Wiener Spaziergang

Ohne Benützung von öffentlichen Verkehrsmitteln – es ist ja Corona Zeit/Lockdown

Es war ein hübscher Spaziergang. Die Temperatur hätte ja gepasst, wäre nur nicht der ekelhafte Wind gewesen. Also: über den Schwarzenbergplatz (wo ich noch immer die Begrünung des Mittelteiles vermisse), mit Blick auf das Russendenkmal, jetzt besonders sichtbar, da der Hochstrahlbrunnen abgedreht ist, in den Rennweg. Vorbei an der Kirche zum Heiligen Kreuz zum Eingang in den Belvedere Park. Der Garten ist der älteste Teil der Anlage, er konnte 1725 vollendet werden. Zum Gartenbau gehörte auch die wassertechnische Infrastruktur; Prinz Eugen hatte die Genehmigung erhalten, die kaiserliche Hofwasserleitung mitzubenützen und ließ zahlreiche Brunnen installieren. Die zwölf Brunnen wurden von 2005 bis 2010 restauriert, nachdem die Anlagen zwischen dem Oberen und Unteren Belvedere seit 1994 wegen hoher Wasserverluste nicht mehr betrieben werden konnten. Allerdings sind um diese Jahreszeit alle Brunnen „abgedreht“.

An der Identifizierung der diversen Skulpturen bin im Vorbeigehen gescheitert, aber das lässt sich nachholen: Während das obere Parterre in seiner skulpturalen Ausstattung von Sphingen bestimmt ist, gibt es im unteren Parterre ein kompliziertes Programm. An den seitlichen Alleen befinden sich Statuen von acht Musen, während die neunte, Kalliope, gemeinsam mit Herkules dargestellt ist. Dazu kommen noch Allegorien des Feuers, des Wassers und eine Darstellung von Apoll und Daphne. Am Rand des mittleren Parterres befindet sich jeweils eine Rampe mit einer Balustrade, die von allegorischen Monatsdarstellungen in Form von Putti gesäumt wird. Sie wurden 1852 anstelle älterer Figuren geschaffen. Östlich des Oberen Belvederes befinden sich die Reste der halbkreisförmigen Menagerie. In der halbrunden Mauer befinden sich sieben Götterstatuen in Nischen.

Ich umrundete da Obere Belvedere, nicht ohne mich an der Architektur und der Ausschmückung der Außenfassaden zu erfreuen, und mir den Canaletto-Blick zu gönnen – ist eh schon ziemlich zerstört. Am Teichrand nahe am Gürtel, sitzen aufgereiht Möwen, die ab und zu ins Teichwasser tauchen, ob sie dort etwas zum Fressen finden?

Ich verließ aber die Anlage um über die Prinz-Eugen-Straße wieder nach Hause zu gehen. Sie führt an der Grenze zwischen dem dritten (Landstraße) und dem vierten Bezirk (Wieden), am Schwarzenberg Palais und am Belvedere des Prinzen vorbeiziehende Straße vom Schwarzenbergplatz zum höher gelegenen Wiedner Gürtel beziehungsweise zum, von 2009 an demolierten Südbahnhof, heute „Quartier Belvedere“. Der Name wurde 1911 von der Prinz-Eugen-Straße im 19. Bezirk bei deren Umbenennung in Mottlgasse (Felix-Mottl-Straße) hierher übertragen.

Die Straße ist nur an der Westseite (4. Bezirk) durchgängig verbaut; benannt wurde sie nach Prinz Eugen von Savoyen, einem Heerführer der Habsburger. Vorher hieß sie Heugasse. Die Trassierung wurde bereits um 1700 festgelegt, die Verbauung stammt überwiegend aus der Zeit des Späthistorismus. Wenn man hier langsam Richtung Schwarzenbergplatz hinuntergeht kommt man an einer Reihe von sehr repräsentativen Gebäuden vorbei. Darin befinden sich nicht nur sehr elegante Wohnungen, darüber schicke ausgebaute Dachgeschosse mit Gärten auf den ehemaligen Dächern, mir Blick über das Belvedere und dem Park, sondern auch viele Botschaften. Da passt schon Prinz-Eugen-Straße besser, als Heugasse. In meinem früheren Leben sind wir manchmal in diesen Botschaften eingeladen gewesen, und kennen daher die opulente Ausstattung dieser Häuser.

Schade ist natürlich schon, dass das Palais Rothschild abgerissen wurde, erbaut vom französischen Architekten Hippolyle-Alexandre Destailleur im Stil des französischen Historismus. Im August 1938 bezog das Palais die Zentralstelle für jüdische Auswanderung, die unter der Leitung von Adolf Eichmann die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung organisierte. 1942 erwarb die Deutsche Reichspost das Palais. Nach dem Krieg war das Palais zunächst Sportstätte der Roten Armee. Louis Rothschild überließ das Palais der Republik Österreich, die im Gegenzug einen Pensionsfonds für ehemalige Angestellte Rothschilds einrichtete. 1954 kaufte die Wiener Arbeiterkammer das Anwesen. Noch im April desselben Jahres ließ man Einrichtungsgegenstände und Wandvertäfelungen im Dorotheum versteigern. Unter Protest des Bundesdenkmalamts wurde das Palais abgerissen. 1957-1960 ließ sich die Arbeiterkammer von Franz Mörth hier ihre Zentrale errichten. Meinem Geschmack entsprechend wirkt sie in dieser Umgebung architektonisch ziemlich deplatziert, aber dort befindet sich eine hervorragend bestückte Bibliothek.

Das Palais Schwarzenberg gegenüber befindet sich noch immer in Restaurierung. Und schon bin ich bei der Französischen Botschaft angelangt. Die Planung der Botschaft wurde 1901 dem Pariser Architekten Georges Chedanne übertragen, der bereits 1887 den Grand Prix de Rome gewonnen hatte. Die Baubewilligung stammt vom September 1904. Das Palais wurde im Stil des Art Nouveau ausgeführt und als „Hommage an den Wiener Jugendstil“ geschildert. Der Stil des Gebäudes war lange Zeit umstritten, die ebenfalls im Jugendstil gehaltene Inneneinrichtung ist nur mehr teilweise im Original erhalten. Das bewusst modernistisch konzipierte Gebäude galt lange als Tempel des schlechten Geschmacks und war in Gefahr abgerissen zu werden. Wegen des Aussehens des Bauwerks, das sich in seinem Stil auffällig von den umgebenden eher klassizistischen Häusern abhebt, entstand in Wien die Legende, beim Bau seien die Pläne mit jenen der französischen Botschaft in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) vertauscht worden. Es wurde auch behauptet, das Gebäude wäre für Konstantinopel (oder Kairo) vorgesehen gewesen. Das entspricht aber nicht den Tatsachen.

Jetzt war ich eigentlich schon ganz froh, bald nach Haus zu kommen.

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