Die Loretokapelle

In der Wiener Augustiner Kirche

Heute bin ich in die Vorabendmesse in meine Pfarrkirche gegangen – die Augustiner Kirche. In vor-Corona-Zeiten fand diese Messe in der Loretokapelle statt. Jetzt findet sie in der Augustiner Kirche selbst statt – um Corona Regeln zu genügen.

Ich möchte Ihnen, nostalgisch wie ich schon bin, von der Loretokapelle berichten und dass mir auffällt, dass bei Betreten der Kirche nicht mehr in ein Weihwasserbecken gegriffen wird, um ein Kreuz zuschlagen, sondern die Hände desinfiziert werden.

Ich mochte die Messen in der intimen Loretokapelle, besonders weil auch meine Eltern dort geheiratet hatten. Und darum haben wir auch die Gedächtnismessen für meine Eltern dort gefeiert.

Die erste Loretokapelle in der Augustinerkirche wurde durch Kaiserin Eleonora Gonzaga (1598–1655) gestiftet, die Gemahlin Kaiser Ferdinands II. Die Stiftung erfolgte 1627 analog zur Loretokapelle auf dem Hradschin in Prag. Die drei Architekten der Kapelle mussten auf ihren Wunsch im Jahre 1624 die Santa Casa in Loreto (bei Ancona, an der Adria) genau studieren, um diese in Wien in derselben Form nachbauen zu können. Sie entwickelte sich als Ort der Marienverehrung zu einem Privatheiligtum des Kaiserhauses. Nach Art orientalischer Häuser bestand die Kapelle aus Bruchsteinen, die Mauern waren unverputzt. Im Inneren befand sich ein Altar und in der dahinterliegenden Mauernische eine Marienstatue mit dem Jesuskind aus Zedernholz. Am 12. September 1627 konnte die Kapelle von Franz Kardinal von Dietrichstein im Beisein des kaiserlichen Hofes geweiht werden. Kaiserin Eleonora Gonzaga beschenkte die Kapelle mit kostbaren Gegenständen aus Gold, Silber und Edelsteinen und bestimmte die Herrschaft Walpersdorf als Liegenschaft zur Versorgung der Kapelle mit jährlich 400 fl. Kurz vor ihrem Tod stiftete sie weitere 8000 fl. zur Erhaltung der Kapelle.

Im Laufe der Zeit wurde die Loretokapelle zum wichtigsten Wallfahrtszentrum der Wiener und des Adels. Die Augustinerkirche selbst wurde im Jahre 1634 zur kaiserlichen Hofpfarrkirche erhoben und die Loretokapelle erhielt den Rang einer öffentlichen Privatkapelle des Kaiserhauses. Kaiser Ferdinand II. pflegte hier für den siegreichen Ausgang seiner militärischen Kampagnen zu beten. In der Folge bürgerte sich der Brauch ein, dem Feind abgenommene Feldzeichen, Fahnen und Siegestrophäen der „Mutter von Loreto“ zu weihen und in der Kapelle aufzustellen.

Die erste Hoftrauung, die in der kleinen Kapelle stattfand, war 1631 die des späteren Kaisers Ferdinand III. mit der Infantin Maria Anna von Spanien. Seine und die Hochzeit seiner Schwester Cäcilia Renata sind die einzigen Trauungen, die in dieser kleinen Kapelle stattfanden. Aber auch in der Folge fand in der Augustinerkirche keine Hoftrauung ohne vorausgehende Andacht in der Loretokapelle statt.

Die Frauen aus dem Haus Habsburg beteten in der Kapelle um Nachkommenschaft, und hier wurden die ersten Andachten der kaiserlichen Mütter nach der Geburt ihrer Kinder abgehalten. Noch Maria Theresia ließ 1756 das Gewicht ihres jüngsten Sohnes Maximilian Franz in Gold aufwiegen und auf den Altar der „Hausmutter des Erzhauses Österreich“ in der Loretokapelle legen.

Die Loretokapelle wurde aber auch zum Bestattungsort der Habsburger, als Ferdinand IV. (1633–1654) hier sein Herz beisetzen ließ. Er hatte die Gottesmutter Maria zu Lebzeiten besonders verehrt und testamentarisch verfügt, dass sein „Hertz unnser Lieben Fawen Maria zu Loreto unter Ihre Füess legen und begraben [werden] sollte“.

Bis dahin waren die Herzen der verstorbenen Habsburger meist neben dem Leichnam im selben Sarg oder im Stephansdom bestattet worden. Als Ferdinand IV. starb, wurde sein Leichnam noch am selben Abend seziert, sein Herz in einen Becher gelegt und während der feierlichen Aufbahrung neben dem Körper auf dem Schaubett ausgestellt. Einen Tag nach seinem Tod erfolgte um neun Uhr abends die Übertragung des Herzens in die Augustinerkirche, wo es in einer schlichten Feier bei der Marienstatue in der Loretokapelle beigesetzt wurde.

Die späteren österreichischen Habsburger behielten diesen Brauch bis ins 19. Jahrhundert bei. In einem Hofrecht aus dem Jahr 1754 heißt es über den Brauch „von der Vertheilung des Leichnams zur Beysetzung an verschidenen Orten“ etwa: „Bey dem Erz-Herzoglichen Hause Österreich haben jedesmahl drey Kirchen in Wien an dem Leichnam eines regierenden Herrn Antheil“.

Die Körper der verstorbenen Monarchen und ihrer nächsten Angehörigen wurden in der Kapuzinergruft bestattet, die Herzen in der Loretokapelle der Augustinerkirche und die Eingeweide in der Herzogsgruft im Stephansdom. Die Organe wurden in Seidentücher gehüllt, in Spiritus eingelegt und die Behältnisse zugelötet.

Die Herzgruft bestand bis 1784 aus einer kleinen mit Marmor ausgekleideten Kammer im Fußboden hinter dem Altar und der Mauernische mit der Muttergottesstatue. Die Kammer, in die die Herzurnen gestellt wurden, war circa 40 cm tief. Eine eiserne und darüber eine marmorne Platte bildeten den Verschluss.

Im Zuge der Regotisierung der Augustiner Kirche im Jahre wurde die seit 1627 im Mittelschiff stehende Loretokapelle geschleift. Auf Drängen des Volkes wurde am 25. Mai 1784 aber eine neue Loretokapelle eingerichtet, für deren Standort Kaiser Joseph II. jenen unteren Teil der Georgskapelle bestimmte, der im Mittelalter dem Kloster als Kapitelsaal gedient hatte. Der Kapellenzugang ist mit einem kunstvollen Schmiedeeisengitter verschlossen.

Während der napoleonischen Kriege wurde 1809 die kostbare Silberausstattung der Loretokapelle eingeschmolzen, auch die meisten anderen Stücke der einst reichen Innendekoration gingen im Laufe der Zeit wieder verloren. Erhalten blieb jedoch ein Stein aus der Santa Casa, den ein Augustinermönch 1758 von einem Besuch in Loreto mitgebracht hatte. Dieser Stein wurde nach Abtragung der ursprünglichen Kapelle in die neue Loretokapelle übertragen, wo er sich heute noch befindet. Er trägt die Inschrift: „Dieser Stein ist aus dem wahren H. Hauss Mariae von Loreto hierher übertragen worden. Anno 1758.“

Im Zuge des Neubaus wurden auch die Herzurnen aus der alten Herzgruft in die neue Loretokapelle übertragen. Bis zum Bau der heutigen Herzgruft im Jahre 1802 wurden die Herzurnen in einem versiegelten Kasten aufgehoben. Für die im Laufe der Jahrhunderte entfernten Herzen wurde in der Augustinerkirche ein eigener Raum eingerichtet.

Naja, und über die Augustiner Kirche selbst werde ich Ihnen demnächst berichten.

Die Loretokapelle

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