Zum Verlust des Britischen Empires

nachgedacht anlässlich des Brexits

Warum wollen die Briten eigentlich so unbedingt aus der EU heraus – vielleicht eh nicht mehr alle Briten, sondern die so genannten Brexiteers, die sich besonders in der Gruppe der „Landedelleute“ und Parlamentarier finden. Was schwebt ihnen denn da so vor? Die Erlangung der früheren Größe und Bedeutung, als man noch ein Empire war?

Das Britische Weltreich war das größte Kolonialreich der Geschichte. Unter der Herrschaft des Vereinigten Königreichs vereinte es Dominions, Kronkolonien, Protektorate, Mandatsgebiete und sonstige abhängige Gebiete, die aus den englischen Überseebesitzungen, Handelsposten und Strafkolonien hervorgegangen waren. Im Jahr 1922, zur Zeit seiner größten Ausdehnung, umfasste es mit 458 Millionen Einwohnern ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung. Es erstreckte sich über eine Fläche von ca. 33,67 Millionen km², was einem Viertel der Landfläche der Erde entspricht. Wie zuvor schon das spanische Kolonialreich galt auch das Empire als „Reich, in dem die Sonne nie untergeht“. Sein politischer, juristischer, sprachlicher und kultureller Einfluss wirkt bis heute in vielen Teilen der Welt nach. Ebenso spielen die kolonialen Grenzziehungen bei heutigen regionalen Konflikten eine Rolle wie auch die weitere Verbundenheit der Länder im Commonwealth of Nations.

Großbritannien hat mit dem Empire den Zweiten Weltkrieg als eine der Hauptmächte der Anti-Hitler-Koalition 1945 erfolgreich beenden können. Großbritannien hatte aber riesige Schulden angehäuft und entging 1946 nur knapp dem Staatsbankrott, nicht zuletzt dank einer US-Anleihe in Höhe von 3,5 Milliarden Dollar. Zur selben Zeit gewannen antikolonialistische Bewegungen an Bedeutung. Die Situation wurde durch die wachsenden Spannungen im Kalten Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion weiter verkompliziert. Beide Staaten lehnten den europäischen Kolonialismus ab, wenngleich bei den Amerikanern und Westeuropäern der Antikommunismus weitaus stärker ausgeprägt war als der Antiimperialismus und die Briten deshalb weiterhin Unterstützung erhielten. Das Ende des Britischen Weltreichs war absehbar und Großbritannien versuchte eine Politik des friedlichen Rückzugs aus den Kolonien, was nicht immer gelang. Ziel war es einerseits die Staatsgewalt an stabile antikommunistische Regierungen zu übertragen und andererseits durch stabile wirtschaftliche Beziehungen den britischen Siedlern weiterhin eine sichere Heimat zu garantieren.

Der Indische Nationalkongress und die Muslimliga hatten sich seit Jahrzehnten für die Unabhängigkeit eingesetzt, waren sich aber über die Umsetzung uneinig. Angesichts von Unruhen und eines drohenden Bürgerkriegs erklärte Lord Mountbatten, der letzte britische Vizekönig, das mehrheitlich hinduistische Indien und das mehrheitlich muslimische Pakistan am 15. August 1947 recht überhastet für unabhängig. Die durch Großbritannien festgelegte Grenzziehung machte Dutzende Millionen Menschen zu Angehörigen einer religiösen Minderheit. Die einsetzenden Flüchtlingsströme führten zu Gewalt und Krieg zwischen beiden Gruppen und zu Hunderttausenden von Toten.

Burma und Ceylon erlangten ihre Unabhängigkeit 1948. Im Gegensatz zu Indien, Pakistan und Ceylon trat Burma nicht dem Commonwealth of Nations bei. Das Commonwealth of Nations besteht noch: es ist eine lose Verbindung souveräner Staaten, die in erster Linie vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland und dessen ehemaligen Kolonien gebildet wird. Die Gründung geht auf das Jahr 1931 zurück.

Das britische Völkerbundsmandat für Palästina, wo eine arabische Mehrheit mit einer jüdischen Minderheit zusammenlebte, erwies sich für Großbritannien als ähnliches Problem wie Indien. Es wurde zusätzlich verschärft durch die große Anzahl jüdischer Flüchtlinge, die sich nach der Unterdrückung und dem Genozid durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs in Palästina niederlassen wollten. Anstatt sich mit der Angelegenheit zu befassen, erklärte die britische Regierung 1947, dass sie im folgenden Jahr ihre Truppen zurückziehen und die Problemlösung den Vereinten Nationen überlassen werde. Sie versuchte dies durch die Ausarbeitung eines Teilungsplans, konnte aber nicht den Palästinakrieg verhindern, der die einseitige Proklamation des Staates Israel zur Folge hatte.

Im Oktober 1951 übernahm die Conservative Party unter Winston Churchill wieder die Regierung. Am 3. Oktober 1952 wurde Großbritannien Atommacht. Die Konservativen waren davon überzeugt, dass Großbritanniens Status als Weltmacht vom Weiterbestehen des Empire abhing. Dabei spielte der Sueskanal trotz des Verlusts von Indien eine Schlüsselrolle. Gamal Abdel Nasser, der 1952 in Ägypten an die Macht gelangt war, handelte das Suez-Abkommen aus, das bis 1956 den Abzug britischer Truppen aus der Kanalzone vorsah. 1956 verstaatlichte Nasser unvermittelt den Sueskanal. Als Reaktion darauf führte der neue Premierminister Anthony Eden Verhandlungen mit den Regierungen Frankreichs und Israels. Ein israelischer Angriff auf Ägypten sollte den Briten und Franzosen als Vorwand dienen, die Sueskanalzone zurückzuerobern. Der US-Präsident Dwight D. Eisenhower war nicht in die Pläne eingeweiht worden und verweigerte aus Verärgerung jegliche Unterstützung. Eisenhower fürchtete auch einen Krieg gegen die Sowjetunion, da Nikita Chruschtschow gedroht hatte, den Ägyptern zu Hilfe zu eilen. Die Amerikaner übten Druck aus, indem sie den Verkauf ihrer Pfund-Reserven androhten, was zum Zusammenbruch der britischen Währung geführt hätte. Obwohl die Invasion militärisch erfolgreich war, wurden die Briten auf Druck der Vereinigten Staaten zu einem demütigenden Rückzug ihrer Truppen gezwungen und Eden trat Anfang 1957 zurück.

Die Sueskrise zeigte klar die Grenzen britischer Macht auf und leitete den endgültigen Niedergang des Empire ein. Ohne Einwilligung oder gar Unterstützung der Vereinigten Staaten war Großbritannien allein nicht mehr länger handlungsfähig. Zwar war die britische Machtposition im Nahen Osten nach der Sueskrise erheblich geschwächt, sie brach jedoch nicht zusammen. Großbritannien entsandte bald wieder Truppen in die Region und intervenierte in Oman (1957), Jordanien (1958) und Kuwait (1961), wenn auch mit amerikanischer Billigung. Der britische Präsenz im Nahen Osten endete mit dem geordneten Rückzug aus Kolonie Aden (1967) und Bahrain (1971).

Den britischen Rückzug aus Afrika und Ostasien werde ich demnächst schildern.

Jedenfalls den Status, den Großbritannien 1922 gehabt hat, wird es durch den Rückzug aus der EU kaum wieder erreichen können. Schade, dass Europa eigentlich die einzige Atommacht (Frankreich stellt sein Atomwaffenarsenal sicher nicht „Europa“ zur Verfügung) und die einzige nennenswerte Marine verlieren wird, unabhängig von den wirtschaftlichen Verwerfungen, die sich für beide Seiten durch den Brexit ergeben werden.

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