Die Pummerin

Ich wollte heuer ganz bewusst – im Hinblick auf Corona – das Neue Jahr still begrüßen. Die Zeit bis Mitternacht verbrachte ich mit zeitweiligem Ansehen der Fledermaus – aber die Leichtigkeit dieser Musik traf nicht ganz meine Stimmungslage. Jedenfalls hatte ich gehofft, dass ich diesmal die Pummerin hören würde – die Knallerei, die sonst diese sonore Glocke übertönt, war ja verboten.

Verboten vielleicht schon, aber manche haben sich halt an das Verbot nicht gehalten (ich war wieder traurig an all die Corona-Leugner erinnert), es war aber viel weniger Lärm als sonst. Er dauerte auch kürzer, aber wurde wiederum die Pummerin übertönt – einen Glockenschlag glaube ich gehört zu haben (ich gebe zu, ich bin auch ein bissel terrrisch).

Was hat es mit der Pummerin auf sich und warum ist sie so wichtig für viele von uns in Österreich. Die (neue) Pummerin ist eine seit 1957 im Nordturm des Stephansdoms in Wien hängende Kirchenglocke. Die alte Pummerin aus dem Jahre 1711 hing im Südturm und war beim Brand des Stephansdoms am 12. April 1945, in den allerletzten Tagen des Zweiten Weltkriegs herabgestürzt und zerbrochen.

Die alte Pummerin

Gegossen wurde sie von Johann Achamer, der am 18. Dezember 1710 von Joseph I. den Auftrag erhielt, aus 180 in der Entsatzschlacht vom 12. September 1683 erbeuteten türkischen Kanonen eine neue Glocke für den Südturm des Stephansdoms zu gießen (300 Zentner Metall, dazu 40 Zentner Zinn als „Glockenspeise“). Am 21. Juli 1711 war der Guss vollendet, am 29. Oktober begann der Transport von der Gießerei (7, Burggasse 55) zum Rotenturmtor und am 5. November (nachdem die Festigkeit der unter die Straße reichenden Gewölbe geprüft wurden) der Transport zum Dom; am 15. Dezember 1711 erfolgte die Weihe, am 26. Jänner 1712 ertönte die Glocke erstmals bei der Rückkehr Karls VI. von der Kaiserkrönung. Die Pummerin hatte einen Durchmesser von 3,16 m, ein Gewicht von 22.511 kg (mit Klöppel und Joch) und kostete 19.400 Österreichische Gulden. Auf dem Mantel befanden sich drei verschiedene Inschriften und drei Relieffiguren (Maria Immaculata mit kaiserlichem Wappen, heiliger Joseph mit den Wappen von Böhmen und Ungarn, heiliger Leopold mit österreichischem Wappen), darunter Engelsköpfe und die Buchstaben DOM (Deo Optimo Maximo). Im 18. Jahrhundert hieß die Glocke „Josephinische Glocke“, im Volksmund allerdings schon damals Pummerin. Zum letzten Mal wurde die Pummerin zu Ostern 1937 geläutet. Beim Brand der Stephanskirche stürzte sie am 12. April 1945 in die Tiefe, zerschellte und zerstörte dabei das Türkenbefreiungsdenkmal (errichtet zur Erinnerung an die Befreiung Wiens von der zweiten Türkenbelagerung 1683).

Die Halbpummerin

Aber schon vor dieser Josephinischen Glocke gab es eine Glocke im Dom, die Pummerin genannt worden war, gegossen 1588. Ihr eigentlicher Name war Johannesglocke. Erst im 19. Jahrhundert ging die Bezeichnung Pummerin auf die größere und tontiefere Josephinische Glocke über, während sich für die Johannesglocke der Name Halbpummerin einbürgerte. Diese hing im Nordturm, wo heute die neue Pummerin hängt. Zum Zeitpunkt ihres Gusses war die Halbpummerin die größte Glocke im deutschen Sprachraum. Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung war sie die einzige Glocke der Stadt, die bei drohender Gefahr geläutet werden durfte, weshalb sie bisweilen auch Angsterin genannt wurde. Die Halbpummerin stürzte in der Nacht vom 11. zum 12. April 1945 beim Dombrand ins Querhaus. Die geborgenen Reste wurden ebenfalls für den Guss der neuen Pummerin verwendet.

Die neue (und jetzige) Pummerin

Den Transport der neuen Pummerin habe ich miterlebt, es war ein wirklich bewegendes Ereignis, es „läutete die Normalisierung nach dem Krieg ein“. Am 21. Dezember 1951 wurde die Glocke in St. Florian verabschiedet. Der Transport begann am 25. April 1952 mit Übernachtung in St. Pölten. Die Glocke wurde mit einem mit zwei LKW bespannten Tieflader transportiert. In Wien wurde sie am 26. April um 16 Uhr auf dem Stephansplatz von einer jubelnden Menschenmenge empfangen und vom Kardinal geweiht. Unterwegs hatten unzählige Menschen den Weg gesäumt und die sowjetischen Soldaten an der Zonengrenze ließen den Konvoi ausnahmsweise ohne Kontrolle von Transportschein und Identitätsausweisen passieren. Am 27. April wurde sie beim Festgottesdienst zur Eröffnung des wiederhergestellten Chores zum ersten Mal geläutet. Zum Jahreswechsel 1952/1953 wurde das jährliche Neujahrsläuten als fixer Bestandteil der Läuteordnung eingeführt.

Aus dem geborgenen Material der alten Pummerin, Teilen zweier ebenfalls abgestürzter Glocken aus dem Stephansdom und etwas Material aus den Beständen der Glockengießerei wurde im Jahre 1951, als Geschenk des Bundeslands Oberösterreich, durch die Oberösterreichische Glocken- und Metallgießerei in Sankt Florian eine neue Glocker gegossen. Die „Stimme Österreichs“, wie sie auch genannt wird, schlägt auf voller Läutehöhe 34-mal pro Minute an und hat eine Abklingdauer von etwa 200 Sekunden.

In ihren Reliefs zeigt sie Motive von der Türkenbelagerung, vom Brand des Stephansdoms 1945 und die Unbefleckte Empfängnis nach einer werktreuen Wiedergabe jener der alten Pummerin. Auf den Armen der Henkelkrone sind sechs Türkenköpfe zu sehen. Oberhalb der Weiheinschrift befindet sich das Wappen der Republik Österreich, unterhalb das oberösterreichische Landeswappen.

Die Pummerin wird einerseits zu festgelegten Anlässen geläutet. Darunter fallen hohe katholische Festtage wie Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Heiliger Abend und der Stefanitag sowie zum Jahreswechsel. Zu Allerseelen wird die Pummerin zum Angedenken der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und am 23. April zum Domweihfest geläutet.

Ich hoffe, Sie verstehen jetzt, warum ich die Pummerin am Silvesterabend „live“ hören wollte.

Prosit 2021

Die Pummerin

4 Gedanken zu “Die Pummerin

  1. Glockenklang. Ich erinnere mich an den Klang der Westberliner „Freiheitsglocke“, der uns in der DDR über Westradio und Westfernsehen bis 1988 (bei mir etwa ab 1967, also dem Jahr meines vierten Geburtstages) an jedem Silvester begleitete. Zu ihrem Klang wurde auf das Neue Jahr angestoßen. Erst, wenn die Glocke verklungen war, ging es hinaus zu einem kleinen Feuerwerk.

    Und seit 1989 wird dafür im TV (ZDF) eine recht seichte und mich immer mißlaunig stimmende Protz- und Lustigkeitsparty gefeiert (gestern auch wieder: am Brandenburger Tor, offiziell ohne Zuschauer) gesendet. Mir fehlt das sonore Einläuten des Neuen Jahres wie Ihnen sehr.

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  2. Hauptschulblues schreibt:

    Wir wollten auch die Glocken hören, aber offensichtlich wurde auf dem Schwarzmarkt so viel Knallkram verkauft, dass die Durchgekanllten schon um halb sieben damit anfingen. Um 0.30 war dann Schluss, wenigstens das. sonst knallen sie bis 2.30 und die nächsten Tage weiter.

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