Happy Birthday, liebe M.,

Gestern, am 7. Dezember, war Dein Geburtstag – ich schreibe hier, weil ich weiß, dass Du die sozialen Medien nutzt. Für deine derzeitigen Freuden – Deine Freude an der Musik, an der Freude der Erforschung Deiner Wurzeln und Deine Freude an der Dokumentation Deines Lebens für Deine Kinder und Deiner Kindeskinder wünsch ich Dir viel Zeit und Kraft.  Ich hoffe, dass Du all diese Zeit Dokumente des 20. Und 21. Jahrhunderts einmal der Forschung zur Verfügung stellen wirst – ich weiß schon, jetzt arbeitest Du noch daran.

Hoffentlich konntest Du Deinen Geburtstag schön verbringen, ich weiß, Du bist rücksichtsvoll und wirst ihn daher nicht mit allen Deinen Lieben gefeiert haben, denn jetzt ist zwar die „gelockerte Lockdown-Zeit“ aber mit allzu vielen sollte man doch noch nicht zusammenkommen.

Ich denke, wie immer an diesem Tag an unsere Kindheit zurück. Wir kennen einander aus der Zeit, als wir noch in den Kinderwagerln lagen, unsere Mütter saßen nebeneinander im Park – im Clam-Gallas- oder im Liechtensteinpark. Wir spielten miteinander in der Sandkiste. Und zu dieser Zeit war ich bei Dir zu einem Geburtstagsfest eingeladen. Kindergeburtstage wurden damals noch nicht so gefeiert, wie das heute der Fall ist, aber Deine Eltern haben uns „befreundete“ Kinder eingeladen, in die wunderschöne Wohnung in der Liechtensteinstraße, mit dem großen Erker. Der hat mich damals mächtig beeindruckt, denn er hatte sogar ein „Gitter“, das ihn vom Rest des Zimmers abtrennte.  Was wir gespielt haben, was wir gegessen haben, daran kann ich mich nicht erinnern.

Wir gingen gemeinsam einmal die Woche in einen „englischen Kindergarten“, er wurde von einer Tante Elfi betrieben und die Räumlichkeiten befanden sich in der Tulpengasse.  Dort gab es eine wunderschönen Kachelofen, auf dem eine Teekanne stand und ein Bild, mit einem blühenden Kirschgarten.

Es kamen schwere Zeiten für Deine Familie mit Beginn der Naziherrschaft, dennoch konnten wir gemeinsam in die Schubert-Schule in der Grünen Torgasse gehen. Unsere Lehrerin, die wir auch später immer wieder trafen, nahm sich unser aller besonders liebevoll an. Leider wurde meine Familie im Februar 1944 „evakuiert,“ wie man damals sagte, Du aber bliebst in Wien und hast die gesamte Zeit des Bombenterrors und später des Kampfes um Wien hier erleben müssen.  Du hast es dokumentiert!

Im Herbst 1945 trafen wir einander wieder, wir gingen wieder gemeinsam in die Schule, diesmal in das Realgymnasium in der Billrothstraße. Es waren keine einfachen Zeiten, aber wir waren – als Kinder – vergnügt, die Beschwernisse trafen eher unsere Eltern als uns. Wir waren damals nicht „beste Freundinnen“, denn Du warst – so sehe ich das heute – die wesentlich „bravere“ von uns beiden, und bald trennten uns auch unsere Interessen. Du hast schon sehr früh Deine Liebe zur Musik entdeckt, Dich traf man eher auf Stehplätzen in der Oper, ich konnte mich dafür nicht erwärmen, ich war ein Fan des Burgtheaters – die Karten (also Sitzplätze) bekamen wir ja durch „das Theater der Jugend“. Du warst ein Liebling unserer wirklich sehr kompetenten Musiklehrerin, die wiederum mich nicht leiden konnte (daher ging ich auch partout nicht in die letzte Stunde – „Chorsingen“ am Samstag).

Du hast immer besonders „nette“ Hefte gehabt, unsere ersten geometrischen Figuren, die wir in Mathematik zeichnen mussten, hast Du mit Blümchen geschmückt, was unsere junge, fesche Mathematiklehrerin begeisterte, Du bekamst auch immer Sternchen für Deine Hausaufgaben, während ich überhaupt nicht einsah, dass man geometrische Figuren mit Blümchen versehen sollte – und bekam auch keine Sternchen.

Wir maturierten noch gemeinsam und dann gingen wir einigermaßen getrennte Wege. Wir trafen einander immer wieder bei den Klassentreffen, die ich damals eigentlich nicht so recht mochte, denn zuerst die herumgezeigten Bilder von den Häusern, in denen man prächtig lebte oder später von den unfassbar begabten, schönen Kindern – naja, sagen wir einmal, langweilten mich. Vielleicht Dich auch, aber wir machten – angepasst wie wir damals noch waren, mit.

Die Klassentreffen wurden mit zunehmendem Alter häufiger, es begann damit, dass auch über Probleme, nach Überwindung von Scheu, geredet wurde. Die ersten unserer Klassenkameradinnen starben. Zunehmend wurde bei den Treffen über Gesundheitsprobleme geredet.

Aber wir schafften es, den Faden unserer Beziehung nicht abreißen zu lassen.  Das Interesse an dem „Anderen“ wurde stärker, nicht an seinem Status, sondern an seinen Interessen seiner Gemütsverfassung!

So trafen wir einander neulich – eher zufällig – im Pötzleinsdorfer Park , Du wohnst dort in der Nähe, ich war zum Spazierengehen dort.  Wir konnten in einem längeren Zweiergespräch feststellen, wie viel wir gemeinsam hatten und auf diese Art unsere Freundschaft erneut festigen. Möge es in Zukunft so bleiben.

Ich wünsch‘ Dir und den Deinen alles Gute zu Deinem Geburtstag, übersteh die jetzige Situation gut und mit Gelassenheit, die Dir ja so eigen ist.

Happy Birthday – and many happy returns.

Happy Birthday, liebe M.,

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