Derzeit aktuell: Abnehmen

Oder doch Genießen?

Leider, ja – jedes Jahr dasselbe. Man kann nach Weihnachten nicht auf die Waage steigen und das Leben noch bis zum 1. oder gar 6. Jänner genießen, oder man bekommt den großen Schreck ob des gestiegenen Gewichts und überlegt sich – fast sofort – den steinigen Weg zur Rückkehr zum vorigen Gewicht anzutreten. Früher war das erheblich einfacher, mein asketischer Weg lag in der Methode „fdH (friss die Hälfte) und war in der Vergangenheit recht erfolgreich – wenn ich es durchhielt. Ich bin mir nämlich immer zu dick vorgekommen.

Diese Situation hat begonnen, als die karge Nachkriegszeit vorüber war. Besonders ausgeprägt war es dann während meines Studienjahres in den USA.  Zu dem normalen Essen – das ohnedies nicht gerade kalorienarm war – kamen noch zwischendurch oder abends, beim Ausgehen noch solche Schlankmacher dazu wie Banana-Split etc. dazu. 10 kg schwerer war ich zu Ende des Studienjahres … Allerdings – während der Ferien, die ich dann aus dem Gesparten finanzieren musste, konnte ich das Übergewicht wieder los werden, da ich das wenige Geld dann doch lieber in Anderes, wie z.B. Kleidung investieren wollte.

Viel später, als die Ärzte meinem Mann, der wirklich gerne aß, empfohlen hatten, endlich etwas gegen sein Übergewicht zu unternehmen, begaben wir uns in ein schickes Hotel (erstmals am Wörthersee), wo man für sehr viel Geld fast nichts zu essen bekam – und das drei Wochen lang.  Aus Solidarität mit meinem Mann aß ich auch nur alte Semmeln, kaute sie endlos und trank unbeschreibliche Kräutertees etc. Es funktionierte. Mein Mann nahm 10 kg ab und ich 6. Ich gebe zu, dass ich hinterher ziemlich geschwächt war. Problematisch dabei war, dass wir unsere üblichen Essgewohnheiten bald wieder aufnahmen, und der „Jo-Jo“-Effekt kam voll zum Tragen.  Das heißt, das verlorenen Gewicht war bald wieder eingeholt – bzw. übertroffen. Diese Prozedur wiederholten wir – an verschiedenen Orten mehrmals.

Aber mit zunehmendem Altem wurde auch das Abnehmen schwieriger – und heutzutage ist es wirklich kompliziert geworden, denn das genussreiche Essen wurde uns schon ein wenig vermiest. Den so genannten „Nachschlag“ haben wir uns ohnedies abgewöhnt – leider – aber jetzt geht es nicht mehr nur um die Kalorien oder Joules, die wir zu uns nehmen, sondern um die Frage, ob die Ingredienzien aus der Region kommen, ob sie nach biologisch richtigen Prinzipien angebaut wurden etc. Da wird’s schwierig, denn z.B. Orangen, Zitronen Bananen wachsen halt bei uns nicht – außer in Glashäusern, aber die müssten wir heizen, und dafür würden wir Energie benötigen – und woher kommt die?  Ist sie erneuerbar? … Fragen über Fragen, z.B. auch werden (Ur)Wälder gerodet, um Pflanzen anzubauen, die Teil eines Produkts sind, oder auch wurde das Wasser, das für das Wachsen einer Pflanze benötig wird, anderen Pflanzen entzogen, die für die Ernährung der lokalen Bevölkerung notwendig sind. Ist die Fischart, die ich gerade esse, vom Aussterben bedroht? Mir scheint: egal, was wir heute essen, wir sollen umgehend ein schlechtes Gewissen haben. Ich mag mich aber nicht nur von Kraut und Rüben ernähren, weil die bei uns wachsen …. Was immer man isst, man wird seiner Gesundheit womöglich schaden. Oder man schadet der Umwelt. Zudem wirft man sich beim Essen mit schöner Regelmäßigkeit Unmäßigkeit vor. Man beschuldigt sich der Völlerei. Noch ein Häppchen, eine Gabel voll, ein letzter Bissen. Schwelgereien und Anverwandtes sind gewiss Phänomene einer Überflussgesellschaft, doch sie belasten unser Gewissen deswegen nicht minder. Wir essen zu viel. Und wir essen falsch. Das wird uns vorgehalten, damit wird uns, was uns legal zusteht, vermiest –unsere Nahrung: Genuss, Wollust, Sinnlichkeit, Rausch, Kitzel und Verlangen stehen auf dem modernen Index. Nur wer nicht isst, macht keine Fehler.

Aber nicht das, was wir essen, sondern die Art, wie wir es essen, ist demnach entscheidend. Ob Fast Food oder Slow Food, was wir uns täglich auf unsere Teller hieven, sei zumeist ein Vergehen gegen uns selbst, hört man allenthalben. Was wir uns einverleiben, sei zu salzig und sei zu fett, zu süß und zu schwer, und zu viel an Menge sei es ohnehin.

Seit der Erfindung der Ernährungswissenschaft glauben wir zu wissen, wie die „Todsünde“ schmeckt. Nach Zucker, nach Fett – und nach der Lust auf immer mehr (die Maraschino-Kugeln, die mein Enkel selbst gemacht und mir geschenkt hat). Spezialisten erforschen, was der Mensch zu sich nehmen muss, darf und soll, um gesund und leistungsfähig zu sein oder es zu werden. Leider ist es wahrscheinlich nicht das, was ich gerne esse! Denn während wir essen, nagt in unserem Bewusstsein beständig die Vorstellung, dass wir Sünder sind. Wir sündigen gegen unsere Gesundheit, weil wir unserem Körper womöglich ungesunde Lebensmittel zumuten oder die Umwelt schädigen. Aber es geht halt jetzt nicht mehr, dass wir nur noch verzehren, was man selber gesät, gegossen, geerntet – oder gar gejagt oder geschlachtet hat.

Aber unsere Lebenserwartung in den letzten dreihundert Jahren hat sich nicht aufgrund einer gesunden Ernährung verdoppelt, sondern weil sich die Menschen heute ausreichend ernähren können. William Shakespeare ließ seinen Cäsar noch das Loblied der feisten, mit tiefem Schlaf gesegneten Menschen singen: „Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein, / mit glatten Köpfen und die nachts gut schlafen.“ Manchen ist mit der Kategorisierung in moralisch tadellose und moralisch verwerfliche Nahrung die Lust am Essen vergangen (mir nicht!).

Somit gehe ich mir gleich eines der noch verbliebenen Vanillekipferln holen.

Derzeit aktuell: Abnehmen

6 Gedanken zu “Derzeit aktuell: Abnehmen

  1. Knnst du „warum französische Frauen nicht dick werden“ ? Meiner Meinung eines der besten „Diätbücher“. Die Autorin ist auch in jungen Jahren in den USA gewesen und 20 kg schwerer nach Hause zurückgekommen. In Frankreich scheint Übergewicht noch deutlich mehr negativ behaftet zu sein. Ich bin mir uneins beim Abnehmen, denn sobald man seinen Fokus aufs essen bzw. Diät halten setzt hat fast nichts anderes mehr Platz. Schade drum. Ich bin auch zu schwer. Wirklich. Und es ist auch gesundheitsschädigend. Der einzige weg ist glaube nach dem Bedürfnis des übermäßigen Essens zu schauen. Ehe das nicht befriedigt wird, hat man glaube ich nur temporär also über Restriktionen Chancen.

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  2. Ich kannte ein Ehepaar, welches auf anraten der Ehefrau sehr gesund lebte, viel Gemüse, wenig Fett, wenig Zucker – man kennt das. Und man versagte sich den einen oder anderen Genuss. Geholfen hat es nicht, beide starben innerhalb eines Jahres an Bauchspeicheldrüsenkrebs.
    Ich bin seit langem der Meinung, dass wir essen und trinken sollten, wonach uns der Sinn steht, aber eben maßvoll – wobei man auch gern mal über die Stränge schlagen darf.

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