein kräftiger Händedruck gewöhnlich als Zeichen für Selbstbewusstsein, Kraft und Willensstärke. (Besonders von dem weisen, derzeit noch amtierenden Präsident Trump extensiv ausgeführt). Ein sehr schwacher Händedruck kann indes negative Assoziationen hervorrufen. In anderen Regionen, vor allem in asiatischen Ländern, gilt ein starker Händedruck hingegen als unhöflich grob.

Nach einer bereits 2007 publizierten Studie scheint das Händeschütteln, neben dem gemeinsamen Kontakt von Menschen mit Oberflächen wie etwa Türklinken, der wichtigste Übertragungsweg für Infektionen wie Erkältungen oder auch Magen-Darm-Erkrankungen zu sein. Um Ansteckungen zu vermeiden, wird eine gute Handhygiene, deren zentraler Teil das gründliche Händewaschen mit Seife ist, empfohlen.

Und jetzt ein Hinweis für die Oldies unter uns: Bei der ärztlichen Untersuchung kann das Händeschütteln beziehungsweise die dabei ausgeübte Kraft des Patienten (der Händedruck im medizinischen Sinn) einen orientierenden Hinweis auf die motorische Koordinationsfähigkeit und sogenannte „grobe Kraft“ geben. Angeblich korreliert der gemessene Händedruck bei über 85jährigen mit der zu erwartenden spezifischen Sterberate.

Unsere muslimischen Mitbürger haben es da jetzt schon schwerer: In den islamischen Gesellschaften wird das Händeschütteln zwischen Männern und Frauen zum Teil abgelehnt. So äußerte zum Beispiel ein saudische Großmufti in einem Fatwa, das Händeschütteln zwischen Männern und Frauen, die nicht in einem die Ehe ausschließenden Verhältnis stehen, sei verboten. Dies begründete er unter anderem mit einem Hadith, wonach der Prophet Mohammed gesagt hat: „Ich gebe Frauen nicht die Hand“. Ein in Katar lebender umstrittener Gelehrte und Fernsehprediger hat eine etwas differenziertere Auffassung vertreten. Er urteilte, dass Händeschütteln zwischen Männern und Frauen dann zulässig ist, wenn keine „sexuelle Begierde“ der „Versuchung“ mit im Spiel ist. Das nachzuweisen stell‘ ich mir schwierig vor.

Im Judentum ist Händeschütten nicht verboten, außer in orthodoxen Kreisen: da wird ein Handschütteln zwischen Männern und Frauen abgelehnt, da nach ihrer Auslegung der Halacha durch die Vorgaben von Jichud und Giluj Arajot („unziemliche Beziehungen“) über das Vermeiden ungeteilter Zweisamkeit und körperlicher Annäherung auch der Handschlag untersagt ist. Das Leben kann schon kompliziert sein.

Unter traditionellen Hindus ist zwischen Männern auch ein beidhändiger Händedruck üblich, bei denen der sozial höher Stehende die beiden Hände des Gegenübers umfasst. Traditionell schütteln Männer jedoch niemals Frauen auf diese Weise die Hände, sondern es wird beim berührungslosen Gruß belassen.

Hier bei uns setzen wir auf Handschlagqualität! Wofür steht sie: „Ich stehe zu meinem Wort; Sie können sich auf mich verlassen; Wir gehen ehrlich und vertrauensvoll miteinander um; Es geht nicht nur ums Geld, sondern auch um eine persönliche Beziehung; Wir werden eine beständige und langfristige (Geschäfts-)Beziehung aufbauen“. Handschlagqualität drückt daher Vertrauensvorschuss aus. Verlässlichkeit bedeutet für Kunden und Mitarbeiter Pünktlichkeit, das Einhalten von Abmachungen, oder bestimmten Regeln in der Kommunikation.

Nun leben wir verstärkt in einer virtuellen Welt – in der eben die Hände nicht mehr geschüttelt werden, man einander ja kaum noch persönlich begegnet. Außerdem leben wir in Covid-19 Zeiten, in denen das Händeschütteln eher tabu ist. Ich muss mich noch immer zurückhalten, jemandem bei einer Begegnung nicht die Hand zu reichen, verstehe aber, warum ich es nicht tun soll.  Um das Küsschen rechts – Küsschen links tut es mir eigentlich gar nicht leid. Eine (feste) Umarmung – derzeit auch tabu – als Zeichens der Zuneigung oder auch des Mitgefühls, das konnte schon Wunder wirken.

Ich fürchte allerdings, dass uns die Handschlagqualität schon länger – langsam aber sicher – abhandengekommen ist. Jetzt wird das durch viel unterschriebenes Papier ersetzt. Eigentlich sehr schade.

Was ist jetzt mit der Handschlagqualität

2 Gedanken zu “Was ist jetzt mit der Handschlagqualität

    1. ich war einmal bei einer muslimischen Gruppe eingeladen, um einen Vortrag zu halten, mir wollte der Imam nicht die Hand geben und meinem Mann die „Begrüßungsfrau“ auch nicht. Mein Mann wollte gleich umkehren …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s