Was man so alles nicht über gute Freunde weiß!

Erkenntnisse später Jahre

Es ist schon komisch. Wir haben einander wirklich jahrzehntelang gekannt, aber nie wirklich etwas übereinander gewusst. Wie ist so etwas möglich? Naja, wir waren beide verheiratet (jetzt sind wir beide Witwen) als wir einander kennenlernten und unser beider Männer waren ziemlich dominant in Gesellschaft. Wir haben einander nie allein, sondern immer nur mit unseren Männern getroffen. Wir waren auch auf Reisen miteinander, in einer größeren Gruppe. Und gesprochen wurde meist über Themen, die die Männer bestimmt haben. Naja, so war das halt in unserer Generation. Und wir haben nichts dabei gefunden.

Jetzt haben wir einander zu zweit getroffen und haben – wie man so schön sagt – geplaudert. Naja, über die Familie, über die Gesundheit und so. Und dann ist diese Freundin plötzlich auf ihre Kindheit zu sprechen gekommen. (Es war nämlich ihre ältere Schwester, die ein Jugendschwarm meines Mannes gewesen ist). Und die war gar nicht einfach. Ihr Vater war Soldat gewesen, ist in russische Kriegsgefangenschaft geraten.  Die Mutter war mit den Kindern allein zurückgeblieben, man wurde „evakuiert“, die Mutter musste in einer Fabrik arbeiten …  Die Lebensmittelversorgung erfolgte durch die Großmutter, die einen Garten hatte, in dem Gemüse angebaut worden war.

Dann kam der Vater zurück, sah gespenstisch aus, da er abgemagert war, und die Tochter – also meine Freundin – erkannte ihn nicht. Es muss für beide schwierig gewesen sein, aber das damalige Kind schämt sich so sehr, dass sie den Vater nicht erkannt hatte.

Es war nicht leicht, für Männer die aus dem Krieg nach Hause gekommen waren, wieder beruflich Fuß zu fassen, und das Geld in der Familie war knapp. Meine Freundin ging ins Gymnasium (so wie ihre älteren Geschwister). Plötzlich und völlig unerwartet, in der vierten Klasse teilte ihr ihre Mutter mit, dass sie jetzt die Schule verlassen werde, um eine Schneiderlehre zu machen. Das damalige Kind (14 Jahre alt) protestierte, es wollte weiter in die Schule gehen. Die Mutter wies auf die angespannte finanzielle Situation hin, dass es notwendig wäre, dass die Tochter auch Geld verdiene. Der Hintergrund der Geschichte war, dass es eine Tante mit einem „Salon“ gab, der für die Familie weitergeführt werden musste!

Die Mutter setzte ihren Willen (oder den der Tante) durch.  Das Kind verließ die Schule und ging zur Tante in die Lehre. Sie hasste die Schneiderei, fand die Kinder in der Berufsschule unerträglich. Diese Tochter, also meine Freundin, sprach mit ihrer Mutter über ein Jahr lang nur das Notwendigste, so verbittert war sie über diesen Zwang.  Aber sie stand die Sache durch, machte mit Auszeichnung ihre Gesellenprüfung. Die Mutter drängte auf Weiteführung dieser Karriere, also sie soll doch endlich die Meisterprüfung in Angriff nehmen.

Aber genau das wollte die Tochter gar nicht. Sie teilte ihrer Mutter mit, sie wolle auf ein Jahr als au pair nach England gehen, um die Sprache zu lernen. Es wurde eine Organisation gefunden, die das vermittelte, es gab eine Vereinbarung, dass sie an einem bestimmten Tag, zu einer bestimmten Zeit, von einem bestimmten Bahnhof in London abgeholt würde. Das junge Mädchen fand sich genau nach diesen Instruktionen dort ein – und es war niemand da. Sie verfügte über gerade ein Pound und 10 Shilling und die Notfalladresse eines Youth Hostels. Nach einer Stunde vergeblichen Wartens am Bahnhof in London suchte sie sich ein Taxi, nur um festzustellen, dass es mindestens das Doppelte kosten würde, um vom Bahnhof ins Youth Hostel zu gelangen. Der Taxler erbarmte sich des Kindes mit dem wenigen Englischen Brocken, die es sprechen konnte  und nahm sie gratis dorthin mit. Dort kam sie unter, und man half ihr, eine Stelle zu finden. Und wie das damals so war, wurde sie von ihren Arbeitgebern ziemlich ausgenützt. Sie hatte sich sowohl um den Haushalt als auch um die Kinder zu kümmern – aber, sie lernte die Sprache, wie sie es vorgehabt hatte.

Durch Zufall fand sie später eine Stelle in Frankreich, wo ihre ältere Schwester lebte, die dort verheiratet war.  Die Schneiderei, die sie so hasste, hat sie nie – als Lebensgrundlage – ausgeübt.

Ich habe sie später kennengelernt, da war sie bereits in einem Reisebüro tätig, vermittelte und organisierte erfolgreich Reisen. Das bereitete ihr Freude, sie war sprachengewandt und sie liebte fremde Länder kennenzulernen. Auf ihre diesbezügliche Tätigkeit bereitete sie sich akribisch vor, und die Mitglieder ihre Partnerorganisationen wurden und bleiben ihre Freunde.

Aber es war ein harter Weg dorthin.

Was man so alles nicht über gute Freunde weiß!

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