Noch einmal zum Thema „Trümmerfrauen“

Und ihre Rezeption

Heute lese ich einen Artikel (der Standard) zu den „glorifizierten“ Trümmerfrauen von Wien. Vorweg ein paar Klarstellungen: ich habe die Zeit erlebt, ich habe über dieses Thema nicht in entsprechenden Unterlagen recherchiert und das Denkmal an der Mölkerbastei lehne ich aus verschiedenen Gründen sowieso ab. Bei Aufstellung des Denkmals habe ich schon einmal darüber geschrieben: https://christachorherr.wordpress.com/2018/10/02/man-erregt-sich-bei-uns-derzeit-gerne/

Als Trümmerfrauen werden jene Frauen bezeichnet, die nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen deutschen und österreichischen Städten beteiligt waren, die durch den Krieg angerichteten Schäden zu beseitigen. Sie waren gemeinsam mit bezahlten Aufräumarbeitern, Kriegsgefangenen und zwangsverpflichteten ehemaligen Nationalsozialisten eine an den Aufräumarbeiten beteiligte Gruppe.

Statistisch waren Trümmerfrauen zwischen 15 und 50 Jahre alt, weil die alliierten Besatzungsmächte Befehle herausgegeben hatten, wonach alle Frauen zwischen 15 und 50 Jahren sich zu dieser Arbeit zu melden hatten. Entsprechende Verordnungen und Gesetzte hoben frühere Arbeitsschutzbestimmungen der Frauen dafür teilweise auf.

In den Nachkriegsjahren gab es erheblich mehr Frauen als Männer bei uns. Männer waren in großer Zahl während der Kriegsereignisse gefallen oder befanden sich in Kriegsgefangenschaft, die Rückkehr verzögerte sich, besonders aus der Sowjetunion. Die Frauen waren gezwungen, Verantwortung im täglichen Leben zu übernehmen. Es ging weniger um Geldverdienen, als um die täglich notwendigen Dinge – vor allem Essen – zu beschaffe. Viele der Frauen, die zum Trümmerräumen zwangsverpflichtet wurden, waren Nationalsozialistinnen gewesen. Bei freiwilligen Trümmerfrauen war die Arbeit oft eine Überlebensstrategie, da man für die Tätigkeit bessere Lebensmittelkarten erhielt, zuweilen in den Trümmern oft noch Brauchbares und Verwertbares (z.B. Holz zum Heizen, bzw. Kochen) fand. Oder sogar manchmal Kleidungsstücke, oder gar Essbares.

Damals ging es nicht notwendigerweise sehr koordiniert zu. Manche Frauen räumten Schutt und Trümmer von den Straßen und Gehsteigen weg, um z.B. Milchlieferungen zu den Geschäften, die Mich verkauften (genannt: Milchfrau) zu ermöglichen. In anderen Fällen ging es um die Räumung des Schulwegs der Kinder.

Man kann sich die Arbeit folgendermaßen vorstellen:

Die Nationalsozialisten – männlich und weiblich – des Bezirkes mussten sich täglich früh beim Polizeikommissariat melden und wurde dann die Arbeitseinteilung vorgenommen und verschieden Arbeitspartien zusammengestellt. Ich selbst habe auch diese gesehen – sie sind einer Zehnjährigen aufgefallen, denn sie wirkten nicht als „Arbeiter“ auf mich. Meist verfügte eine Gruppe über einen Handwagen. Auf den Schultern trug man das benötigte Werkzeug, wie z.B. Schaufeln. 

Die hauptsächliche Arbeit bestand im Abriss stehen gebliebener Gebäudeteile mit Handwinden oder Spitzhacken, selten kam schwerere Technik zum Einsatz. Nach dem Abriss mussten Wandteile so weit zerkleinert werden, dass die Ziegelsteine ohne Beschädigung abgetrennt werden konnten, um für Reparaturen oder Neubauten wiederverwendet werden zu können. Die Ziegelsteine wurden in einer Personenkette von Hand zu Hand aus den Ruinen an den Straßenrand weitergereicht. Dort wurden sie auf Holzböcken oder anderen festen Unterlagen abgelegt und mit einem Maurer- oder Putzhammer von den Mörtelresten befreit. Danach wurden die gesäuberten Steine aufgeschichtet.

Man sollte sich auch vorstellen, dass man bei dieser Arbeit ziemlich schmutzig wurde, aber es gab kaum ausreichend Wasser zum Kochen, warmes Wasser nur wenn man Brennmaterial zum Erhitzen hatte.  Die Frauen arbeiteten bei jedem Wetter in Arbeitsgruppen von 10 bis 20 Personen, die Kolonnen genannt wurden.

Zum Wiedereinsatz kamen zusätzlich halbe Ziegel, Balken, Stahlträger, Herde, Waschbecken, Toilettenbecken, Rohre und anderes. Schutt wurde von den Frauen auf Schubkarren, Pferdewagen, Lastwagen oder Arbeitsstraßenbahnen abtransportiert. Die nicht mehr verwendbaren Ziegelsteinbruchstücke kamen auf große Lagerflächen, wo dann die Trümmerberge wuchsen, oder sie wurden in Ziegelmühlen (die auch Trümmeraufbereitungsanlagen, Brecheranlagen, Trümmerverwertungsanlagen genannt wurden) zerkleinert, die häufig in der Nähe der Ruinengrundstücke aufgebaut wurden. Das entstandene Mehl oder Granulat kam wieder zum Einsatz

In Wien wurde ein Großteil des Schutts auf den Straßen der Innenstadt (etwa 20 Prozent des gesamten Gebäudebestandes war zerstört) angeblich professionell von Männern mit Maschinen beseitigt, während Frauen aufgrund der durch den Krieg bedingten Abwesenheit der Männer hauptsächlich dazu gezwungen waren, den Alltag alleine zu bewältigen. Ich kann nur über den Ersten, den Neunten und Neunzehnten Bezirk berichten. Da habe ich kaum Maschinen zur Aufräumung gesehen. Über das Ausmaß der Männer und Frauen an dieser Beseitigung kann ich keine Auskunft geben. Ich weiß auch nicht, wie viele Statistiken zu dieser Zeit darüber geführt wurden. Wenn Maschinen im Einsatz waren, dann kamen sie von den Alliierten – denn den Österreichern fehlte es an allem – wir hatten nicht einmal genug Feuerwehrautos.

Und dann lese ich folgende Sätze: „Doch auch Frauen wurden für die stigmatisierte Schwerstarbeit der Trümmerbeseitigung eingesetzt, vor allem aber ehemalige gerichtlich verurteilte Nationalsozialistinnen. Ich kann mich nicht erinnern, dass man „stigmatisiert“ gewesen wäre, wenn man Trümmer wegräumte – damals! Händisch Ziegelschupfen war mühsam – für alle Beteiligten.  Man verstand, dass es notwendig war.

Im Jahr 2005 beschloss die österreichische Bundesregierung die Zahlung einer Einmalprämie in Höhe von 300 Euro an jede noch lebende vor 1931 geborene Trümmerfrau, wenn sie bis 1951 mindestens ein Kind geboren hatte und als bedürftig galt. 2007 wurde 44.000 Österreicherinnen dieser Betrag ausbezahlt.

Das Bild der Trümmerfrauen als eine sich für die junge Republik aufopfernde Gruppe von freiwilligen Frauen, die die Schäden des Kriegs tatkräftig beseitigen half, wird mit den jüngsten Forschungen in Österreich und Deutschland zunehmend als Mythos dekonstruiert. Die Trümmerfrauen werden auch politisch problematisiert. Ich finde es ziemlich perfid, jetzt – in ruhigen Friedenszeiten – auf Frauen, die meist nach Unheil, das Männer angerichtet haben, aufräumen müssen, mit dem Finger zu zeigen und pfui zuschreien.

Noch einmal zum Thema „Trümmerfrauen“

2 Gedanken zu “Noch einmal zum Thema „Trümmerfrauen“

  1. Olga Kronsteiner schreibt:

    Danke für den sehr interessanten Einblick & Beitrag! Eine Frage, wo genau haben Sie diesen von Ihnen monierten Satz „Doch auch Frauen wurden für die stigmatisierte Schwerstarbeit der Trümmerbeseitigung eingesetzt“ denn gelesen? Im Einstieg erwähnen Sie den aktuellen STANDARD-Artikel – dort scheint ein solcher Satz jedoch nicht auf. Btw – bei der Anerkennungsprämie 2005 entfiel der Zusatz „vor 1931 geboren“ am Ende (war nur im Entwurf vorgesehen). Warum für Sie ein Artikel, der neue Forschungsergebnisse öffentlich macht gleichbedeutend mit Fingerzeig und Pfui-Schreierei ist, ist mir übrigens nicht nachvollziehbar.

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    1. es ehrt mich, dass Sie meinen Blogbeitrag gelesen haben. Ich habe einiges im Internet zu dem Thema gefunden – wahrscheinlich auch den von ihnen erwähnen Satz. Für „Pfui-Schreierei“ entschuldighe ich mich bei Ihnen!

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