Oje, bin ich wirklich eine Rassistin?

Ich selbst habe mich bisher noch nicht dafürgehalten.

Zahlreiche Institutionen – allen voran Universitäten in den USA – klagen sich selbst an:  Unsere Institution ist rassistisch, weil ihre Strukturen rassistisch sind. Und warum sind die Strukturen rassistisch? Weil sie von Weißen geschaffen wurden (Andere Belege für diese Behauptung sind an Universitäten in den USA anscheinend nicht mehr notwendig). Die renommierte Duke University ließ wissen, dass ihre Institution ein umfassendes Programm auflegen werde, um die rassistischen Strukturen zu beseitigen, die die Erfahrungen nichtweißer Hochschulangehöriger prägten. Aber es ist bekannt,  dass es bei diesen Aussagen oft nicht darum geht, durch die Benennung konkreter Fälle möglichst exakte Ansatzpunkte für die Bekämpfung von Rassismus zu gewinnen, sondern darum, die Aktivisten unter den Hochschulangehörigen durch Schuldbekenntnisse und Besserungsgelöbnisse zu besänftigen. Das scheint mir allerdings zu wenig zu sein.

Dieses „universitäre Verhalten“ beruht auf der, an der Harvard Law School in den 1980er Jahren entwickelten Critical Race Theory (CRT): dem so genannten strukturellen Rassismus.  CRT-Vertretern ist es gelungen, Wissenschaft in den Dienst einer Gerechtigkeitsvision zu stellen, deren Ziel eine generelle Wiedergutmachung für rassistisches Unrecht sein soll. Daraus folgt, dass die Aufgabe der Universitäten lautet: ein geeignetes Instrumentarium für eine interventionistische Politik zu entwickeln, mit deren Hilfe Gerechtigkeit für BIPoC (Black, Indigenous and People of Color) erreicht werden soll.

Der Begriff „struktureller Rassismus“ dient in den USA nun dazu, diesbezügliche staatliche Interventionen als unabdingbare Notwendigkeit zu begründen. „Rassismus“ erfüllt dabei eine moralische Funktion; „strukturell“ wird verwendet, um Rassismus auf eine abstrakte – und damit nicht greif- und belegbare – Ebene zu verlagern. Solange Rassismus konkreten menschlichen Handlungen zugeordnet werden kann, ist er belegbar. Lassen sich solche Handlungen nicht in hinreichend großer Zahl nachweisen, entfällt der moralische Druck auf die Institutionen, sich für die Ziele der Aktivisten zu öffnen. Wobei ich wiederum meine, dass dies nicht auf betroffene Individuen beschränkt sein darf, sondern historische Aspekte von Diskriminierungen berücksichtigen muss.

Der Vorteil eines Rassismus-Begriffes, der nicht von individuellen Handlungen abhängig ist, zeigt sich umgehend.  Und dieser Vorteil eröffnet sich mit dem Adjektiv „strukturell“. Denn „strukturell“ bedeutet im Vokabular der Critical Race Theory nichts anderes, als dass eine von der weißen Mehrheit geprägte Gesellschaftsordnung und somit auch alle von ihr gegründeten Institutionen automatisch diese Mehrheit privilegieren. Wie genau das vonstattengeht, muss letztendlich klar bewiesen werden. Wenn allerdings folgendes vorgebracht wird: „Jeder statistische Unterschied zwischen Weißen und BIPoC beim Bildungserwerb, bei der Arbeitsmarktplatzierung, bei der Zusammensetzung von Regierungen, Parlamenten und Gremien, der zugunsten von Weißen ausfällt“, kann das nicht unbedingt als Beleg für strukturellen Rassismus gewertet werden.

Um das Argument, dass es viele BIPoC geschafft haben, aufzusteigen, zu entkräften, wird vorgebracht, dass BIPoC erfolgreich sind, wenn sie denken und handeln wie Weiße. Das wird als „Acting White“ bezeichnet.  Indem sie das tun, unterstützen sie die Aufrechterhaltung von rassistischen Strukturen, womit sie den Kampf gegen Rassismus konterkarieren und die Chance für andere BIPoC auf Gerechtigkeit unterminieren. Das macht es aber erfolgreichen Aufsteigern ziemlich schwer!

Mich fasziniert der Gedanke bei der Betrachtung dieser Vorgänge, dass man BIPoC  auch durch „Frau“ ersetzen könnte, wobei dieser Kampf schon mehr Ergebnisse gebracht hat.

Mit den Absolventen derartig gepolter Universitäten und Colleges hielten die einschlägigen Konzepte und Begriffe Einzug in den öffentlichen Dienst, in die Medien, Parteien und neuerdings auch die Privatwirtschaft. Zunächst geschah dies in den USA. Mittlerweile beeinflusst das das Denken betreffend „strukturellen Rassismus“ auch in Europa das Handeln von Politik und manchen Institutionen.

Es besteht generell die Gefahr, dass mit der Annahme, dass Rassismus strukturell bedingt sei, der Einzelne zu sehr von der Verantwortung für sein/ihr Handeln befreit wird. Sollte gesetzlich festgelegt werden, wie das bei uns von manchen Migranten-Organisationen gefordert wird, Maßnahmen einzuführen, Menschen mit Migrationshintergrund bei der Besetzung von Stellen, Gremien und Wahllisten zu bevorzugen, müsste die Mehrheitsbevölkerung Benachteiligungen im Namen der Rassismus Bekämpfung hinnehmen. Das könnte allerdings zu einer Verstärkung von Ressentiments seitens der Mehrheitsgesellschaft führen, statt sie helfen sie abzubauen. Ein inzwischen wohlbekanntes Argument.

Ein schwieriges Thema, das uns in Zukunft beschäftigen wird. Nicht alles, das in den USA „in“ ist, betrifft auch Europa. Die Situation in Europa unterscheidet sich von jener, in den USA. Ich meine, dass wir hier einerseits die Probleme mit einer sinnvollen Integration von Zuwanderern haben, und andererseits die Altlast des Kolonialismus abzubauen ist (was wiederum Österreich nicht allzu sehr belastet).

Schwierig, schwierig, aber nicht unlösbar!

Oje, bin ich wirklich eine Rassistin?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s