Meine Gedanken zum Thema „Heiratswahrscheinlichkeit von Frauen“

Oder zum Thema „Blaustrümpfe“

„Je höher Bildung und Einkommen der Frau, desto geringer ihre Heiratswahrscheinlichkeit in konservativen Ländern.“ Das habe ich in einem sozialen Netzwerk gelesen und frage mich, warum mich dieser Satz so aufregt.

Das Erste, das mir dazu einfällt ist, ob es Frauen noch immer notwendig haben, geheiratet zu werden. Verschafft ihnen nicht gerade die Bildung die Möglichkeit, selbstständig – und vielleicht auch allein – zu bleiben. Und wäre allein bleiben noch immer ein trauriges Schicksal? Es gibt so viele weibliche Singles in unserer Gesellschaft, die, so scheint mir, mit ihrem „Los“ durchaus zufrieden sind, und nicht notwendigerweise unbedingt „geheiratet“ werden wollen.

Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang nicht „im Passivum“ denken, aber „Heiratswahrscheinlichkeit“ impliziert für mich „geheiratet werden“. Vielleicht ist es nicht so gemeint. Aber die Sozialisierung in meiner Jugend hat möglicherweise dazu geführt.

Betrachten wir unsere derzeitige Situation: im Gegensatz zu früher ist der Anteil der Frauen, die ein Studium abgeschlossen haben, erheblich angestiegen. Das ermöglicht (allerdings nicht notwendigerweise) ein höheres Einkommen – schon beim Berufseinstieg, zumindest gegenüber Frauen, die nicht studiert haben. Allerdings erfolgt der Berufseinstieg nach einem Studium später, und jemand, eine Frau,  oder ein Mann,  die/der früher ins Berufsleben eingetreten ist, kann durchaus schon (besonders durch unser System der leistungsunabhängigen stufenweisen Gehaltserhöhungen) ein gleich hohes, oder höheres Gehalt beziehen als eine neu-einsteigende Akademikerin. Dazu kam das Denken mancher, dass Erfahrung in einer Firma, die in längerer Dauer erworben worden war, nie und nimmer durch ein Studium aufgeholt werden können.  Auch hier rannte eine neu einsteigende Akademikerin gegen (meist männliche) Wälle. Selbiges kenne ich nicht nur vom „Hörensagen“, sondern es wurde mir ins Gesicht gesagt! (Die Antwort, dass eine lang in einer Firma dienende Putzfrau vielleicht mehr über die Firma wüsste, als ein neu eingestiegener Generalsdirektor habe ich mir damals verkniffen).

Wahrscheinlich bin ich bei diesen Themen durch die Erfahrungen geprägt, die ich in meiner Jugend und Berufszeit gemacht habe. Als wir studiert haben, war der Frauenanteil (bei Abschluss des Studiums) ca. 10%. Zu Beginn des Studiums war der Frauenanteil höher, aber damals inskribierten viele junge Frauen nicht um ein Studium zu machen, sondern dort einen erfolgversprechenden jungen Mann kennenzulernen, von dem „frau“ – nach Abschluss seines Studiums – dann sobald er eine ausreichend bezahlten Job hatte, „geheiratet wurde“. Und selbst, wenn man als Frau das Studium abgeschlossen hatte, wurde nicht erwartet, dass man den gewählten Beruf lang ausüben würde, denn „frau“ würde ja heiraten – und spätestens beim ersten Kind den Beruf an den Nagel hängen – wie man mir sagte. Dieses Denken erhöhte die Berufschancen von Frauen nicht besonders, denn so dachten auch die meisten Chefs, auch inspiriert von ihren Ehefrauen, die Kokurrenz in den Firmen erwarteten.  

Junge Mädchen bzw. auch Frauen, die viel lasen, sich mit Wissenschaften, Politik oder gar Wirtschaft beschäftigten, wurden „Blaustrümpfe“ genannt. Blaustrumpf war gegen Ende des 18. und im 19. Jahrhundert ein Schimpf- und Spottname für Frauen, die nach Emanzipation strebten, damit dem zeitgenössischen Frauenbild widersprachen und als „unweiblich“ galten. Intellektuell gebildete Frauen wurden als Blaustrümpfe karikiert. Der Begriff geht auf die britische Blaustrumpfgesellschaft zurück, galt zunächst für beide Geschlechter und hatte keine abwertende Bedeutung.

Und woher kommt diese Bezeichnung? Die Bluestocking Society war eine Gruppe gelehrter Frauen, die sich zu literarischen und politischen Diskussionen im Salon von Elizabeth Montagu und ihrer Freundin Elizabeth Vesey trafen, den sie Mitte des 18. Jahrhunderts in London eröffnet hatten und zu dem auch Männer, Intellektuelle und Aristokraten, eingeladen waren. Der Begriff Bluestocking soll auf folgenden Vorfall zurückgehen: Einer der dort verkehrenden Herren war der Botaniker Benjamin Stillingfleet, der statt der zur feinen Herren-Abendgarderobe gehörenden schwarzen Seidenstrümpfe mangels entsprechender Mittel billige blaue Garnstrümpfe trug. Dieses skandalöse modische Vergehen sprach sich herum, und die Teilnehmer der „intellektuellen Feste“, Männer wie Frauen, wurden als „bluestockings“ bekannt. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich eine „polarisierte Geschlechterphilosophie“ herausgebildet, die die Trennung von männlicher und weiblicher bürgerlicher Sphäre begründete und der Frau die Selbstbestimmung absprach. Die selbstbewusste Frau, die sich intellektuell bilden oder schriftstellerisch tätig sein wollte, war Mitte des 19. Jahrhunderts Zielscheibe männlicher Aversionen und Ängste. Mit Erstarken der Bewegungen für das Frauenwahlrecht ging die Blaustrumpf-Karikatur auf die sowohl als lächerlich als auch gefährlich dargestellte Suffragette in groben blauen Wollstrümpfen über. Noch in den 50er und 60er Jahren gehörte das Wort Blaustrumpf „zum Standardvokabular von Frauenfeinden aller Art.

Ich erfuhr es erst viel später, aber mein Mann war von Freudinnen in seiner so genannten Clique vor mir – einem Blaustrumpf – gewarnt worden. Er hat diese Warnung nicht beachtet, er war dann fast 60 Jahre mit mir verheiratet.

Können Sie vielleicht jetzt nachvollziehen, warum ich auf den Terminus „Heiratswahrscheinlichkeit von Frauen“   heftig reagiert habe?

Meine Gedanken zum Thema „Heiratswahrscheinlichkeit von Frauen“

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