Meine Schwiegermutter

Und der silberne und der goldene Sonntag

Vielleicht erinnern sich noch manche, jedenfalls die Älteren: es gab den Silbernen und den Goldenen Sonntag. Das waren die beiden letzten Adventsonntage, an denen die Geschäfte zum Einkaufen offenhalten durften (mussten).  Also gar so neu ist es heutzutage nicht, an Sonntagen aufzusperren.

Aber dazu möchte ich Ihnen eine persönliche Geschichte erzählen. Nämlich einen Teil der Geschichte meiner Schwiegermutter. Mit den Menschen ihrer Generation hat es das Schicksal nicht wirklich gut gemeint. Ganz knapp noch im 19. Jahrhundert geboren, zwei Weltkriege erlebt, die Spanische Grippe nach dem Ersten Weltkrieg durchgestanden, konfrontiert mit der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Und dann noch vom Zweiten Weltkrieg überrollt – als “Benachteiligte“, nämlich als, wie es damals hieß, Halbjüdin. Im Jahr 1945 verwitwet, mit zwei Buben im Alter von zwölf und zehn Jahren. Sie stand wirklich vor dem Nichts.

Wie sollte es jetzt weitergehen? Ihr Mann, hatte ihr zwei kleine Geschäfte hinterlassen, „Parfümerie und Drogerie“, eine in der Belvederegasse und eine in der Jägerstraße. Jene in der Belvederegasse war zwar „etwas bombenbeschädigt“ aber das räumt man halt klaglos zur Seite. Es war nicht einfach, besonders anfangs. Eine berühmte familiäre Legende stammt aus dieser Zeit: zwei Russen betraten das aufgeräumte Geschäft – das allein empfand man damals schon als Bedrohung – in der Suche nach Alkohol. Sie fanden ihn in den großen Gasflaschen, in denen Parfum aufbewahrt wurde, um es in kleinen Flaschen der Kunden abzufüllen. Sie tranken dieses Parfum – und zogen friedlich wieder ab. Der Vorfall ist damit glimpflich verlaufen.

Ihr Leben war nicht einfach, sie arbeitete selbstverständlich 6 Tage die Woche, abwechselnd mit einem Angestellten in beiden Geschäften, am Wochenende wurde „der Papierkram“ erledigt. Ihre Buben gingen beide ins Akademische Gymnasium und nachmittags zu den Jesuiten, wo unter Aufsicht die Aufgaben gemacht und gelernt wurde. Manchmal wurde mein Mann eingesetzt, gewisse Produkte von einem Geschäft ins andere zu befördern oder vom Großhändler abzuholen. Das geschah mit einem handgezogenen Leiterwagerl. Mein späterer Mann verabscheute diese Tätigkeiten, besonders wenn z.B. Klopapier zu befördern war und er fürchtete, von Klassenkameraden gesehen zu werden. Eine Haushaltshilfe gab es auch, ein „Mädel“, wie man damals sagte, meist aus dem Umfeld von Wien, die sehr jung „in den Dienst“ ging und von der Hausfrau geschult werden musste. Sie hatte kein eigenes Zimmer. In der Wohnung lebt noch eine Tante, eine Zeitlang und später die Mutter meiner Schwiegermutter, auch sie halfen im Haushalt, mit den Kindern und im Geschäft. Problemlos war es für meine Schwiegermutter wirklich nie.

Der Advent war eine besonders herausfordernde Zeit, weil da – Parfümerie – halt doch viel umgesetzt wurde, und vor allem, da es kaum einen freien Tag gab. Und der meiste Umsatz wurde dann doch noch am silbernen und goldenen Sonntag gemacht. Früher hatten die Geschäfte im Advent nicht länger geöffnet. Es gab auch keine langen Einkaufssamstage und der 8. Dezember war ein strenger Feiertag. Es gab aber den silbernen und den goldenen Sonntag, die beiden Sonntage vor Weihnachten, an denen man die Einkäufe erledigen konnte. Es war – vor Weihnachten – für eine Hausfrau und Mutter besonders schwierig. Keine Chance, Weihnachtsgeschenke einzukaufen, keine Chance „Spezielles“ für die Weihnachtsfeiertage zu besorgen, zu kochen, Kekse zu backen …  Und doch: sie schaffte es, Weihnachten für ihre Familie feierlich zu gestalten. Sie musste halt in der Nacht alles das verrichten, was andere untertags machen konnten. Kein Wunder, dass sie total erschöpft die Weihnachtsfeiertage durchstand, noch ihre Buchhaltung für dem Jahresabschluss „aufgleich“ brachte und alles für die Inventur am Jahreswechsel vorbereitete.

Die silbernen und goldenen Sonntage gab es noch bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, da war ich schon verheiratet. Meine Schwiegermutter verbrachte ihren Heiligen Abend dann abwechselnd bei der Familie meines Schwagers, die damals noch in ihrer Wohnung in der Schönbrunner Straße logierte oder bei uns. Am Christtag, zu Mittag gingen wir alle zusammen in den „Schwarzen Adler“ (Gasthaus nebenan, auch in der Schönbrunnerstraße) essen.

Meine Schwiegermutter war eine sehr strenge Frau, die ihre Söhne über alles liebte und verehrte. Sie war (zurecht) sehr stolz darauf, beiden ein Studium ermöglich zu haben (damals war das nicht gratis gewesen) und beide in guten Positionen zu sehen. Sie betrieb ihr Geschäft noch bis in die siebziger Jahre. Es war ein relativ kleines Lokal, schlecht geheizt und auch recht feucht. Es war aber auch ein Treffpunkt von meist älteren Frauen, es gab ein Stockerl „zum Ausruhen“ der Einkäuferinnen vor der Budel. Im Lager, dem hinteren Raum gab es noch immer die großen Glasballone mit diversen Flüssigkeiten für die Reinigung und Säcke mit diversen Pulvern.

Reich ist meine Schwiegermutter durch dieses Geschäft nicht geworden, sie hielt es eher wie Cornelia, die Mutter der Gracchen: Nach dem frühen Tod ihres Mannes hielten viele Männer um Cornelias Hand an, so auch der ägyptische König oder Thronfolger Ptolemäus. Cornelia schlug jedoch das königliche Diadem und die Hand des Ptolemäus aus, um sich ganz der Erziehung ihrer Kinder zu widmen. Cornelia empfing einst den Besuch einer vornehmen Dame, die stolz ihren prachtvollen Schmuck präsentierte. Cornelia zögerte mit einer Entgegnung, bis ihre Kinder aus der Schule zurückkamen und sagte dann: „Und hier sind meine Kleinodien“.

Na ganz leicht hat man sich als Schwiegertochter mit ihr nicht immer getan.

Meine Schwiegermutter

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