Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.

Dieser seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. bestehende Merksatz gilt auch in Corona Zeiten

Wiederum neue Corona Restriktionen bei uns. Viele Leute sind sie schon leid. Sie ziehen sich lieber hinter Verschwörungstheorien zurück, und meinen, dass alle Maßnahmen – so ungefähr – eh nichts nützten. Dabei geht es aber primär darum, wie schütze ich mich selber, aber auch wie schütze ich auch andere. Nichts anderes will „Abstand halten, Maske Tragen, Händewaschen“ erreichen.  Es hat samt dem Baby-Elephanten nichts genützt, es müssen Ausgangssperren her, es müssen Regeln zur Begrenzung von Personen, die einander treffen eingeführt werden. Es muss Contact-Tracing durchgeführt werden, das bei der großen Menge von Fällen schon an der Grenze stößt – also muss wieder einmal das Bundesheer (unser „Mädchen für alles“) einspringen.

Aber eigentlich gibt es sie schon lange, die recht einfach zu befolgende Regeln; sie sind im Neuen Testament zu lesen: „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“. Das ist genau das, was wir immer tun sollen, nicht nur in dem „Drei-Krisen-Jahr (Gesundheits-, Wirtschafts- und Sozial-, Klimakrise).

Man kann es auch anders ausdrücken: „Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“ Anglikanische Christen prägten den Ausdruck Golden Rule seit 1615 zunächst für die in der Bibel überlieferten Beispiele, die das Tora-Gebot der Nächstenliebe als allgemein gültiges und einsehbares Verhalten auslegen. Die christliche Theologie sah darin seit Origenes den Inbegriff eines allgemein einsichtigen Naturrechts, durch das Gottes Wille allen Menschen von jeher bekannt sei. Wirklich?

Ähnliche, negativ oder positiv formulierte Merksprüche oder Lehrsätze sind seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. in religiösen und philosophischen Texten aus China, Indien, Persien, Altägypten und Griechenland überliefert. Diese Texte entstanden teilweise zeitlich parallel und werden nicht auf eine gemeinsame Quelle zurückgeführt. Wie das fortbestehende Vergeltungsprinzip (ius talionis) und das Tauschprinzip (do ut des) sind sie auf Wechselseitigkeit im Sozialverhalten bezogen und wenden sich an jedermann, setzen also ein Individualitäts- und Gattungsbewusstsein in nicht mehr überwiegend tribalistisch organisierten Gesellschaftsformen voraus. Seit außereuropäische Analogien in Europa bekannt wurden, bezog man den Ausdruck Goldene Regel auch darauf. Seitdem bezeichnet diese Goldene Regel  einen angenommenen ethischen Minimalkonsens unterschiedlicher Kulturen und Weltanschauungen und eine „unschätzbare Nützlichkeit“ als ethischer Wegweiser.

Die Regel verlangt einen Perspektivenwechsel und macht das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener zum Kriterium für moralisches Handeln. Das gilt auf jeden Fall als Schritt zu ethischer Eigenverantwortung mit der Kraft zur Selbstkorrektur.

Da sie aber keine inhaltliche Norm für richtiges oder falsches Verhalten benennt, wurde sie historisch verschieden gedeutet: etwa als Appell an eigennützige Klugheit, die Vor- und Nachteile zu erwartender Reaktionen auf das eigene Handeln zu bedenken, oder als Forderung nach Fairness, die Interessen und Wünsche Anderer als gleichwertig mit den eigenen zu berücksichtigen, oder als Achtung der Menschenwürde Anderer, die allgemeingültige Maßstäbe für ethisches Handeln impliziert. In der Philosophie der Neuzeit wurde sie oft als ethisch untaugliche Maxime verworfen oder auf verschiedene Weisen ergänzt und präzisiert.

Wir finden dieses Prinzip z.B. im Konfuzianismus (Konfuzius 551–479 v. Chr.), Hinduismus und Brahmanismus (entstanden von 400 v. bis 400 n. Chr.), Buddhismus (aus dem fünften Jahrhundert v. Chr.), Zoroastrismus etc. aber auch in der griechisch-römischen Antike.  Diese Gedanken finden sich in der Odyssee (720 v. Chr.), in den Historien des Herodot (um 450 v. Chr.), auch Platon hat dazu Stellung genommen.   Von Aristoteles (384–322 v. Chr.) sind zwar keine diesbezüglichen Beispiele überliefert. Aber seine Ethik über tugendhafte Beziehungen und Freundschaft war an dieser damals noch nicht Goldenen Regel genanntem Verhalten orientiert.

 Die spätestens 250 v. Chr. abgeschlossene Tora des Judentums enthält die Regel nicht, sondern konkrete Gebote zum Wohlverhalten gegenüber Anderen, darunter die Gebote der Nächsten-  und Fremdenliebe. Im Neuen Testament der Christen erscheint zweimal die positive Regelform als wörtliche Rede Jesu. Im Koran fehlt eine wörtliche Version der Regel. Einzelne Suren werden jedoch manchmal als Analogien dazu aufgefasst, etwa Sure: „Sie sollen verzeihen und nachlassen. Liebt ihr selbst es nicht, dass Gott euch vergibt?“ oder die mit dem Hinweis auf Gottes Endgericht „vor Betrug beim Abmessen warnt und gleiches Maß beim Geben und Nehmen“ anmahnt.

Angesichts des Dreißigjährigen Krieges und seiner Folgen suchten die Gebildeten in der Aufklärung seit etwa 1648 neue, auch von Religion und Konfession unabhängig einsichtige ethische Grundlagen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Zu diesem Regeln haben sich Thomas Hobbes in seinem Hauptwerk Leviathan (1651) bekannt, später auch John Locke, Leibniz, Voltaire, Rousseau, Emmanuel Kant (785, Kategorischer Imperativ), Schopenhauer, Nietzsche, Karl Popper – um nur einige zu nennen. Selbstverständlich sind hier auch die Menschenrechte zu nennen.

Welche Hinweise benötigen wir denn noch, um uns endlich vernünftig und richtig zu verhalten?  Reißen wir uns zusammen und bekämpfen diese grausliche Pandemie gemeinsam, aufeinander achtend.

Was du nicht willst, dass man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s