Eine schwarze Frauenhandschrift

Und der Gingko Baum

Heute ist mir etwas Seltsames zugestoßen. Ich habe einen handgeschriebenen Brief erhalten. In schwarzer – nicht blassblauer – Schrift, aber doch in Frauenschrift. Gestochen schön geschrieben, die Zeilen gerade ausgerichtet, die Buchstaben nicht „verschlampt“.  Der Brief ist auch schön anzusehen, ich würde sagen, mit einer Füllfeder geschrieben.

Er stammt von einer Schulkollegin von mir, die Dame ist also jetzt 85 Jahre alt, M.Mag. DDR.phil. – sowie Inhaberin der Medaille für Verdienste um den Denkmalschutz. Wir treffen einander nur sporadisch, meist bei den halbjährlich stattfindenden Klassentreffen, die jetzt auch Corona-bedingt ausgefallen sind, und hatten auch sonst keinen Kontakt. Die beschreibt in ihrem Brief  einerseits einen Einbruch in ihrer Wohnung – im Jahr 1991, aber andererseits erzählt sie selbst. „ich lebe allein in der von meinen verstorbenen Eltern übernommenen Wohnung, umgeben von Erinnerungen, Büchern und der zum Großteil originalen Einrichtung. …“  Sie berichtet auch, dass sie „off-line“ lebt, und nur wenige Anrufe bekommt. Sie hat auch nur eine Festnetznummer und kein Handy.

Sie erzählt beredt von Gingko-Bäumen, die im Rahmen einer Begrünungsaktion in ihrer Umgebung gepflanzt wurden und schickt dazu ein Gedicht von Goethe zu diesem Baum, sowie ein getrocknetes Blatt.

Ich war sehr gerührt und hab auch gleich zum Ginko Baum ein wenig recherchiert:   Ginkgo biloba ist vermutlich die älteste noch lebende Pflanzenart der Erde. Zum Bekanntheitsgrad und zur Verbreitung des Ginkgos in Deutschland hat das Gedicht mit dem Titel Gingko biloba wesentlich beigetragen, das der 66 Jahre alte Goethe im September 1815 schrieb und 1819 in seiner Sammlung West-östlicher Diwan veröffentlichte. Das Gedicht ist Goethes später Liebe, Marianne von Willemer, gewidmet und stellt das Ginkgo Blatt aufgrund seiner Form als Sinnbild der Freundschaft dar. Der Brief mit dem Gedicht, dem Goethe zwei Ginkgo-Blätter beilegte, ist heute im Goethe-Museum Düsseldorf zu sehen, in dessen unmittelbarer Umgebung zahlreiche Ginkgo Bäume stehen.

Der Ginkgo wird seit langem als kraftspendend und lebensverlängernd verehrt. Die Chinesen und Japaner verehren den Ginkgo seit Jahrhunderten wegen seiner Lebenskraft und Wunderverheißungen als heilig und beten unter ihm und äußern ihre Wünsche. Frauen erbitten unter ihm Milch zum Stillen ihrer Kinder und Bauern erflehen Regen für eine reichhaltige Ernte, Ginkgos sind auf diese und andere Art und Weise in Mythen, Volkserzählungen und Geschichten wieder zu finden. Der Ginkgo steht in Japan unter Naturschutz. So mancher Baumriese überragt ganze Ortschaften und gilt als Wahrzeichen für seine Anwohner. Aus dem 18. Jahrhundert gibt es in dem Kloster Tanzhe-si eine weit verbreitete Legende. Der zufolge gab es dort ein Ehrentor, das zu einem Ginkgo Baum führte. Dieser Baum wurde durch ein kaiserliches Etikett geschützt. Der dortige Glaube der Chinesen besagte, dass bei jedem Thronwechsel innerhalb der Mandschu-Dynastie der Hauptstamm ein neues Reis in den Baum einsetzte, das sich dann zu einem prächtigen Ast entwickeln sollte. Bäume mit einem Alter von 1000 bis 2000 Jahren sind keine Seltenheit. Man findet sie bei Tempeln, in der Nachbarschaft, auf Anhöhen und auch auf Friedhöfen neben Gräbern. In Japan werden die geschälten Ginkgo Samen beim Hochzeitsmahl als Glückssymbol verzehrt. Ein 3000 Jahre alter und 26 Meter hoher Ginkgo in der Provinz Shandong hat bei günstiger Witterung Samen von insgesamt einer Tonne geliefert. In vielen Geschichten und Erzählungen wird der Baum als Wohnort von Geistern beschrieben und deshalb hochgeschätzt und gleichermaßen gefürchtet.

Aufgrund seiner Resistenz gegen Schädlingsbefall und seiner Anspruchslosigkeit wird der Ginkgo inzwischen weltweit als Stadtbaum angepflanzt. Es hat sich gezeigt, dass der Ginkgo Baum resistent gegen Autoabgase und Streusalz ist, in jungen Jahren allerdings auch empfindlich gegen Frost. Er ist sehr unempfindlich gegenüber Luftschadstoffen und eignet sich deshalb sehr gut als Straßen- und Park Baum. Des Weiteren ist er weitgehend resistent gegen Insektenfraß sowie von Pilzen, Bakterien oder Viren ausgelöste Krankheiten, erträgt Temperaturen von bis zu −30 °C und wächst sowohl auf sauren wie alkalischen Böden, wobei bei ersteren meist ein schlechteres Wachstum zu erkennen ist. Sehr nasse, aber auch übermäßig trockene Böden werden dagegen nicht toleriert.

Eine Besonderheit in der Pflanzenwelt stellen die sehr charakteristischen fächerförmigen, breiten Laubblätter dar. Sie sind in der Mitte mehr oder weniger stark eingekerbt und die Blattform variiert je nach der Stellung am Trieb und der Wuchskraft des Baumes, weshalb kaum ein Ginkgo-Blatt dem anderen gleicht. Medizinische Verwendung finden Spezialextrakte aus den Ginkgo Blättern. Ginkgospezialextrakte werden zu den Antidementiva gezählt (verwendet auch bei Gedächtnisstörungen, Konzentrationsstörungen, Schwindel, Ohrensausen und Kopfschmerzen).

Alle diese Aspekte wären doch ein Grund seinen eigenen Ginkgo Baum zu pflanzen (man müsste allerdings sehr viel Geduld haben!).

Eine schwarze Frauenhandschrift

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