Zu Schlurfs und ähnlichen Typen

Die meine Jugend (Nachkriegszeit) bevölkert haben

Und jetzt wie versprochen zum „Schlurf“. In meiner Jugend – so in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren wäre es schrecklich gewesen, mit einem „Schlurf“ gesehen zu werden. Das war damals für mich ein männlicher jugendlicher Herumtreiber, der unter anderem durch seine Frisur (lange Haare und überlange Koteletten) auffiel. In der nationalsozialistischen Ära wurde die Schlurffrisur (mit „Packl“) nach Ansicht vieler sozialdemokratischer Widerstandskämpfer zu einem sichtbaren Zeichen des politischen Widerstands umfunktioniert und von der Hitler-Jugend verfolgt (oftmals wurde gefassten Schlurfs, auf die häufig regelrecht Jagd gemacht wurde, strafweise mit einer Handhaarschneidemaschine von der Stirn bis in den Nacken ein kahler Streifen geschoren). Nach dem Zweiten Weltkrieg verblasste die Erinnerung an diese Entwicklung allmählich, und man verstand in den fünfziger Jahren unter einem Schlurf wieder einen Herumtreiber.

„Schlurfs“ traten in Wien spätestens ab 1939 als Angehörige einer rund um den Jazz gebildeten Subkultur von Arbeiterjugendlichen auf, deren Treffpunkte der Prater, öffentliche Parks und Bäder, Ringelspiele (deren Betreiber die von „Schlurfs“ mitgebrachten Swing-Schellacks spielten) sowie die Perfektionsstunden von Tanzschulen waren. Weibliche Subkulturangehörige wurden despektierlich als „Schlurfkatzen“ bezeichnet. Im Gegensatz zu den proletarischen „Schlurfs“, die bei ihrem Stil improvisieren mussten, konnten sich die Wiener „Swings“ die Lokale der Wiener Innenstadt leisten. Aber auch die „Swings“ wurden verfolgt, bei einer Razzia in einer Tanzschule nahm die Gestapo im Dezember 1944 43 Jugendliche fest, einige von ihnen wurden in ein Arbeitserziehungslager eingewiesen.

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es die Bezeichnung Pülcher (im Sinne des beschäftigungslosen Herumtreibers), danach (insbesondere im Pratermilieu) den Strizzi („Praterstrizzi“). Strizzi (vom tschechischen strýc ‚Onkel‘) ist ein Ausdruck aus dem Mittelbairisch-Wienerischen und steht für einen Zuhälter. Für mich am besten dargestellt wird der Strizzi in Ödön von Horvaths Theaterstück: Geschichten aus dem Wienerwald. Darin tritt Alfred auf, ein junger Strizzi, der aber nur an Frauen, Geld und an Pferdewetten interessiert ist.

Im weiteren Sinne entspricht Strizzi in der Bandbreite etwa dem Strolch, mit der Bedeutung Lausbub für einen ungezogenen Jungen oder Spitzbube für einen Kleinkriminellen.  Des Weiteren werden in Südtirol die Österreicher allgemein oft pejorativ in Bezug zur wienerischen Bedeutung als Strizzi bezeichnet.

Unter einen Pülcher, einem Pücha oder einem Büücha, versteht man einen Gauner, Strolch, Asozialen, Halbstarken. „Pülcher“ kommt vom bairischen Mittelhochdeutsch bilgerin / pilgerim (Pilger). Im Mittelalter haben sich viele Vagabunden und Taugenichts als Pilger ausgegeben. Das hat die Pilger in Verruf gebracht, sodass sich aus Pilger das Wort der Pülcher entwickelt.

Und um noch einen Begriff einzubringen: Ein Sandler ist ein Obdachloser, der in der Regel unfreiwillig obdachlos wurde und deshalb seine Lage als permanente Erniedrigung erlebt. Sandler“ werden oft mit Bettlern sind im städtischen Alltag gleichgesetzt. Eine romantisch-verklärende Sicht findet sich im französischen Begriff Clochard. Die Folgen von Obdachlosigkeit sind vielfältig. Sie betreffen Leib und Leben sowie den Charakter der Betroffenen. Am sichtbarsten sind die Verwahrlosung und Verelendung.

Mit Pülcher war zwar ursprünglich ebenfalls ein Obdachloser gemeint, aber ein solcher, der sich freiwillig für diesen Weg entschieden hat und als Vagabund durchs Land ziehen wollte. Heute versteht man in Wien darunter einen Halbstarken oder Kleinkriminellen, der vom Arbeiten nichts hält, aber selbstbewusst und schlau ist und eben den „Schmäh draufhaben“.

Halbstarker ist ein Ausdruck aus dem deutschsprachigen Raum, der in den 1950er Jahren, umgangssprachlich abwertend, vor allem in den Medien für aggressiv auftretende Jugendliche – meist männlich und aus der Arbeiterklasse stammend – geprägt wurde. Mit dem Begriff wurden u. a. Rowdytum und Krawalle, aber auch ein bestimmtes, von Rock ’n’ Roll beeinflusstes Äußeres assoziiert. Die Halbstarken der 1950er-Jahre orientierten sich als frühe popkulturell inspirierte Subkultur modisch und in ihrem Habitus an jungen Darstellern aus US-amerikanischen Filmen wie etwa James Dean in …denn sie wissen nicht, was sie tun und Marlon Brando in Der Wilde und den Stars des damals populären Rock ’n’ Rolls. Die Halbstarken trugen häufig eine Haartolle, Jeans („Nietenhosen“), karierte Hemden und Lederjacken. Mit ihrem Erscheinungsbild grenzten sie sich bewusst von der damals vorherrschenden deutschen Jugendkultur ab. Beliebt waren Mopeds und Motorräder, mit denen sie – ähnlich wie ihre Vorbilder in amerikanischen Filmen – als „Banden“ durch die Gegend fuhren, da damals erstmals Jugendlichen und Heranwachsenden nennenswerte Geldmittel für den Freizeitkonsum zur Verfügung standen. Halbstarke verbrachten mangels Alternativen ihre Freizeit häufig im Freien. Sie trafen sich in Gruppen an Straßenecken, in Parks oder auf öffentlichen Plätzen, konsumierten dort große Mengen Alkohol und verwickelten sich des Öfteren in Schlägereien. Dies wurde von vielen ihrer erwachsenen Zeitgenossen nicht gerne gesehen und in der Presse kritisiert. Erste Halbstarkenkrawalle entluden sich nach Konzerten oder Filmvorführungen, die auch später noch oft der „Anlass“ waren. Häufig wurde das Mobiliar der Kino- und Konzertsäle dabei vollständig zerstört. Heute werden die Krawalle, aber auch allgemein das Phänomen Halbstarke, häufig als Protest gegen die damalige, von den Jugendlichen selber als streng und trostlos empfundene Gesellschaft und ihre Autoritäten verstanden, auch wenn dieser Protest auf keinen Fall politisch motiviert und organisiert war. Der Begriff „Halbstarker“ ist heute allerdings unüblich beziehungsweise unmodern. Der Rock ’n’ Roll bot im Gegensatz zu der zur gleichen Zeit populären Schlagermusik mit seinen revolutionären Klängen und Rhythmen ein Ventil für die Ängste und Emotionen der Jugendlichen. Die Ablehnung des Rock ’n’ Roll und seiner Interpreten durch breite Bevölkerungsschichten verstärkte diesen Effekt wahrscheinlich.

Heute kenne ich mich in der Jugendsprache nicht mehr aus:  gelesen habe ich nur über einen Screenitus, das ist dann ein Jugendlicher, der sehr viel Zeit vor seinem Screen verbringt. So hat jede Generation entsprechend ihrer Kultur ihre eigenen Begriffe.

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