Der Weg des Terroristen (Teil 2 )

Geschichte und Geschichten dieser Stätten

Aber der Terrorist dürfte nicht besonders an Sehenswürdigkeiten und deren Geschichte interessiert gewesen zu sein.  Er lief zum Salzgries: schon zur Zeit der Römer muss hier eine Uferstraße zwischen Lagermauer und schiffbarem Strom bestanden haben; sie lag noch lange Zeit außerhalb der Stadtmauer. Die Gegend, ursprünglich „An dem Gries“ („Gries“ ist eine alte Bezeichnung für ein Ufer an einer Flussbiegung, bei dem sich durch die Strömung Kies und Sand abgelagert hat) genannt, heißt seit 1322 Salzgries. Da hier („am Gestade“) der südlichste Donauarm floss, konnten die auf der Donau ankommenden Salzschiffe unmittelbar anlegen. Der daraus resultierende starke Verkehr hatte zur Folge, dass auf dem Salzgries viele Einkehrwirtshäuser entstanden und auch manche Innungshäuser hierher verlegt wurden. Die Ringmauer wurde im Bereich des Salzgrieses erst 1661-1664 durch eine Kurtine ersetzt, welche die Elendbastei und die Große Gonzagabastei verband, hier stand auch die einzige Kaserne, die innerhalb der Stadtmauern lag.

Für mich hat der Salzgries eine persönliche Bedeutung, weil dort meine Schulfreundin, meine „beste“ Freundin, mit ihrer Familie wohnte, nämlich an der Ecke zur Fischerstiege.  Ich habe viel Zeit mit dieser Familie verbracht (wandernd sonntags im Wienerwald und einmal sogar während eines Urlaubs am Wörthersee, und mit eben dieser Freundin und ihrem Vater haben wir den Sonnblick bestiegen.)

Und nun zur letzten Station des Übeltäters:  dem Morzinplatz, benannt (1888) nach Vinzenz Graf Morzin. Hier mündete bis ins 16. Jahrhundert der stadtnächste (nicht mehr existente) Donauarm in den Donaukanal. Vinzenz Graf Morzin, (wahrscheinlich * 1803 Pilsen, † 1882 Wien), war Oberst, Kämmerer, Ehrenritter des Malteserordens. Die Familie Morzin war italienischen Ursprungs; der Name de Mauro wurde 1532 auf Morzin abgeändert. Als letzter seines Geschlechts vermachte er der Gemeinde Wien sein Vermögen in Höhe von einer Million Gulden für Arme und Waisen, insbesondere körperbehinderte (epileptische) Kinder.

Hier, an der Adresse nur. 4, stand einstmals ein „Interimstheaterbau“: das Treumanntheater. Es war ein Holzbau, dessen Feuergefährlichkeit bekannt war. Dennoch wurde das Theater am 1. November 1860 eröffnet. Das Privileg erstreckte sich auf Aufführungen von Wiener Possen mit Gesang und Tanz, Schau- und Lustspiele, Pantomimen und Singspiele, wogegen für die (ausdrücklich ausgenommenen) Opern jeweils eine Zusatzbewilligung notwendig war. Spätestens im Mai 1863 wurde mit der Errichtung eines Stabilbaus begonnen; das Recht, im Interimstheater zu spielen, wurde gleichzeitig bis 1865 verlängert. In der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 1863 wurde das Treumanntheater allerdings durch eine Feuersbrunst vollständig zerstört, worauf Treumann vom Bau des neuen Theaters Abstand nahm.

An der Brandstelle entstand 1871-1873 (im Zuge der Vorbereitungen für die Wiener Weltausstellung) das Hotel Métropole. Das imposante Hotel wurde 1871-1873 im Stil der italienischen Renaissance erbaut. Ein berühmter Gast war Mark Twain, der dort 1897 einen Teil seines insgesamt 20 Monate langen Wienaufenthalts bis Mai 1899 verbrachte. An der Front zum Franz-Josefs-Kai 33 betrieb der Vater Stefan Zweigs die Zentrale seiner Webwarenfabrik. Mein Vater arbeitete im Hotel Métropole solange dort der Hotelbetrieb bestand.

Das Hotel wurde nach dem „Anschluss Österreichs“ noch im März 1938 von Reinhard Heydrich für die Gestapo, das wichtigste Instrument des NS-Terrors in Österreich, beschlagnahmt. Er richtete hier die Staatspolizeileitstelle Wien ein (und dekretierte, dass das Gebäude nicht weiter Hotel Métropole zu nennen sei). Mit 900 Beamten der Kriminalpolizei und vielen Angehörigen der SS war das Haus die größte Dienststelle der Gestapo im „Großdeutschen Reich“. Im Jahr 1938 plante die Widerstandsgruppe rund um Karl Burian mit den für diesen Zweck durch den ehemaligen Eigentümer bereitgestellten Bauplänen des Hotels die Sprengung dieses Gestapo-Hauptquartiers, jedoch wurde vor der Verwirklichung des Planes die Widerstandsgruppe verhaftet.

 Am 15. Jänner 1945 richtete eine kleine Bombe keinen wesentlichen Schaden an und das Gebäude war nach Einmarsch der Russen noch vollkommen intakt. Erst am 18. April gelangten Plünderer in das Gebäude, die den Bau in Brand steckten. Ein Plünderer wurde erschossen, die anderen entkamen. Das Feuer wurde gelöscht. Doch am 22. April kam es zu einer fürchterlichen Detonation, das Feuer vom 19. April war wohl erstickt worden, gloste allerdings im Keller weiter, ohne bemerkt zu werden. Dort waren noch größere Koksvorräte angesammelt und wahrscheinlich gut getarnt, noch größere Munitionsvorräte, die sich entzündet und die Explosion hervorgerufen hatte. Die stehen gebliebene Hausruine wurde noch im Frühjahr 1945 in vier Abschnitten gesprengt, selbst ein Jahr später wölbte sich dort ein Schuttberg, der in seinem höchsten Punkt mehr als Stockwerkshöhe erreichte.

Der Täter muss wohl an der ehrwürdigen Ruprechtskirche, der ältesten Kirche Wiens,  vorbeigelaufen sein: Die Gründung der Ruprechtskirche geht vermutlich auf Salzburger Missionare oder auf Salzer (im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wien Personen, der der Detailverkauf des auf der Donau angelieferten Salzes an Wiener Haushalte vorbehalten war) zurück. Zu diesen gab es eine besondere Verbindung, da am Salzgries die Salzschiffe landeten. Der heilige Rupert erschloss Salzbergwerke, die es bereits vor der Römerzeit nördlich der Alpen gab, wieder und wurde daher zum Patron der Salzer, die die Kirche sehr förderten. Ab dem 14. Jahrhundert bildeten die Salzer hier eine eigene Zeche, die nicht nur an Wallfahrten und Prozessionen teilnahm, für die verstorbenen Brüder betete und für deren Seelenheil Messen lesen ließ, sondern auch durch ihre Geselligkeit und gegenseitigen Hilfeleistungen auffiel. Erst in der Reformationszeit wurde die Zeche aufgelöst, da die Salzburger Schiffer zum Protestantismus übertraten. Die Wiener Amtsleute der landesfürstlichen Salzkammer blieben jedoch katholisch und sorgten bis ins 19. Jahrhundert für diese Kirche.

Der Täter wurde in der Nähe der Ruprechtskirche erschossen.

Der Weg des Terroristen (Teil 2 )

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