Gedenken an die Tage in der Hainburger Au

Es war ein 22. Dezember, im Jahr 1984: die Bundesregierung unter Bundeskanzler Fred Sinowatz beschloss nach zwei Wochen einen „Weihnachtsfrieden“ mit den Besetzern der Hainburger Au.

Es war aufregend gewesen, und in Österreich hatten wir derartiges schon lange nicht gesehen, besonders auch für uns, meinem Mann und mich – als Eltern – deren Kinder „in der Au“ waren. Wir waren damals sehr froh, ob dieses Weihnachtsfriedens.

Die Hainburger Au ist eine naturbelassene Flusslandschaft an der Donau nahe Hainburg, östlich von Wien, und seit 1996 Teil des Nationalparks Donau-Auen. Aber die Schutzbedürftigkeit derartiger Landschaften war damals noch nicht in den Köpfen vieler verankert. Damals dachte man in „größer – schneller -mehr“ Kategorien, besonders was den Ausbau von (Wasser-)Kraftwerksanlagen betraf. Obwohl die Kampagne des WWF Österreich gegen diesen Bau von zahlreichen Umweltaktivisten unterstützt wurde, hielt sich das Interesse der breiten Öffentlichkeit anfänglich in Grenzen.

Wie kam es zu diesem „Weihnachtsfrieden und warum ging es überhaupt in dieser Stopfenreuther Au?

Die Österreichische Donaukraftwerke AG konnte 1983 eine Erklärung des Kraftwerks Hainburg zum bevorzugten Wasserbau durch die oberste Wasserrechtsbehörde erreichen. Ein bevorzugter Wasserbau war ein Instrument im damals gültigen österreichischen Wasserrechtsgesetz und diente zur behördlichen Handhabung großer Wasserbauvorhaben, die „im besonderen Interesse“ standen. Damit konnte eine Verfahrenskonzentration aller behördlichen Genehmigungen bei der Wasserrechtsbehörde erreicht werden, und das bedeutete eine Einschränkung des Instanzenzuges und dadurch eine Beschleunigung des Zulassungsverfahrens. Nach Ende des behördlichen Verfahrens wurde im Dezember 1984 bei Stopfenreuth (Engelhartstetten) mit den Arbeiten begonnen.

Der Publizist Günther Nenning und Gerhard Heilingbrunner, Leiter des Alternativ-Referats der Österreichischen Hochschülerschaft, traten als Initiatoren eines Volksbegehrens zur Erhaltung der Auen und Errichtung eines Nationalparks in Erscheinung, wofür auch der Nobelpreisträger Konrad Lorenz als prominenter Unterstützer gewonnen wurde. Zur Unterstützung dieses Konrad-Lorenz-Volksbegehrens fand am 7. Mai 1984 im Presseclub Concordia die später so genannte Pressekonferenz der Tiere statt. Unter den anwesenden Persönlichkeiten aus Politik und Kunst, die gegen den Kraftwerksbau protestierten, waren Günther Nenning (als Hirsch verkleidet), der Wiener Stadtrat Jörg Mauthe (als Schwarzstorch), Peter Turrini (als Rotbauchunke) und Othmar Karas (als Kormoran). Aufgrund der umfangreichen Berichterstattung über dieses Ereignis erreichten die Gegner des Kraftwerksbaus das Bewusstsein der Bevölkerung. Damals waren Proteste noch originell, parteiübergreifend und nicht hasserfüllt. Am 8. Dezember 1984 organisierte die Österreichische Hochschülerschaft einen Sternmarsch, an dem ca. 8000 Menschen teilnahmen. Mehrere hundert Personen blieben in der Au und erzwangen die Einstellung der Rodungsarbeiten.

Am 15. Dezember rannten bei der Liveübertragung der Samstagabendshow „Wetten, dass…?“ aus Bremen deutsche Umweltaktivisten mit dem Transparent „Nicht wetten – Donauauen retten“ vor den gerade sprechenden Wettpaten Bundeskanzler Fred Sinowatz. Als diese Aktivisten von Ordnern schon fast aus dem Bildbereich gezerrt worden waren, schritt Moderator mit den Worten „In meinem Studio wird keiner rausgeschmissen!“ ein und gab den Aktivisten noch die Möglichkeit zu einer kurzen Stellungnahme.

Nachdem die Au zum Sperrgebiet erklärt worden war, kam es am 19. Dezember 1984 zu einem umstrittenen Polizeieinsatz, bei dem unter Schlagstockeinsatz eine Fläche von ca. 4 ha mit Absperrungen eingefasst und unter Polizeibewachung gerodet wurde. Bei den Zusammenstößen zwischen 800 Gendarmerie- und Polizeibeamten und etwa 3000 Aubesetzern wurden auf Seiten der Umweltschützer nach offiziellen Angaben 19 Personen, darunter Angehörige eines italienischen Fernsehteams, verletzt. Redakteure und Kameraleute des ORF wurden bei ihrem beruflichen Einsatz in der Stopfenreuther Au von Exekutivorganen tätlich an ihrer Arbeit gehindert. Am Abend desselben Tages demonstrierten in Wien bis zu 40.000 Menschen gegen das Vorgehen der Regierung und gegen den Kraftwerksbau. Am 21. Dezember 1984 verhängte die Bundesregierung einen Rodungsstopp. Am 22. Dezember 1984 verkündete Fred Sinowatz unter dem Druck der öffentlichen Meinung und einiger einflussreicher Massen-Medien einen Weihnachtsfrieden. Tausende Menschen verbrachten die folgenden Feiertage in der Au. In der Au wurde mit den Besetzern ein Weihnachtsgottesdienst gefeiert.

Als der Verwaltungsgerichtshof Anfang Jänner 1985 weitere Rodungen bis zum Abschluss des laufenden Beschwerdeverfahrens für unzulässig erklärte, wurde die Besetzung beendet. Im März 1985 wurde das Konrad-Lorenz-Volksbegehren von 353.906 Personen unterzeichnet. Am 1. Juli 1986 hob der Verwaltungsgerichtshof den Wasserrechtsbescheid auf. Seit 1996 gehört die Hainburger Au zum Nationalpark Donau-Auen.

Erstmals war ziviler Ungehorsam erfolgreich und öffentlichkeitswirksam in Erscheinung getreten. Nach der Absage an das Kernkraftwerk Zwentendorf 1978 war Hainburg das zweite Ereignis, in dem Basisdemokratie erfolgreich – und nachhaltig richtungsweisend – umgesetzt wurde. Für die Grüne Alternative führte dieser Protest zu einer Neuformierung als Partei aus einigen bereits bestehenden Grüngruppierungen, und sie erreichte 1986 erstmals den Einzug in den Nationalrat.

Seither hat sich der Umweltgedanke sich in allen parteipolitischen Programmen festgesetzt. Aufgekommen ist seinerzeit das Schlagwort von der öko-sozialen Marktwirtschaft. „Kaprun“ war bis dahin das Symbol des Wiederaufbaus gewesen.  Mit der Nicht-Inbetriebnahme von Zwentendorf, die mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986 quasi „bestätigt“ wurde, schwenkte Österreich auf einen Anti-Atom-Kurs ein. Mit Hainburg wurde klar, dass man auch die Ressource Wasserkraft nicht unbegrenzt ausbauen kann, um nicht die Natur dieses unseres Landes zu zerstören.

Gedenken an die Tage in der Hainburger Au

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