Bomben in Wien: jetzt und damals

Die Vergangenheit holt uns immer wieder ein. In letzter Zeit sind drei Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg in Wien gefunden worden. Es war möglich sie letztlich gefahrlos für die Umgebung zu entschärfen.

Der Augarten ist am 17.11.2020 wegen des Funds einer Fliegerbombe geräumt und vorläufig gesperrt worden. Das Kriegsrelikt war auf einer Baustelle in der Großteils öffentlichen Parkanlage in der Leopoldstadt zutage befördert worden. Die Bombe ist vermutlich ein 100 Kilogramm schweres russisches Fabrikat. Tage zuvor wurde ebenfalls im zweiten Bezirk eine Bombe am Tabor entdeckt. Die russische Fliegerbombe wurde bei Bauarbeiten zutage befördert. Bis das 100 Kilogramm schwere Kriegsrelikt entschärft war, wurde das Gebiet abgeriegelt, zudem wurde aus Sicherheitsgründen ein Wohnblock in der Nähe geräumt. Eine weitere russische Fliegerbombe wurde bei Grabungsarbeiten in der Lobau in der Donaustadt gefunden und entschärft.

Ich gebe zu, von russischen Fliegerangriffen auf Wien hatte ich bisher noch nichts gehört. Ich weiß von über 50 Luftangriffen auf die Stadt Wien während des Zweiten Weltkrieges. Die Luftangriffe wurden von Einheiten der britischen Royal Air Force (RAF) und den United States Army Air Forces (USAAF) ausgeführt.

Da das Gebiet des „Reichsgaus Groß-Wien“ bis 1943 nicht bombardiert wurde, beziehungsweise an der Grenze der Reichweite britischer und US-amerikanischer Langstreckenbomber und deren  Begleitjäger lag, galt die Stadt gemeinsam mit dem restlichen Österreich im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs lange als „Reichsluftschutzkeller“. Erst nach der Alliierten Invasion Italiens im September 1943 geriet auch Wien in die direkte Reichweite der bei Foggia stationierten 15. US-Luftflotte.

Wien wurde erstmals am 17. März 1944 getroffen. Primär sollten bei diesem Angriff durch Verminung der Donau die Tank­schifffahrt und die Raffinerie Floridsdorf getroffen werden. Am 16. Juli 1944 wurden die Bezirke Favoriten, Simmering, Döbling, Floridsdorf und Klosterneuburg bombardiert. Nach Bombentreffern brannten die fünf Simmeringer Gasometer aus und es gab schwere Schäden im Fasanviertel. Bei einem Angriff am 23. August 1944 waren Margareten, Schwechat, Mödling, Liesing und Favoriten betroffen. Im Zirkus Rebbernig entfloh nach einem Bombentreffer ein Tiger; er wurde erlegt.

Die Jagdflugzeuge der Luftwaffe waren trotz ihrer numerischen Unterlegenheit noch sehr effektiv. Unterstützt wurde sie von dem Ring aus Flakgeschützen, der um die Stadt angelegt war, sowie den drei Paaren Wiener Flaktürme (im oben erwähnten Augarten, im Arenbergpark, im Esterhazypark und in der Stiftskaserne), die 1944 im Stadtgebiet errichtet worden waren. Der militärische Nutzen der Flaktürme war allerdings fraglich, da die feindlichen Bomber in kaum erreichbaren Höhen flogen.

Am 10. September 1944 kam es zum ersten Großangriff aus der Luft auf Wien. Rund 350 US-Bomber warfen ihre Bomben ab; neun Bezirke samt der Freyung, des Alten Rathauses, des Innenministeriums sowie des Heiligenkreuzer Hofes wurden getroffen und 791 Menschen getötet. Am 17. Oktober 1944 waren die von den Luftangriffen betroffenen Bezirke Leopoldstadt, Landstraße, Wieden, Margareten, Favoriten, Simmering, Meidling, Hietzing, Penzing, Rudolfsheim-Fünfhaus, Döbling, Floridsdorf und Donaustadt. Beschädigt wurden die Karlskirche und das Schloss Belvedere. Bei Angriffen am 5. November und 6. November 1944 gab es Schäden in der Inneren Stadt, Leopoldstadt, Landstraße, Wieden, Margareten, Josefstadt, Mariahilf, Alsergrund, Favoriten, Simmering, Meidling, Hernals, Währing, Döbling, Brigittenau, Floridsdorf, Mödling und Liesing. Am 15. Jänner 1945 wurden die Bezirke Innere Stadt, Leopoldstadt, Landstraße, Josefstadt, Alsergrund, Penzing, Rudolfsheim-Fünfhaus, Ottakring, Hernals, Währing, Döbling und Floridsdorf getroffen. Bekannt ist der Angriff vom 19. Februar 1945, weil neben den Bezirken Favoriten, Meidling und Hietzing auch das Schloss Schönbrunn mit dem Tiergarten bombardiert wurde. Von den 3500 Tieren im Tiergarten Schönbrunn überlebten nur 1500. Der schwerste Angriff erfolgte am 12. März 1945. Am siebenten Jahrestag des Anschlusses startete die US-Luftwaffe in Foggia den größten Bombenangriff, der je gegen österreichisches Gebiet geflogen wurde. Geplantes Ziel war die Ölraffinerie in Floridsdorf. 747 Bomber, begleitet von 229 Jagdflugzeugen, bombardierten 1½ Stunden lang die Stadt. Die Ölraffinerie bekam aber keinen schweren Treffer ab. Getroffen wurden Teile des Zentrums von Wien: Die Staatsoper brannte aus, der Heinrichshof, das Burgtheater, die Albertina und der Messepalast wurden beschädigt und der Philipphof stürzte komplett ein. Rund 200 Menschen, die in dem als besonders sicher geltenden Luftschutzkeller darunter Schutz gesucht hatten, starben. Bis heute liegen die meisten von ihnen unter dem Platz begraben. Erheblich beschädigt wurden auch das Kunsthistorische Museum, die Hofburg, der Stephansdom, das Volkstheater und die Wiener Elektrische Stadtbahn. Auch das Hauptquartier der Gestapo in Wien, das Hotel Métropole am Morzinplatz und andere Gebäude am Donaukanal wurden zerstört.

Für mich heißt das, dass die russischen Bombardements während des Kampfes um Wien auf die Stadt geworfen worden sein mussten. Als Schlacht um Wien werden die Kämpfe zwischen der Roten Armee und der deutschen Wehrmacht in Wien und dem Wienerwald vom 16. März bis 15. April 1945 bezeichnet. Der Kampf im Stadtgebiet dauerte vom 6. bis 13. April.

Die sowjetische Rote Luftwaffe war 1941 die größte Luftstreitmacht der Welt und hatte eine Stärke zwischen 12.000 und 15.000 Flugzeugen. Die Taktik der Sowjetunion war das Bilden von großen gemischten Flugzeugverbänden, sogenannten Luftarmeen mit bis zu 1.000, später bis zu 1.500 Flugzeugen. Jede Luftarmee war einer Front zugeteilt, deren Oberbefehlshaber sie unterstand. Dadurch konnte ein enges Zusammenwirken von Land- und Luftstreitkräften gewährleistet werden.  Schlachtflieger erwiesen sich im Zusammenspiel mit den Bodentruppen als äußerst effektiv.

Bis zum Ende des Krieges flogen die sowjetischen Luftstreitkräfte rund 3 Millionen Einsätze und waren nach dem Heer die zweitgrößte Teilstreitmacht der Roten Armee. Aber über ihre Aktivitäten in Wien, woher die jetzt gefundene Bomben stammen, muss ich noch „tiefer“ recherchieren.

Bomben in Wien: jetzt und damals

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