Die Gegenüberstellung

Von potentiellen Tätern in meinem Betrugsfall

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.  Wie immer hatte ich einen Plan für diesen Tag, ich hatte bereits Themen, über die ich schreiben wollte.

Und dann kam ein Anruf – es war die Polizei, es sollte eine Gegenüberstellung mit einem der Täter, die bei meinem „schweren Betrugsfall“ aktiv gewesen war, erfolgen. (Darüber habe ich recht ausführlich unter

https://christachorherr.wordpress.com/2020/09/29/warnung-teil-1/

https://christachorherr.wordpress.com/2020/09/29/warnung-teil-2/  geschrieben)

Ich hatte keine Ahnung, wie eine Gegenüberstellung durchgeführt werden sollte und war daher auch auf gar nichts vorbereitet gewesen. Bin also ohne Handy (Mantel, Handtasche etc.) aus dem Haus gegangen, in der Annahme sofort wieder zurückzukommen. Ich hatte auch meinem Mitbewohner nichts gesagt, als ich weggegangen bin.

Jedenfalls, die „Polizei“ holte mich von zu Hause ab, ich wurde in eine der Abteilungen der Landespolizeidirektion Wien gebracht. Dort musste ich ein Weilchen warten.

Dann kam die eigentliche Gegenüberstellung. An einer Wand wurden sechs Personen aufgestellt – ich kam mir wie in einem Kriminalfilm vor – ich könnte sie zu irgendwelchen „Tätigkeiten“ auffordern, wie z.B. Herumgehen, jeder hatte eine Tafel mit einer Nummer vor sich. Alle waren maskiert (wie ja damals der Täter auch).  Ich stand ihnen einfach gegenüber, nicht hinter einer Glaswand, sie konnten mich daher erkennen. Ich betrachtete die Gruppe recht eingehend, forderte keine Bewegungen oder sonstige Aktionen ein. Einer der Aufgestellten „könnte“ es gewesen sein. Er war dunkelhaarig, hatte dunkle Augen, in etwa die Größe des Täters, soweit ich ihn in Erinnerung hatte. Aber die Frisur stimmte nicht ganz, ich glaube, den Täter eher glatthaarig in Erinnerung zu haben, und vor allem stimmte seine Haltung nicht überein. Dieser junge Mann stand etwas vornübergebeugt, während mir der damalige Täter aufrechter erschien. Ich urteilte, dass dieser junge Mann mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% der Täter sein könnte.

Ich hatte gehofft, schon wieder nach Hause gehen zu können, aber es sollte noch ein zweiter potentieller Täter vorgeführt werden. Während nun dieser zweite Kandidat „organisiert“ wurde, begann ich über die Konsequenzen meiner Handlungen nachzudenken, wenn jetzt jemand, aufgrund meiner Einschätzung verurteilt wird? Und diese meine Einstellung wäre aber falsch. Würde ich einen Unbescholtenen zu einer Haftstrafe verdammen, zu einer Eintragung in ein Strafregister, das ihn in Zukunft bei jeder Jobsuche behindern würde. Andererseits, wenn ich einen Täter aufgrund geänderter Frisur, andere Kleidung und veränderter Haltung nicht erkennen würde, und er letztlich freikäme, und weitere Taten verüben könnte, wäre ich dann nicht mitschuldig, an seinen weiteren Taten. Nun, es handelte sich ja um kein Kapitalverbrechen, aber dennoch, meine Verantwortung ist groß, und so muss auch meine Sorgfalt sein.

Es kommt noch eines dazu, während des Ablaufs dieses Verbrechens habe ich nicht besonders darauf geachtet, mir den Täter (der ja nur ein Gehilfe des eigentlichen Täters war, der mich mit seinen Telephonaten bedrängte) genau anzuschauen. Außerdem habe ich ein sehr schlechtes Gedächtnis, was Gesichter anlangt.

Ich war dann schon ein wenig ungeduldig, dass ich zu Hause nicht anrufen konnte, weil ich ja das Handy nicht dabeihatte und die Zeiten, als man die die wichtigsten Telephonnummern noch auswendig kannte, sind längst vorbei. Ich rief unsere Festnetznummer zu Hause an, und selbstverständlich fühlen sich meine Mitbewohner davon nicht betroffen und hoben nicht ab. Aber die Polizei konnte auch die Handynummern meiner Mitbewohner ausfindig machen. Der Anruf war recht unwillkommen, da mein Enkel gerade in einer on-line Sitzung beschäftigt war.

Dann war auch der weitere „Kandidat“ bereit. Wieder waren 6 Personen aufgestellt, mit Maske und einer Nummer in der Hand. Diesmal wählte ich, damit es nicht gar so eindeutig ausschaut, zwei Kandidaten aus, ließ sie auf und ab gehen, einen sogar davon laufen. Aus der Gruppe kam wieder eindeutig nur einer in Frage. Ich konzentrierte mich halt neuerlich auf die Augen, auf die Haare (die diesmal etwas besser „passten“) und die Größe. Vor allem aber entschied für mich die „Haltung“ – in diesem zweiten Fall etwas „aufrechter“. Aus dem Gang konnte ich leider nichts schließen. Diesem Kandidaten teilte ich eine Wahrscheinlichkeit von 60 % zu, dass er der Täter gewesen sein könnte.

Es wurde mir versichert, dass kein Richter einen Straftäter, beruhend auf einer Wahrscheinlichkeit von 60%, verurteilen würde. Ich war dann doch wieder etwas beruhigter. Denn nur wenn ich spontan hätte sagen können, „das ist er!“, hätte meine Aussage bei einer Verhandlung Gewicht.

Natürlich habe ich Erkundigungen eingezogen, wer die „anderen 5 Personen“ gewesen wären – mir wurde mitgeteilt, es wären keine anderen Täter, sondern Polizisten. Auf meine Frage, ob einer der Polizisten schon einmal (fälschlich) als Täter identifiziert worden wäre, wurde mit ja geantwortet. Der Spott der Kollegen war ihm sicher. Also ich habe keinen Polizisten bei dieser Gegenüberstellung fälschlich eines Verbrechens bezichtigt.

Nach dieser Prozedur wurde ich wieder nach Hause gebracht. Allerdings wurde mir auch mitgeteilt, dass man mich im Bedarfsfalle – wenn neue potentielle Täter gefasst würden, wieder „abholen“ werde.

Die Gegenüberstellung

2 Gedanken zu “Die Gegenüberstellung

  1. Dr. Max Arbesser schreibt:

    Liebe Frau Dr. Chorherr,

    heute morgen (28.11.2020) lasen wir Ihren beklemmenden Bericht über die perfide Beraubung.
    Die Nachricht ist ja nicht mehr ganz neu, doch die Tatsache hat mich beim ersten Mal ebenso erschüttert wie heute bei der detaillierten Schilderung des Hergangs.
    Ich wollte Ihnen schlicht mein Mitgefühl aussprechen, denn die Kombination von physichem Verlust der liebgewonnenen Wertgegenstände und psychischer Belastung, dass so ein mieser Trick bei Ihnen als wirklich gescheitem Menschen verfangen konnte, ist wohl ein besonders übler Cocktail, der hoffentlich nicht zu lange nachwirkt.
    Es kann kein Trost für Sie sein, aber ich fühle mich irgendwie an die Pensionsversprechungen unserer Bank erinnert, die uns 2000 mit großem Druck erfolgreich – bis auf ganz wenige Skeptiker – in die Pensionskasse verführten/psychisch zwangen und damit bisher eine Pensionskürzung auf die Hälfte der Zusage schafften. Auch hier stellt sich mir im Nachhinein die Frage nach der eigenen Geistesverfasstheit in einer kritischen Entscheidungssituation. Mir ist natürlich bewusst, dass der Vergleich angesichts der elenden Druckatmosphäre, der Sie durch Verbrecher ausgesetzt waren, ordentlich hinkt.
    Umso mehr mit allen guten Wünschen für Ihren Seelenfrieden und ganz herzlichen Grüßen
    Ihr

    Max Arbesser

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    1. Lieber Herr Dr. Arbesser,
      Ich hab‘ mich so gefreut, als ich Ihre Message gelesen habe. Danke für Ihr Mitgefühl, ich habe ja selbst – in meinem Blog darüber geschrieben weil es mir wichtig ist, möglichst viele Menschen vor diesen Verbrechern zu warnen.
      Ja, es gibt Menschen, die sehr fähig sind, andere zu manipulieren – in allen Weltgegenden, zu allen Zeiten und bei allen Gelegenheiten. Vielleicht war ich – besonders im Zusammenhang mit der vorgeblichen Polizei anfällig für „Autoritätsgläubigkeit“.
      Ich hoffe, dass es Ihnen und Ihrer Familie gut geht, dass Sie von der Seuche verschont bleiben und eine gutenAdvent verbringen können
      Liebe Grüße
      Christa Chorherr

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