Ich kann für vieles sehr dankbar sein

für Großes und für Kleines.

Ich bin derzeit dankbar, dass so viele liebe Menschen des Geburtstages meines Mannes gedacht haben, der vor mehr als zwei Jahren gestorben ist. Ich bin dankbar, für die Idee meiner Urenkelin: für das nächste Jahr plant sie, zum Geburtstag ihres Urgroßvaters auf dessen Grab eine Krone zu legen, denn im Kindergarten bekommt man eine Krone, wenn man Geburtstag hat. Ich bin aber auch sehr dankbar, dass einer meiner Enkel 2015 eine sehr bedrohliche Krankheit gut überstanden hat.

Ich bin dankbar für meine Familie, meine Kinder, Schwiegerkinder, Enkel, Schwiegerenkel und Urenkelinnen. Ich bin aber auch dankbar für meine Eltern (und meinen Stiefgroßvater), die dafür gesorgt haben, dass ich „etwas lernen durfte“, d.h. dass ich aufgrund ihrer Opfer studieren durfte.

Ich bin auch dankbar, für meine derzeitige Situation: ich bin als Pensionistin nicht von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder Verlust meines Unternehmens bedroht, ich kann mit meinen Enkeln in einer – für mich schönen Wohnung zusammenleben. Das heißt, ich bin dankbar für das österreichische Sozialsystem, aber nicht, dass es daran nicht vieles zu verbessern gäbe.

Ich bin auch dankbar, für die Zeit die ich erleben durfte und hoffentlich noch ein bisserl darf.  Nachdem ich als Kind die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt habe, sind mir weitere Kriege in meiner Heimat erspart geblieben. Ja, natürlich es hat immer Kriege auch in dieser Zeit gegeben, der Koreakrieg, der Vietnamkrieg etc. Erlebt habe ich selbstverständlich den Kalten Krieg, und die uns zunächst gekommenen Zerfallskriege von Jugoslawien. Aber bei uns musste niemand „in den Kreig ziehen“, oder wie man früher gesagt hat „einrücken“. Niemand aus meiner Umgebung ist durch Kampfhandlungen verletzt oder getötet worden. Nur einmal während dieser langen Zeit haben wir den Ausbruch eines imminenten Krieges gefürchtet – zu dem es aber dann doch nicht  gekommen ist: das war die Kuba-Krise:  sie war  im Oktober 1962 eine Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der UdSSR, die sich aus der Stationierung US-amerikanischer Jupiter-Mittelstreckenraketen auf einem NATO-Stützpunkt in der Türkei und die daraufhin beschlossene Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba entwickelte. Während des Schiffstransports nach Kuba drohte die amerikanische Regierung unter Präsident John F. Kennedy, sie werde nötigenfalls Atomwaffen einsetzen, um die Stationierung auf Kuba zu verhindern. Die eigentliche Krise dauerte 13 Tage. Ihr folgte eine Neuordnung der internationalen Beziehungen. Mit der Kubakrise erreichte der Kalte Krieg eine neue Dimension. Beide Supermächte kamen während dieser Krise einer direkten militärischen Konfrontation am nächsten. Erstmals wurden die ungeheuren Gefahren eines möglichen Atomkrieges einer breiten Öffentlichkeit bewusst.

Ich bin auch dankbar für das Ende des Kalten Krieges, den Mauerfall – ich habe den Bau und den Fall der Berliner Mauer erlebt.

Ich durfte den Abschluss des Österreichischen Staatsvertrags (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich, gegeben zu Wien am 15. Mai 1955) erleben. Ich habe Höhen und Tiefen der österreichischen Politik gesehen: ich habe 17 Bundeskanzler erlebt (gestellt von der Volkspartei und den Sozialdemokraten), 9 Bundespräsidenten.

Ich bin auch dankbar für die grundlegende Veränderung der Stellung der Frauen in unserer Gesellschaft. Ich war schon verheiratet, als der Mann noch das Haupt der Familie war (ganz so wurde es von uns nie so gelebt). Gerade aus diesem Gebiet bleibt allerdings noch viel zu tun übrig.

Ich bin auch dankbar für die EU, wenn ich sie auch oft kritisiere und sie derzeit in einer Krise steckt. Aber ich hoffe doch, dass auch diese Krise friedlich überwunden werden wird, die Grenzen wieder aufgehen werden. Den Brexit halte ich dennoch für ein Unglück.

Die Welt ist trotz UNO und ähnlicher Institutionen nicht sicherer geworden, immer wieder brechen Kriege oder auch Hungersnöte aus. Aber dennoch, der Hunger in der Welt ist zurückgegangen – wahrscheinlich zu langsam, aber doch.

Ich bin dankbar, dass wir in einer Welt leben, die auch mit einer Pandemie zurechtkommen kann. Es hätte natürlich viel besser sein können, aber – wie man so schön heute sagt: es gibt immer noch Luft nach oben. Immerhin sind nun Massentests möglich geworden und Impfungen stehen immerhin in ca. zwei Monaten bevor.

Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit Freunden verbringen durfte, wenn sie jetzt auch nicht mehr unter uns weilen, wenn mich deren Tod auch sehr traurig macht, und mir zunehmend Gesprächspartner abhandenkommen.  

Es gäbe noch sehr vieles aufzuzählen, wofür ich dankbar sein kann. Wichtig ist, dass wir uns auch darauf besinnen und damit auch positiv in die Zukunft schauen können. Es wird neue Herausforderungen geben, das zeichnet sich schon recht deutlich ab, die Wirtschaftskrise wird zu bewältigen sein, und der Klimakrise werden wir uns verstärkt zu wenden müssen.

Aber ich glaube fest daran, dass wir auch das schaffen können und werden.

Ich kann für vieles sehr dankbar sein

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