Schifoan

Nur mit Aufstiegshilfen

Meine Meinung kennen Sie ja schon, aber auf mich hört ja keiner. Denn „Wann i amol was z’reden hätt‘, i schaffert olles o‘ / wos brauch ma denn dös olles, net / is eh‘ gnua do“ sagte schon Josef Weinheber lange vor der derzeitigen Pandemie.  

 Diesmal betrifft es das Schifahren in Österreich, dass uns wieder einmal negativ in die internationale Presse gebracht hat. Österreich hat den Liftbetrieb seit dem 24. Dezember erlaubt. Aufgrund der Reisebeschränkungen, die eine bis zu zehntägige Quarantäne für Einreisende vorsehen, sind fast ausschließlich einheimische Schifahrer auf den Pisten. Kapazitätsbeschränkungen bei den Seilbahnen und Liftanlagen wurden erlassen. Hotels und Schihütten bleiben geschlossen – nur Geschäftsreisende dürfen z.B. Hotels benutzen. Apres Schi ist nicht erlaubt.

Es sind die Knäuel von Menschen, also Menschenansammlungen in der Wartezone vor den Schiliften, die andere dazu veranlassen, anzunehmen, dass es in Österreich eher um die Wirtschaft als um die Gesundheit geht. Sicher, ich glaube auch, dass Schifahren gesund ist, dass es den Menschen Freude macht, dass sie die frische Luft genießen, die Bewegung … Aber benötigen sie dazu unbedingt einen Schilift oder eine Seilbahn. Die Betreiber der Seilbahnen und Lifte schlagen nun vor, diese Kapazitätsbeschränkungen aufzuheben, dann würden sich die nunmehr in Schlangen organisierten Menschenmassen schnell auflösen. Also hinein in die Gondeln, was das Zeug hält?

Als ich ein Teenager war (das sagte man damals nicht, die weibliche Variante davon nannte man damals aus mir nicht ganz verständlichen Gründen Backfisch) gab es noch kaum Schilifte, da und dort Materialseilbahnen, hin und wieder einen Schlepplift – dabei gab es Tellerlifte mit Tellerbügeln für eine Person) oder Ankerlifte in Kurz- oder Langversionen für zwei Personen (Bügelschlepplift). Und wenn wir längere Abfahrten suchten, hieß es einfach zu Fuß hinaufgehen. Entweder trug man seine Schier oder man benutzte „Seehundfelle“, die an der Unterseite der Schi befestigt wurden, damit man nicht nach hinten rutschte. So ein Aufstieg war mühsam, die Abfahrt wunderschön, präparierte Pisten gab es halt keine. Wenn man die Seilbahnen und Lifte gesperrt hätte, müssten die Menschen zu Fuß auf den Berg gehen, ich bin sicher, es wären weniger unterwegs und es käme kaum zu Drängereien. Gegen präparierte Pisten spräche ja nichts und Beschneiungen, die so viel Wasser erfordern, sind ja heuer nicht erforderlich. Dagegen spricht allerheftigst der Umweltgedanke, aber das ist eine andere Geschichte.

Ja, sicher, gegen diese Lösung/Sperre der Aufstiegshilfen, hätten die Liftbetreiber protestiert.

Nun Gedränge in Gondeln kann zu Ansteckungen führen. Angesteckt würden zumeist (junge) fitte Menschen, bei denen Corona meist harmlos verläuft. Aber sobald sie infiziert sind – ohne es wahrscheinlich zu merken – kommen sie auch in Kontakt mit Alten, Gebrechlichen, mit Risikopersonen. Diese wären es dann, die die Spitalsbetten belegen, und einen Engpass bei Intensivbetten herbeiführen könnten (Die ja auch für jene Personen benötigt würden, die Schiunfälle hätten). Und einige aus dieser Gruppe von Alten, gebrechlichen Menschen aus Risikogruppen würden auch sterben. Die Übersterblichkeit aufgrund von Corona in diesem Herbst spricht eine deutliche Sprache. Im November ist in Österreich mehr als ein Fünftel der Toten an oder mit einer labordiagnostisch bestätigten Coronavirus-Infektion gestorben. Das zeigen auf einem Online-Portal der Ärztekammer Wien einsehbare, von der APA ausgewertete Daten der Statistik Austria und der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES). Demnach sind in den vier Wochen vom 2. bis 29. November 9.131 Personen gestorben, davon 2.065 mit einer Covid-19-Infektion. Das ist ein Anteil von 22,6 Prozent. Zwischen 1. März und 30. April waren laut Statistik Austria 588 der 15.107 Toten an Covid-19 als zugrundeliegender Todesursache gestorben. Dies entspricht 3,9 Prozent. Es sterben also deutlich mehr Menschen, als in dieser Jahreszeit sonst üblich. Denn Solidarität können die ganz Alten halt nicht mehr erwarten. Die Interessen der durch das Coronavirus besonders gefährdeten Alten werden gegen die von Gastronomen oder Hoteliers aufgerechnet, denn die ganz Alten nehmen nicht mehr am Erwerbsleben teil.

Auf Grund dieses Verhaltens mancher Schilift- und Seilbahnbenutzer werden die Ziffern der Neuinfektionen in ca. 14 Tagen nicht ausreichend heruntergehen – und möglicherweise würde der Lockdown verlängert werden müssen– was der Wirtschaft in ihrer Gesamtheit schaden würde

Jetzt gilt es abzuwägen: Einerseits Gesundheit versus wirtschaftlichen Erfolg von Teilen der Tourismuswirtschaft, und andererseits Tourismuswirtschaft versus gesamtwirtschaftlichen Erfolg (der besonders durch den Imageschaden, der durch Ischgl verursacht wurde, ohnedies schon beträchtlich ist). Da sind die indirekt Getöteten und die Trauernden ohnedies nicht eingerechnet.

Werfen Sie mir jetzt bitte nicht vor, dass ich zynisch bin, oder dass ich Dinge zu einfach sehe.  Ich weiß, dass „der Staat“ die ganz Alten, die Gefährdeten zuallerst impfen will, dass bei allen Maßnahmen (mit Ausnahme dieses Schizirkus) besonders die Gefährdung der Alten bedacht wurde.

Schade, dass dieses solidarische Denken jetzt anscheinend aufgegeben wird, weil wie es im Schlager „Schifoan“ heißt: „, Weil Schifoan is des leiwaundste Wos ma si nur vurstelln kann“.

Schifoan

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