Einer meiner Traumorte: Timbuktu

Leider auch durch islamische Extremisten teilzerstört

Es gibt Orte auf der Welt, deren Namen allein meine Phantasie anregen. Anders als „in der Phantasie“ geht es derzeit ohnedies nicht, obwohl die Reisebüros offen hätten (was ich auch wiederum nicht ganz verstehe – jetzt im Lockdown und der Zeit der Reisebeschränkungen, aber man muss ja nicht alles verstehen).

Einen dieser meiner Traumorte möchte ich heute für Sie beschreiben, obwohl er inzwischen teilzerstört worden ist:  Timbuktu. Mein Schwager war dort gewesen, noch vor der Zerstörung – ich habe ihn glühend beneidet. Timbuktu ist eine Oasenstadt – schon diese Vorstellung ist eine anregende, und liegt in Mali, einem Binnenstaat in Westafrika.

 Auf dem Gebiet des heutigen Mali existierten im Laufe der Geschichte drei Reiche, die den Transsaharahandel kontrollierten: das Ghana-Reich, das Mali-Reich, nach dem der moderne Staat benannt ist, und das Songhai-Reich. Im goldenen Zeitalter Malis blühten islamische Gelehrsamkeit, Mathematik, Astronomie, Literatur und Kunst. Im späten 19. Jahrhundert wurde Mali Teil der Kolonie Französisch-Sudan. Zusammen mit dem benachbarten Senegal erlangte die Mali-Föderation 1960 ihre Unabhängigkeit. Kurz danach zerbrach die Föderation, und das Land erklärte sich unter seinem heutigen Namen unabhängig. Nach langer Einparteienherrschaft führte ein Militärputsch 1991 zur Verabschiedung einer neuen Verfassung und zur Etablierung eines demokratischen Mehrparteienstaates.

Im Januar 2012 eskalierte der bewaffnete Konflikt in Nord Mali erneut. Im Zuge dessen proklamierten die Tuareg-Rebellen die Abspaltung des Staates Azawad von Mali. Der Konflikt wurde durch den Putsch vom März 2012 und spätere Kämpfe zwischen Islamisten und den Tuareg noch verkompliziert. Angesichts der Gebietsgewinne der Islamisten begann am 11. Januar 2013 die Operation Serval, im Verlaufe derer malische und französische Truppen den Großteil des Nordens zurückeroberten. Der UN-Sicherheitsrat unterstützt den Friedensprozess mit der Entsendung der MINUSMA (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali), an der auch Österreich beteiligt ist.

In kulturellen Bereichen hat Mali lange Traditionen vorzuweisen. Speziell in Musik, Tanz, Literatur und bildender Kunst führt es ein eigenständiges Kulturleben, das weit über seine Grenzen hinaus bekannt ist.

Der Name Timbuktu bedeutet angeblich „Brunnen der Buktu“. Der Sage nach war Buktu eine Sklavin, die mit einer Ziegenherde von den Tuareg hier zur Bewachung eines Brunnens zurückgelassen wurde. Der Name soll „Frau mit einem großen Bauchnabel“ bedeuten. Einige Historiker sehen in dieser Überlieferung die ins Mythische übertragene Rechtfertigung der einstigen Oberschicht von Timbuktu für die soziale Schichtung, also die Zweiteilung in hellhäutige Herren, die Tuareg, und dunkelhäutige Vasallen, die Bella. Timbuktu liegt am südlichen Rand der Sahara, deren Ausbreitung der Stadt die meisten Probleme bereitet. Der Sand breitet sich überall in den Straßen aus.

Was nun die Faszination der Stadt für mich ausmacht, ist ihr „Goldenes Zeitalter“, der Baustil und vor allem die Bibliotheken. Diese Glanzzeit erlebte Timbuktu im 15. und 16. Jahrhundert. Die Karawanenmetropole am Niger war damals die größte Stadt der Region und hatte geschätzte 15.000 bis 25.000 Einwohner. Hauptquelle des Reichtums war der Handel mit Salz, Gold und mit Sklaven sowie Eunuchen. Darüber hinaus entwickelte sich Timbuktu als Mittelpunkt des islamischen Geisteslebens in Westafrika. An der Sankoré-Moschee existierte eine Madrasa, vergleichbar einer mittelalterlichen Universität, an der die arabische Sprache, Rhetorik, Astrologie, die Rechtsprechung und die Schriften des Korans gelehrt wurden. Daneben gab es 150 bis 180 Koranschulen, an denen häufig von einem einzigen Lehrer religiöse und juristische Themen unterrichtet wurden. Aus dieser Epoche stammen die meisten Moscheen von Timbuktu. Als letzte wurde oben erwähnte Sankoré-Moschee im Jahre 1581 restauriert und in ihrer heutigen Ausdehnung fertig gestellt.

Die ursprüngliche Bauweise in Timbuktu war durch den Mangel an Steinen bedingt. Daher wurde überwiegend mit Lehm gebaut. In bienenkorbähnlichen Rundbauten lebte die überwiegend ärmere Bevölkerung. Spätestens im 15. Jahrhundert setzte sich ein aufwändigerer Baustil durch, der vor allem die Häuser der Oberschicht (Verwaltungsbeamte, Kaufleute und Gelehrte) prägte. Besonders deutlich wird diese Form der Lehmarchitektur an den Moscheen mit ihren sich nach oben verjüngenden Türmen. Das Grundgerüst bildeten Konstruktionen aus Holz, die mit Lehm verkleidet wurden. Dadurch ließen sich zweistöckige Gebäude errichten, in denen das Untergeschoss als Koranschule, Lager- und Verkaufsraum oder Werkstatt genutzt wurde, während das obere, meistens luftig gestaltete Stockwerk als Wohnbereich diente. In den Häusern der Gelehrten befanden sich privaten Bibliotheken. Dieses Bauen führte jedoch bei heftigen Regenfällen zu massiven Bauschäden oder Einstürzen.

Daneben finden sich in Timbuktu mehrstöckige Wohnhäuser aus Kalkstein. Der Stil wurde Ende des 16. Jahrhunderts an den Niger gebracht. Die Fassaden sind vertikal gegliedert und nach marokkanischem Vorbild mit „andalusischen“ Fenstern und massiven Holztüren geziert. Die Fenster waren damals nicht verglast, sondern durch filigrane Holzgitter verblendet. Die Türen zeichnen sich durch kunstvolle Eisenblechbeschläge und geometrische Muster aus großen Eisennägeln aus, die ihr Vorbild im einstigen Al-Andalus haben.

Der Schotte und britische Offizier Alexander Gordon Laing war der erste Europäer, der 1826 nachweislich Timbuktu erreichte. Er wurde auf dem Rückweg von Mauren erschlagen und seine Aufzeichnungen sind spurlos verschwunden Erst René Caillié, der 1828 als Araber verkleidet nach Timbuktu reiste, konnte in Europa von dieser Stadt berichten.

Am 1. April 2012 wurde Timbuktu von Tuareg eingenommen, die für einen eigenen Staat kämpften. Am 5. April wurden die Tuareg von der islamistischen westafrikanischen Gruppe Ansar Dine vertrieben. In den folgenden neun Monaten kontrollierte sie zusammen mit Al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI) die Stadt. Die Islamisten versuchten, eine strenge Form der Scharia durchzusetzen, und zerstörten mehrere weltbekannte Mausoleen. Ende Januar 2013 wurde Timbuktu von französischen und malischen Truppen zurückerobert. Die Islamisten hatten kurz vor der Einnahme der Stadt eine wichtige Bibliothek mit vielen Handschriften in Brand gesteckt hatten. Im März 2013 versuchten Islamisten erneut, in der Stadt Fuß zu fassen. Viele von den Kunstschätzen sind in diesen unruhigen Zeiten verloren gegangen, aber vieles konnte andererseits auch gerettet werde.

Vielleicht können Sie nachvollziehen, warum ich so gerne nach Timbuktu gereist wäre.

Einer meiner Traumorte: Timbuktu

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