Gedanken über Leben und Tod

An einem grauen Novembertag

Heute hätte mein Mann seinen 88. Geburtstag, so sehr hat er sich gewünscht (mindestens) 90 Jahre alt zu werden. Es sind leider nur 85 geworden.

Wir alle – Mitglieder unserer Familie, seine Freunde und Weggefährten, denken oft an ihn. Aber wir meinen auch, dass ihm in dieser Zeit, die er nicht mehr erleben durfte, einiges erspart geblieben ist. Mein Mann hat gerne gelebt, vielleicht wäre manches Dunkle das uns jetzt bedrückt heller gewesen, durch sein Lachen, wenn er noch unter uns wäre.

Neulich hat jemand (ich glaube es war eine Politikerin) gesagt, dass die Qualität des Lebens wichtiger wäre, als die Quantität, also seine Dauer. Ich habe darüber nachgedacht, ich finde, dass jeder selber darüber entscheiden können muss; und ich kenne sehr wenige Menschen, die nicht gerne gelebt hätten, auch unter sehr schwierigen Umständen.  Und Politikern würde ich eine derartige Entscheidung schon überhaupt nicht überlassen.  Vor allem auch: wie definiert man „Qualität des Lebens“ für andere?

Mein Mann hatte eine „Patientenverfügung“ erstellt, als es ihm gut ging (ich übrigens auch). Als er in die Intensivstation kam, wurde ich danach gefragt – das hat mich damals ordentlich erschreckt, das kann ich Ihnen versichern. Und die Ärzte dort haben dann auch dieser Verfügung entsprechend gehandelt. Sie haben mich zwar in diese Entscheidung einbezogen, das war hart, sehr hart für mich.

Natürlich denke ich drüber nach, wann ich meinem Mann nachfolgen werde.  Aber ich bin dankbar, für die Zeit, die ich noch hier sein darf, wenn es jetzt gerade auch nicht ganz einfach ist. Ich wollte als Grund schreiben, dass ich meine Enkel und Urenkelinnen aufwachsen sehen möchte und sie begleiten kann – naja, dieser Grund ist derzeit etwas verunmöglichst. In Corona-Zeiten soll man seine Enkel nicht sehen. Aber das wird irgendwann auch vorüber gehen. Ich lebe nämlich gerne!

Ich fürchte mich weder vor dem Sterben noch vor dem Tod. Das Sterben muss heutzutage keine schmerzhafte Angelegenheit sein, die Schmerztherapie hat sehr große Fortschritte gemacht. Natürlich ist ein langsames Dahinsiechen, vielleicht gar unter unwürdigen Umständen ein drohendes Schreckgespenst.  Zum Glück kann man sich da keine Version aussuchen, ich wünsche mir schon, mich von meinen Lieben noch verabschieden zu können und nicht wie andere den plötzlichen, den unerwarteten Tod.  Nicht umsonst wird in den Religionen um eine „gute Sterbestunde“ gebetet. Wie es dann ausschaut, wenn es wirklich soweit ist, wird sich dann noch zeigen.

Mich als gläubigen Menschen schreckt der Tod nicht, er gehört zum Leben dazu. Für mich ist er ein Übergang in eine andere Daseinsform, die ich mir mit menschlicher Vernunft nicht vorstellen kann.  In künstlerischen Darstellungen von Paradies – und Hölle, hat letztere immer unsere Phantasie mehr angeregt. Mir hat jemand, in dessen Meinung ich vertraue, einmal gesagt, dass es die Hölle sehr wohl gäbe, aber dass sie leer sei. Naja, an das Fegefeuer, an das glaube ich sehr wohl, aber dass man für bereits Verstorbenen die Zeit dort durch kräftige Spenden verkürzen könne, das glaube ich nun auch wieder nicht.  Ich stell mir das „Fegefeuer“ einfach als die Erkenntnis vor, was man alles im Leben falsch gemacht hat, und wie man es – mit welchen Konsequenzen – hätte besser machen können. Ich glaube auch, dass man nach der Verwendung seiner „Talente“ gefragt werden wird (da hindert mich derzeit jedenfalls daran, mich – als Pensionistin – auf die faule Haut zu legen).

Ich glaube auch an ein Wiedersehen nach dem Tod mit allen jenen, die man geschätzt und geliebt hat. Wahrscheinlich nicht in der Form, in der wir sie zuletzt gesehen haben, aber wie schon gesagt, das liegt jenseits unserer Vorstellungshorizontes.

Es gibt Menschen, die setzen ihrem Leben selbst ein Ende. Andere wünschen sich Hilfe für diese Tätigkeit – Sterbehilfe nennt man das. Es wird in vielen Ländern diskutiert, in anderen angeboten. Es ist eine schwierige Entscheidung, ob das zugelassen werden darf, aber jedenfalls darf diese Entscheidung nicht einem Arzt aufgebürdet werden, der dann hinterher dafür bestraft wird.

Ich werde heute auf den Friedhof gehen, „meinen verstorbenen Mann zu besuchen, mit ihm Zwiesprache zu halten“. Das ist eine Formsache, denn Zwiesprache halte ich so wie so unentwegt mit ihm. Seine Antworten glaube ich zu kennen.

Vielleicht sind diese Gedanken auch der Jahreszeit geschuldet, der November ist hier bei uns derzeit schon besonders grau, kurze Tage mit viel Nebel, aber nach er Wintersonnenwende geht’s dann wieder aufwärts, wir werden geimpft werden, und eine neue, Nach-Corona-Ära wird beginnen.

Hoffentlich werde ich noch dabei sen.

Gedanken über Leben und Tod

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