Der Weg der/des Terroristen

Durch das Wiener Bermudaviertel.

Am Abend des 2. November 2020 kam es, ausgehend von der Seitenstettengasse und dem Bermudadreieck, zu einem Terroranschlag in der Wiener Innenstadt. Dabei wurden fünf Personen (darunter ein Täter) getötet und 22 weitere teils schwer verletzt.

Das Areal des heutigen Bermudadreiecks zählt zu den ältesten Gegenden Wiens, hier befand sich einst der östliche Teil des römischen Legionslagers Vindobona. In der Neuzeit waren hier vor allem jüdische Händler ansässig, worauf die Benennung der Judengasse hinweist. 1826 wurde in der Seitenstettengasse der jüdische Stadttempel eröffnet. In den 1970er Jahren war die Gegend um den Rabensteig, die Seitenstettengasse und die Judengasse vor allem als jüdisches Textilviertel bekannt, da hier nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche jüdische Kaufleute Textilkaufhäuser für Großhändler betrieben.

Am 15. Mai 1980 wurde in einem ehemaligen Textilhaus am Rabensteig das Bierlokal Krah, krah eröffnet, was heute als Geburtsstunde des Bermudadreiecks gilt. Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts existierte hier ein Gasthaus Zu den drei Raben, nach dem die Gasse Rabenplatz, Drei Rabengasse, Rabengasse und schließlich ab 1862 Rabensteig benannt wurde. Am 13. November 1980 wurde die Kaktus-Bar in der Seitenstettengasse eröffnet, am 20. Mai 1981 folgte der  Rote Engel. Weitere Neo-Beisln folgten, darunter das Salzamt. Möglich wurde eine derartige Konzentration von Gastronomiebetrieben auf engem Raum erst durch eine kurz davor erfolgte Liberalisierung der Gewerbeordnung.

Der Name Bermudadreieck war bereits Anfang der 1980er Jahre für diese Gegend gebräuchlich. Die Namensgebung ist angeblich darauf zurückzuführen, dass so mancher Student für mehrere Nächte in diesem Viertel „verschollen“ war und sich danach an nichts erinnern konnte. Heute zählen auch Touristen zu den Gästen (außer in Corona-Zeiten). Mittlerweile hat sich nordwestlich der Judengasse bis zum Rudolfsplatz ein weiteres, vor allem von Jugendlichen frequentiertes Lokalviertel etabliert.

Die Seitenstettengasse ist seit 1827 benannt nach dem Seitenstettner Hof (Stift Seitenstetten). Um 1300 und noch 1587 hieß die Seitenstettengasse Am Kienmarkt, später (1684 bis 1821) findet sich die Bezeichnung Katzensteig.

Der Fleischmarkt gehört zu den ältesten Straßenzügen im babenbergerschen Stadterweiterungsgebiet und wird bereits 1220 als „carnifices Viennensis“ erwähnt. Hier war nicht nur der älteste Marktplatz für Fleisch, sondern zugleich auch der älteste Sitz der Fleischhacker und ihr Innungshaus. Das Aussehen der Gegend veränderte sich durch die Errichtung der (alten) Universität. 1683 litt der Fleischmarkt stark unter dem türkischen Beschuss von der Leopoldstadt her. Eine Zeitlang wurde auf dem Fleischmarkt auch der Holzmarkt abgehalten. 1759 stieß man bei Fundamentierungsarbeiten auf ergiebige Römerfunde (Steinsärge). Hierher zogen nach 1817 viele Griechen, in deren Händen der ganze Handelsverkehr nach dem Balkan und in die Levante lag.

Der Bauernmarkt war schon früh eine Örtlichkeit, an der die Bauern ihre Erzeugnisse selbst zum Verkauf anboten (die Bezeichnung „pawrnmarkt“ findet sich erstmals schon 1440); im 16. Jahrhundert wurde insbesondere mit Milch, Käse, Schmalz, Kraut und Trauben gehandelt. Der Name Bauernmarkt hielt sich auch, als die Bauern Anfang 18. Jahrhundert auf andere Plätze verwiesen wurden. Waren im südlichen Teil des Bauernmarkts Münzer ansässig, so war im nördlichen Teil der Verkaufsort für altbackenes Brot und Gebäck, das sich in früheren Jahrhunderten einer regen Nachfrage erfreute.

Mit Hilfe des Lösegelds, das für den in Erdberg gefangenen englischen Königs Richard Löwenherz erpresst wurde, finanzierte man die Babenbergerische Stadterweiterung am Ausgang des 12. Jahrhunderts, wobei der ehemalige Graben des römischen Militärlagers Vindobona (der im Mittelalter jenem vor der Burgmauer entsprach) in das Stadtgebiet einbezogen, zugeschüttet, planiert und verbaut wurde. Bereits um 1300 entstanden die beiden Häuserinseln am West- und Ostende des Grabens. Die unmittelbare Umgebung des westlichen Häuserblocks entstanden verschiedene Marktbezeichnungen (1300 Milchgraben, 1402 Kaltenmarkt, 1507 Fleischgraben, 1701 Grüner Kräutelmarkt). Der ihn jahrhundertelang beherrschende Marktbetrieb prägte den Charakter des Grabens. Am Ende des Mittelalters wurde der Platz immer stattlicher, es entstanden vornehme Bürgerhäuser, und 1455 ließ die Stadt den Florianbrunnen (Grabenbrunnen) errichten. 1552 zog Erzherzog Maximilian (aus Spanien kommend) über den Graben in Wien ein; in seinem Tross befand sich auch der erste Elefant, den man in Wien sah. 1600 übersiedelten der Krippen- und der Christkindlmarkt auf den Graben, und 1621 breitete sich der seit 1389 auf den Platz um die Peterskirche beschränkt gewesene Eiermarkt auf den Graben aus. Einen neuen Mittelpunkt bildete die von Leopold I. 1679 gestiftete Dreifaltigkeitssäule (Pestsäule). Hier wurden hohe weltliche und kirchliche Festivitäten (darunter Erbhuldigungszüge, unter anderem für Maria Theresia, und Fronleichnamsprozessionen) abgehalten. Unter Maria Theresia und Joseph II. entwickelte sich der Graben immer mehr zu einem Mittelpunkt des großstädtischen Lebens. Die Kaffeehäuser und Limonadenzelte waren ebenso berühmt, wie die Grabennymphen berüchtigt waren. Die „Grabenfiaker“ (die als die feschesten und elegantesten „Zeugln“ galten) wurden im „Fiakerlied“ verewigt. Der Grundriss des Grabens blieb bis 1840 unverändert. 1850 wurde ernsthaft ein Architektenvorschlag diskutiert, den Graben mit einem Glasdach zu versehen (ein Gedanke, der im Zuge der Schaffung der Fußgeherzone 1970 neuerlich auftauchte). im Jänner 1882 wurde am Graben die erste elektrische Probestraßenbeleuchtung in Betrieb genommen. 1971 wurde probeweise die erste Fußgeherzone Wiens eröffnet, die nicht nur beibehalten, sondern im Lauf der Zeit sogar beträchtlich erweitert wurde.

Über die restlichen Orte des terroristischen Geschehens werde ich baldigst berichten. Ob sich die Terroristen der Geschichte dieser Örtlichkeiten bewusst waren? Ich glaube es eigentlich nicht.

Der Weg der/des Terroristen

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