Wie durch Teilen vermehrt wurde

Wie Niederösterreich ein eigenes Bundesland wurde und später seine eigene Hauptstadt bekam

Ich bin Wienerin mit Herz und Seele, aber ich wurzle auch in Niederösterreich. Vor 95 Jahren war das „ein Kronland“. Jetzt sind es zwei Bundesländer, und seit 1986 ist Wien auch nicht mehr die Hauptstadt Niederösterreichs. Die Trennung war nicht einfach.

1918 wurde Österreich zu dem „was aus der Monarchie übrigblieb“. Es hatte die wichtigsten Industrien an die Tschechoslowakei verloren, die Landwirtschaft an Ungarn. Aber Wien verfügte überzahllose Beamte, die das große Reich verwaltet hatten, die der Monarchie gedient hatten aber jetzt ihre Funktion verloren hatte. Manche davon zogen  in die ehemaligen Kronländer – aber der damals so bezeichnete „Wasserkopf“ Wien bleibt für die kleine Land Österreich viel zu groß. Ein Drittel der österreichischen Bevölkerung lebte in der Stadt Wien, Niederösterreich und Wien, zusammen ein Bundesland stellte die Hälfte der Gesamtbevölkerung Österreichs – damals. Durch ihre Stärke in Wien hielten die Sozialdemokraten auch eine knappe Mehrheit im niederösterreichischen Landtag und stellten den Landeshauptmann. Die nicht unumstrittene Loslösung war unter anderem deswegen notwendig geworden, weil die dicht bevölkerte, sozialdemokratisch orientierte ehemalige Kaiserresidenz nun im niederösterreichischen Landtag mehr Abgeordnete stellte als die vier Landesviertel (Waldviertel, Weinviertel, Mostviertel, Industrieveriertel). Diese waren darüber hinaus traditionell mehrheitlich christlichsozial geprägt.

Also beschloss man, sich zu trennen: Die Bundesverfassung hatte 1920 als Übergangslösung neben dem Niederösterreichischen und dem Wiener Landtag für gemeinsame Angelegenheiten auch noch einen Gemeinsamen Landtag vorgesehen; dieser wurde aber nicht benötigt, da die beiden neuen Bundesländer nicht die Absicht hatten, politische Gemeinsamkeiten aufrechtzuerhalten. Die Trennungsgesetze vom 29. Dezember 1921, die mit 1. Jänner 1922 in Kraft traten, trugen dem Wunsch nach möglichst vollständiger Trennung, auch was das Eigentum des bisherigen gemeinsamen Landes betraf, Rechnung. Der niederösterreichische Regierungssitz blieb damals Wien, im Niederösterreichischen Landhaus in der Wiener Herrengasse (heute „Palais Niederösterreich“).

Mit dem Ergebnis waren aber längst nicht alle zufrieden. Die Christlichsozialen in Wien und die Sozialdemokraten in Niederösterreich wurden zur politischen Minderheit und beugten sich teilweise nur widerwillig ihren Kollegen im jeweils anderen Land. Für Niederösterreich erwies sich die Trennung als wirtschaftlicher Fehler. Es war kaum in der Lage, ohne die Gelder aus Wien zu überleben. Währenddessen baute die Sozialdemokratie mithilfe neuer Landessteuern am roten Wien, das für sie zum Vorzeigeprojekt, für die Bürgerlichen aber zum Hassobjekt wurde, auf das sich fortan ihre politischen Angriffe konzentrierten.

Die auf die letzten Wiener Eingemeindungen bis 1910 zurückgehenden Grenzen zwischen den beiden neuen Bundesländern wurden 1938 durch die nationalsozialistische Gebietsreform verändert: Es wurden 97 niederösterreichische Ortsgemeinden in die Stadt Wien (bald Reichsgau Wien) eingemeindet, wodurch Groß-Wien entstand. 1946 wurde verfassungsrechtlich in Wien, in Niederösterreich und im Bund entschieden, 80 dieser Gemeinden an Niederösterreich rückzugliedern. Auf Grund eines Einspruchs der sowjetischen Besatzungsmacht konnten diese Verfassungsgesetze erst 1954 kundgemacht werden und in Kraft treten. 17 im Jahr 1938 eingemeindete Orte blieben bei Wien.

Der Weg zur eigenen niederösterreichischen Landeshauptstadt sollte sich noch als steinig erweisen: 1986 entschieden, sollte es bis 1997 dauern, bis die Übersiedelung ins St. Pöltner Regierungsviertel erfolgte. Die sogenannten „Hauptstadtfrage“ wurde per Volksbefragung 1986 den Niederösterreichern selbst gestellt: Die Stimmenmehrheit fiel, wie aus demographischen und politischen Gründen zu erwarten war, auf Sankt Pölten (45 %), welches sich damit vor Krems (29 %) platzierte. Die Städte im Wiener Umfeld Baden (8 %) und Tulln (5 %) waren chancenlos, und Wiener Neustadt (4 %), für dessen Bewohner die Hauptstadtgründung im Westen des Landes eine echte Verschlechterung darstellte, landete am letzten Platz der auf dem Stimmzettel vorgegebenen Städte. Der Slogan des damaligen Landeshauptmanns Siegfried Ludwig für eine Teilnahme an der Abstimmung lautete: „Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft“.

Mir stellt sich hier die Frage: Was hat nun diese Trennung, diese Teilung gebracht?  Ich gebe zu, ich war eher gegen die Verlegung der Hauptstadt, aber wir Wiener wurden da ja nicht mehr gefragt. Ich muss zugeben, wirtschaftlich scheint es Wien nicht beeinträchtigt, aber Niederösterreich gewaltig genutzt zu haben. Es wurde eine neue Hauptstadt – aus dem Boden gestampft. Und das Regierungsviertel kann sich durchaus sehen lassen.

Soweit ich das beurteilen kann, hat sich dort – und dezentral in vielen Orten Niederösterreichs – eine beachtliche Kulturszene etabliert. Ja, als Wiener ist es halt etwas mühsam extra hinzufahren, aber es lohnt dann allemal (ich bin z.B. ein Fan des Museums Niederösterreich und seiner Ausstellungen). Besucht sollten dort auch das Festspielhaus St. Pölten (international als Standort für modernen Tanz bekannt), die Bühne im Hof (Kleinkunst), das Landestheater Niederösterreich, das Stadtmuseum, die Ehemalige Synagoge …

Auch die Kremser Kulturmeile ist anziehend, sowie Nitsch-Museum in Mistelbach, das Schiele Museum in Tulln, und Gugging ist sowohl künstlerisch als auch wissenschaftlich bedeutend geworden.

Ich meine, dass dieses Trennen und Teilen langfristig für alle Beteiligten viel gebracht hat!

Wie durch Teilen vermehrt wurde

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