Wie sich die Ansichten zu „Wertvollem“ ändern

Meine Mutter war eine sehr sparsame Frau. Geschenke, die sie durchaus gerne verteilte, mussten „nachhaltig“ sein, wie man vielleicht heute sagen würde.

Also konkret: ich habe als Kind zu Geburtstagen, Weihnachten etc. kaum Spielzeug erhalten, sondern eher Goldmünzen. Meine Mutter kaufte mir auch nach und nach ein Vollsilberbestecke, und zu den diversen Anlässen bekam ich dann Löffeln, Gabeln, etc. etc. Auch Teile des Zwiebelmusterservices wurden gekauft, um nicht nur verschieden große Teller, sondern auch Schüsseln, Saucieren, Tee- und Kaffeekannen, sowie Milchkanderln, Zuckerdosen etc. etc. zu besitzen.

Ihren Enkeln kaufte meine Mutter jeweils einen Porzellanlipizzaner mit Bereiter (Augarten). Meiner Tochter kaufte sie ein Augartenkaffeeservice, ich glaube mit Alpenblumen – wirklich wunderhübsch. Als meine Kinder auszogen und einen eigenen Hausstand gründeten, wollten sie von diesen Kostbarkeiten – die sich meine Mutter wirklich „abgespart“ hatte, nichts wissen.

In der Zwischenzeit waren Geschirrwaschmaschinen aufgekommen, die sich meine Mutter weigerte, zu verwenden, da ja da drinnen das „schöne handbemalte Geschirr“ langsam kaputt ginge. Aber wer von uns hat Zeit und Lust nach einem Essen mit Gästen, zu denen man das „schöne Geschirr“  und Gläser herangezogen hatte, dieses mit der Hand zu waschen. Da lässt man es dann doch lieber in der Vitrine stehen. Apropos Vitrine: wer hat heute in seiner Wohnung noch Platz für eine Vitrine „mit schönem Geschirr“, oder eine – vom Tischler handgefertigte – Lade für das Silberbesteck. Und wer hat noch Zeit, das Silber(-Besteck) zu putzen. Ich denke auch nicht dran, die Kristallschüsseln mit Silberrand zu verwenden.

Meine Großtante verwendete noch ein silbernes Frisierset, sehr eindrucksvoll aber  bei den heutigen Frisuren nicht mehr nutzbringend.

Diese Objekte haben in eine Zeit gepasst, in der es noch „Domestiken“ gab, denen man relativ wenig bezahlte, die unter miserablen Umständen im Haushalt lebten und sich um diese schönen Sachen auch kümmern konnten. Wenn sie einmal ein entsprechendes Häferl (Meißen, Herend, Augarten etc.) zerschlagen hatten, gab’s zwar einen Riesenwirbel, aber man bekam die Sachen in einschlägigen Geschäften nach.

Heute kann man diese Schätze z.B. auf e-bay sehr günstig kaufen, eben deshalb, weil viele junge Leute dieses Zeug loswerden wollen, das ihre Eltern, Großeltern so geschätzt und gesammelt haben. Heute gilt der Minimalismus. Die drei Bücher der Marie Kondo wurden in 27 Sprachen übersetzt und weltweit 7 Millionen Mal verkauft. Sie empfiehlt, dass alles, was einem keine Freude bereitet, umgehend entsorgt werden sollte.

So, ich gebe zu, dass mir die Augarten-Porzellanlipizzaner meiner Kinder wirklich keine Freunde bereiten. Andererseits denke ich an meine Mutter, mit welcher Liebe sie das ausgesucht hat, worauf sie verzichtet hat, um diese Objekte kaufen zu können. Ich kann sie – aus emotionalen Gründen – einfach nicht „ausmisten“. Diese Aufgaben übertrage ich meinen Erben, die dann wirklich keinen Bezug mehr zu diesen Dingen haben werden. Hoffentlich verkaufen sie dann diese Dinge nicht weit unter ihrem Wert, aber dann – kann mir das auch eigentlich schon ziemlich „wurscht“ sein.

Oder besteht doch noch ein gewisser Hoffnungsschimmer? Denn das „Glumpert“ einer Generation kann zum Objekt der Begierde der nächsten oder übernächsten werden. Ich habe es an mir selbst erlebt. Meine Großmama war im Zweiten Weltkrieg gezwungen gewesen mit „Antiquitäten“ zu handeln (ihr Mann, mein Stiefgroßvater, war Jude gewesen, hatte daher kein Einkommen mehr, weil er nicht arbeiten durfte und so sah sich  meine Großmama veranlasst, mit irgendetwas Geld zu verdienen, um die Familie zu erhalten).

Am Markt – zumindest zu dem sie Zutritt hatte, gab es viel „Jugendstilobjekte“. Na mir gefielen sie damals überhaupt nicht. Meine diesbezügliche Meinung hat sich – allerdings wesentlich später – sehr geändert, allerdings hatte ich dann das Geld nicht, um mir diese Jugendstildinger auch kaufen zu können. Pech gehabt.

Die Möbel meiner Eltern waren aus „kaukasisch-Nuss“. Ich fand sie scheußlich, und bei Wohnungsauflösung verschenkte ich sie. Jetzt kann man zu doch einigermaßen erheblichen Preisen wieder erwerben. Aber wer hat den Stauraum und die Geduld, Möbel über Generationen hinweg aufzuheben, um ihre Metamorphose vom Glumpert zum Objekt der Begierde aussitzen zu können.

Auch der Minimalismus wird sich wieder einmal geben.

Wie sich die Ansichten zu „Wertvollem“ ändern

6 Gedanken zu “Wie sich die Ansichten zu „Wertvollem“ ändern

  1. Es ist ja auch so, dass man selbst einen vollausgestatten Haushalt hat, wenn Großeltern oder Eltern versterben. Selbst wenn man Besteck, Porzellan, Möbel und Dekostücke gern leiden mag, hat man dann doch meist keinen Platz, diese Teile zu verwahren.
    Mir wurde von meiner Großmutter eine Glasbowle versprochen, die steht heute in einem Dachzimmer des Hauses, in dem sie lebte, ebenso wie eine Buffetuhr.

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