QAnon: Verschwörungstheorien bedrohen die Demokratien

In den USA aber auch bei uns  

In „Zeiten wie diesen“, also derzeit 3-Krisen Zeiten (Gesundheit-, Wirtschaft/Sozial- und Klimakrise) blühen die Verschwörungstheorien. Nun haben Verschwörungstheoretiker zusammengefunden, und es gibt eine, no sagen wir einmal – gemeinsame Plattform, genannt QAnon. (Q für eine Person, anon für anonym).  Neulich, in den österreichischen Nachrichten über eine Demonstration sah ich einen jungen Mann, der eine Tafel mit „Q“ hielt. Seine Äußerungen, wofür das stünde, schienen mir sehr unbefriedigend – und so fing ich an, Informationen darüber zu suchen.

Also „Q“ steht für QAnon. Und was ist nun QAnon? Und ich fand eine Menge, und fand das recht verstörend. QAnon oder kurz Q nennt sich eine mutmaßlich US-amerikanische Person oder Gruppe, die seit 2017 Verschwörungstheorien mit teilweise rechtsextremem Hintergrund und nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Inhalte im Internet verbreitet. Das Pseudonym bezeichnet seitdem auch diese Verschwörungsthesen. Zentral ist die beleglose Behauptung, eine einflussreiche, weltweit agierende, satanistische Elite entführe Kinder, halte sie gefangen, foltere und ermorde sie, um aus ihrem Blut eine Verjüngungsdroge zu gewinnen. Diese wirren Theorien erinnern mich stark an die Ritualmorde des Mittelalters. Eine (christliche) Mehrheitsgesellschaft wirft einer gesellschaftlich ohnedies schon diskriminierten Minderheit (Juden) Ritualmorde vor. Historisch besonders wirksam waren Ritualmordanklagen im europäischen Christentum, die behaupteten: Die Juden bedürften des Blutes von Christenkindern für ihre Pessachfeier und zu verschiedenen magischen oder medizinischen Zwecken. Dieser Vorwurf tauchte erstmals 1144 in England auf und wurde zu einem dauerhaften Stereotyp des christlichen Antijudaismus. Die Legende bewirkte oft Judenpogrome, Lynch- und Justizmorde an den Beschuldigten, ihren Angehörigen und Gemeinden.

Ich hatte gehofft, dass dieses Denken der Vergangenheit angehöre!

Zurück zu QAnon-Thesen:  US-Präsident Donald J. Trump bekämpfe diese satanische Elite und einen vorgeblichen „Deep State“. Er ist der Held der QAnon Bewegung – Trump hinwieder nennt diese Anhänger Patrioten.

Die Behauptungen knüpfen an die von Trump-Anhängern im Präsidentschaftswahlkampf 2016 verbreitete „Pizzagate“-These an, wonach hochrangige Politiker der Demokraten angeblich einen internationalen Kinderhändlerring zur Prostitution Minderjähriger betreiben. Sie werden oft mit weiteren Verschwörungsthesen verknüpft. Daraus entwickelte sich eine Verschwörungsideologie mit Millionen Anhängern, die Experten in den USA und Deutschland als schwere aktuelle Gefahr für die parlamentarische Demokratie einschätzen.

Qs zentrale Behauptung lautet, Barack Obama, Hillary Clinton, George Soros und andere hochrangige Vertreter von Staat und Wirtschaft würden einen Putsch planen, um die USA in eine Diktatur zu verwandeln, und seien gleichzeitig in einen internationalen Kinderhändlerring verstrickt. Der Vorwurf des Kinderhandels, in den angebliche Vertreter des „Deep State“ und Prominente verwickelt seien, ist ein ständig wiederkehrendes Motiv. Patriotische Militärs hätten den politischen Außenseiter Trump zum Präsidenten gemacht, damit er diesem Treiben ein Ende setze. Außer Ronald Reagan seien sämtliche US-Präsidenten seit Lyndon B. Johnson kriminell, pädophil und satanistisch gewesen. Der Kinderhandel sei der Hauptzweck, zu dem die Verschwörer den Staat unterwanderten.

Trump sei der einzige Politiker, der es mit den Kinderhändlern, liberalen Globalisten und jüdischen Bankern aufnehmen könne. Der Tag der Abrechnung stehe bevor, an dem Trump ihnen offen den Krieg erklären werde. Dabei werde er von John F. Kennedy, Jr. unterstützt, der seinen Tod nur vorgetäuscht habe und bald zurückkehren werde. Es werde Zehntausende Verhaftungen geben, tausende Vorstände großer Unternehmen würden zurücktreten, da ihre geheime Herrschaft beendet sei, und auch Hillary Clinton werde in Haft genommen. Weiter behauptete Q, Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un sei eine von der CIA installierte Marionette. Trump habe sich mit Kim gegen die Verschwörer verbündet.

Ab Frühjahr 2020 verbreiteten QAnon-Anhänger Falschinformationen zur COVID-19-Pandemie: Die Massenquarantäne (der „Lockdown“) diene nicht der Pandemiebekämpfung, sondern solle Gelegenheit bieten, Kinder aus Folterkellern zu befreien, wo ihnen im Auftrag der Elite massenhaft Adrenochrom entzogen würde. Von diesem Stoffwechselprodukt des Adrenalins wird fälschlich behauptet, es würde ewige Jugend verleihen. Außerdem machten sich QAnon-Anhänger die ID2020-Verschwörungstheorie zu eigen, wonach Bill Gates plane, bei Impfungen Menschen ein RFID-Mikrochip implantieren zu lassen, der in der Folge sensible Daten übermittle.

In den USA kam es wiederholt in diesem Zusammenhang zu Gewalttaten: Am 31. Mai 2018 durchsuchten Mitglieder der Gruppe Veterans on Patrol („Veteranen auf Streife“) ein offenbar aufgegebenes Obdachlosenlager in Tucson (Arizona). Sie waren überzeugt, dass es sich dabei um ein Sex-Camp handele, in dem Kinder in einem unterirdischen Bunker festgehalten und dort sexuell missbraucht würden. Es konnten aber weder Kinder noch Leichen gefunden werden. Am 4. Juli 2018 veröffentlichte die Republikanische Partei von Hillsborough County (Florida) im Netz ein Video, in dem QAnon als „geheimnisvoller anonymer Leaker über die Aktivitäten des Deep State und die Gegenmaßnahmen von Präsident Trump“ bezeichnet wurde. Die Beiträge wurden später wieder gelöscht.

Wie viele Menschen zu diesem Netzwerk gezählt werden können, ist unklar. Die Verschwörungslegende wird aber unter anderem von rechten Politikern und Medien in den USA verbreitet. Q-Texte, sogenannte „Q-Drops“, sind oft kryptisch oder vollkommen unverständlich und werden auf eigenen Channels und sozialen Medien verbreitet (Facebook blockiert sie bereits). Die US-Bundespolizei stuft die QAnon-Bewegung bereits 2019 als inländische Terrorismusgefahr ein.

Im deutschsprachigen Raum wurden die QAnon-Behauptungen anfangs vornehmlich von Rechtsradikalen und Protagonisten der Reichsbürgerszene geteilt. Im Zuge der Proteste gegen die Corona-Maßnahmen wurden sie auch in Teilen dieser neuen Bewegung populär. Sie liefert klare Feindbilder, universelle Erklärungsmodelle für alle Vorgänge und apokalyptische Visionen. Sie negiert die Existenz von Zufällen und komplexen Zusammenhängen. Gegenbeweise sind in ihrem Narrativ nicht möglich. Ihren Anhängern gibt sie das Gefühl, Teil einer Elite zu sein, die im Besitz eines Geheimwissens ist und für das Gute kämpft. Wer widerspricht oder auch nur Zweifel äußert, wird dem Feindeslager zugeordnet. Experten sehen daher in der QAnon-Bewegung sektenähnliche Strukturen. Die QAnon-Legenden zeigen Bezüge zu apokalyptischen, religiösen Motiven wie einem prophezeiten Endkampf zwischen Gut und Böse. QAnon knüpft an bestehende Ressentiments an – beispielsweise gegen Medien und sogenannte Eliten.

Es scheint mir dermaßen wirr, dass ich es kaum glauben kann, aber dennoch müssen wir uns damit auseinandersetzen, um diesen Unsinn – im wahrsten Sinn des Wortes bekämpfen zu können.

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