Der verflixte Migrationshintergrund

Da neulich, da habe ich in ein Buch „hineingelesen“. Das heißt, ich habe es mir nicht gekauft, sondern nur willkürlich an einer Stelle aufgeschlagen und dort gelesen. Das Buch heißt „Generation haram Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“   und die Autorin heißt Melisa Erkurt.

Ich erinnerte mich, Melisa Erkurt ist von den Medien vor einiger Zeit einigermaßen gefeiert worden, sie trat in Talkshows auf und wurde damit rasch „populär“. Ich bin sicher, dass sich das Buch daraufhin gut verkauft hat. Wie etwas früher, das Buch von Susanne Wiesinger, „Kulturkampf im Klassenzimmer Wie der Islam die Schulen verändert. Bericht einer Lehrerin“, das ich dann von Abis Z doch gelesen habe.  

Also zurück zu dem einzigen Kapitel in Generation haram, das ich gelesen habe. ich gebe zu, ich habe mich darüber geärgert. Dort wird beschrieben, wie die Schülerin Melisa ins Gymnasium gegangen ist. Sie schreibt, dass ihre Eltern kein Interesse an ihrer Schule bzw. später an ihrem Studium gehabt hätten. Dennoch ging sie ins Gymnasium, und dennoch konnte sie studieren? Es wurde ihr also von den desinteressierten Eltern ermöglicht. Sie war die erste aus ihrer Familie, die studieren durfte. Ich gebe zu, dass das nicht leicht ist – denn ich habe das auch erlebt, auch ich war die erste aus unserer Familie, die studiert hat, ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie es mir ermöglicht – und bezahlt – haben. Erkurt meint, es wäre schwierig gewesen, na sicher, aber das ist nicht nur auf den Migrationshintergrund zurückzuführen. Auch ich ging in eine Klasse, in der viele der anderen Schülerinnen aus „gehobenem Milieu“ kamen. Ich konnte auch nicht überall „mithalten“, da meine Eltern grad den Schulbesuch, aber nicht alle „Extras“ finanzieren konnten, und wenn dann doch, nur mit Unterstützung, derer man sich schämte. Ich konnte auf den Schulschikurs mitfahren, aber meine „Ausrüstung“ war halt aus Resten aus der Familie zusammengestückelt, die anderen Mädchen konnten auch besser Schifahren, da sie mit ihren Eltern ja in den damals schicken, modischen Orten von Privatschilehrern unterrichtet worden waren. Aber besonders zurückgesetzt bin ich mir nicht vorgekommen.

Ja, ich bin auch zum Elmayer in die Tanzschule gegangen.  Ja, die anderen hatten schon die Gesellschaftstänze bei ihren Privatpartys gelernt. Und ich war überhaupt etwas patschert. Und meine Mutter, die nur einmal dort am Rand gesessen ist, war nicht so schick gekleidet, wie die anderen Mütter. Sie kam dann auch kein weiteres Mal. Auch ich hatte halt nur ein einziges Kleid „für die Tanzstunde“, die anderen hatten jeweils andere. So war das halt, ich wurde auch nicht zu den „Kränzchen“ eingeladen, die manche Eltern für ihre Töchter zu Hause veranstalteten. Aber ich hatte nicht das Gefühl, „zurückgesetzt“ worden zu sein, diskriminiert worden zu sein. Ich versuchte das durch gute Noten in der Schule zu kompensieren.

Bei uns zu Hause hat meine Mutter gekocht, gut gekocht, es gab halt meistens nur ein oder zwei Gerichte pro Mahlzeit. Zu Haus habe ich auch nicht gelernt, wie man mit mehreren Gabeln und Messer bei einem Diner umgehen muss. Aber als ich dann später in die Lage kam, an solchen offiziellen Essen teilzunehmen, hab‘ ich halt geschaut, wie es meine Nachbarn gemacht haben, welches Glas sie zuerst genommen haben etc. Aber das nicht zu kennen, hat bestenfalls etwas mit der „Gesellschaftsschicht“, in der man aufgewachsen ist, und nichts mit Migrationshintergrund zu tun.

Schulen können den unterschiedlichen familiären Hintergrund auch bei österreichischen Kindern nicht leicht ausgleichen. Dass da in Österreich noch viel nachzuholen ist, dem kann ich zustimmen. Aber larmoyant über die Fehler der Schule bei Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund zu klagen, ist einfach zu wenig. Mir hat man beigebracht hat: Informationsbeschaffung ist eine Holschuld und nicht nur eine Bringschuld. Gut, ich gebe zu, Schulen haben da eine Bringschuld.  Sie haben meines Erachtens die Aufgabe, die Kinder zu lehren, wie man sich Informationen beschaffen kann, und dazu gehört sprachliche Kompetenz, die zu vermitteln ist und vor allem Motivation.

Ich bin im Gegensatz zu einigen Mitgliedern meiner Familie keine Erziehungswissenschaftlerin (bei denen entschuldige ich mich, sollte ich falsch liegen) aber im Moment – so scheint es mir – wird von manchen Zuwanderergruppen vieles auf den so genannten Migrationshintergrund geschoben. Warum höre ich keine einzige Stimme/Klage von Zuwanderern aus dem ostasiatischen Raum über unsere Schulen. Warum kommt von diesen Schülern – die meines Wissens sehr erfolgreich sind – kein Wunsch wie: Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben?

Vielleicht hätte ich das Buch ganz lesen sollen, aber – wissen Sie was – ich mag nicht, es gibt Interessanteres zu lesen.

Der verflixte Migrationshintergrund

2 Gedanken zu “Der verflixte Migrationshintergrund

  1. Beim Betonen oder Hervorheben eines sog. Migrationshintergrunds geht es, soweit ich dies beobachte, um den Wunsch oder die Absicht, eine Opferrolle zu institutionalisieren. Denn die institutionalisierte Opferrolle verschafft Macht, verschafft dem vermeintlichen Opfer ein jederzeit nutzbares bzw. bei Bedarf instrumentalisierbares Erpressungspotenzial.

    Dabei haben wir Menschen doch alle einen Migrationshintergrund — auch wenn wir diesen nicht ständig wie eine Monstranz vor uns her tragen.

    Eckhardt Kiwitt, Freising

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    1. Wahrscheinlich ist es schon schwierig, zu einer nicht hochgeachtetzern Minderheit zu gehören – aber bei uns kann man ja dazugehlören – wenn man will und es anstrebt. Lieder sehen es viele, wie sie sagen, als Erpressungspotential. In Wien z.B.braucht mannur das Telephonuch anschauen, und sieht problemlos den“früheren“ Migrationshintergrund – der halt „verschwunden ist …

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