Räumen bringt neue Einsichten

Meine Entwicklung in und aus der Bildungsbürgerwelt

Gestern haben wir wieder geräumt – einer meiner Mitbewohner, mein Enkel, hat mir dabei geholfen. (Allein schaff‘ ich das nicht). Manches kann man problemlos entsorgen, sogar in großen Mengen – z.B. mehr als sieben Jahre alte Kontounterlagen etc., bei anderen ist es schon schwieriger. Soll ich jetzt wirklich alle die Karten aufheben, die ich zum Abschied aus dem Berufsleben bekommen habe? Nein war die Entscheidung, es reichen die Photos von damals. Aber es sind auch ganz andere Unterlagen darunter, die ich halt selbstverständlich genau durchschaue, bevor ich sie dem Müll überantworte. Da ist eine Mappe mit Themen, über die mein verstorbener Mann noch schreiben wollte. Ich habe sie aufgehoben, weil ich angenommen habe, darin Hinweise zu finden, worüber ich jetzt meine Blogs verfassen könnte. Und siehe da, wie sehr sich das, worüber ich schreibe, von jenem unterscheidet, worüber mein Mann schreiben wollte.

Dazu muss ich ein bissel ausholen: mein Mann – seit seinem 62. Lebensjahr halbseitig gelähmt – hatte zwar vor seiner Gehirnblutung die Redaktionscomputer benutzt, war aber nachher auf „Diktieren“ umgestiegen, und benutzte keinen Computer mehr (damals waren die Computer, denen man diktieren konnte, erst in den Anfangsstadien). Er wusste aber sehr wohl um den Nutzen dieser Technologie. Daher, wenn er eine Idee – meist für ein neues Buch, vielleicht später für einen Artikel im „Spectrum“ der Zeitung die Pressehatte, bat er mich „alles diesbezüglich Verfügbare“ aus dem Netz zu suchen und für ihn auszudrucken. Wir hatten einen großen Verbrauch an Drucker-Papier. Das heftete er dann fein säuberlich zusammen (das Nachfüllen der Heftmaschine war dann wieder meine Aufgabe).  Und wenn nicht gleich jemand fürs Diktieren zur Verfügung stand (eine Tätigkeit, die ich strikt verweigerte), wurde das in entsprechenden Mappen fein säuberlich abgelegt. Und es war eine dieser Mappen, die uns beim Entsorgen in die Hände fiel.  Und „ung’schaut“ wirft man nichts weg. Aber wie erstaunt war ich dann letztendlich, als ich feststellen musste, dass all diese Themen, zu denen mein Mann Unterlagen gesammelt hatte, nicht meine Themen sind: wie Bürgerlichkeit, Eliten, Hoi Polloi (bedeutet: die vielen oder im strengsten Sinne die Menschen. Im Englischen wurde eine negative Konnotation gegeben, um die Massen zu bezeichnen. Synonyme für hoi Pollok sind „die Plebejer“ oder „Plebs“, „der Pöbel“, „die Massen“ und „die Proles“), Sans Culottes (ohne Kniebundhose, Culotte, so wurden in der Zeit der Französischen Revolution (1789–1799) die Pariser Arbeiter und Kleinbürger bezeichnet, die im Gegensatz zu den von Adligen getragenen Kniebundhosen oftmals lange Hosen trugen. Die Sansculottes wurden politisch einflussreich, weil sie die Jakobiner unterstützten, allerdings verfolgten sie unterschiedliche politische Ziele).

Für mich ist es faszinierend bei mir selber festzustellen, wie ich mich von der „Bildungsbürgerwelt“ meines Mannes, der ich mich eigentlich zugehörig fühle, weg-entwickelt habe. Ich habe meinen Mann immer für seine Bildung und sein Wissen bewundert, bis dann die weitgehend erwachsen gewordenen Kinder frech bemerkten, „Bildung ist, was der Vater weiß“.

Wenn ich es so recht bedenke, war vieles, das ich gelernt und gewusst habe, in den Augen meines Mannes lange nicht relevant. Ich habe in der Frühzeit der technologischen Entwicklung und Nutzung der Computer mich bereits mit künstlicher Intelligenz auseinander zu setzen versucht, was von meinem Mann mit dem Bemerken „unnütz“ vom Tisch gewischt wurde. Sein Lieblingsspruch in diesem Zusammenhang war der Titel eines Buches „Digitale Demenz“, und damit war dieses Thema vom Tisch.

Eigentlich erst sehr spät in seinem Leben, als mein Mann schon gebrechlich geworden war – und ich begonnen hatte, zu schreiben, zuerst Bücher und dann den Blog, hat mein Mann anerkannt, dass ich bei manchen Dingen über mehr Wissen verfügte, als er. Das hat in sehr erstaunt.

Dass ich gesellschaftlich nicht den Rang meines Mannes hatte, hat mich nie sonderlich betroffen gemacht. Ich habe ihn eigentlich mein Leben lang als mein Vorbild betrachtet.  Wahrscheinlich ist diese mein Selbstbewusstsein eigentlich erst  zu Tage getretengetreten, als ich zu schreiben begonnen habe. Wahrscheinlich hätte mir mehr Selbstbewusstsein während meiner beruflichen Karriere geholfen, aber ich lebte halt in einer Zeit anderer Werte – die eine „Überlegenheit“ einer Frau (in der Ehe) nicht anerkennen konnte.

Die Zeiten haben sich geändert, Frauen haben heute einen anderen Stellenwert als zu meiner Zeit, ich bin sicher, dass meine Tochter, meine Enkelinnen und Urenkelinnen nicht mit diesem Problem konfrontiert sind – meines Wissens haben sie allerdings viele andere Probleme, die unsere Zeit jetzt bringt, mit denen sie fertig werden müssen, ob sie nun Frauen/Mädchen oder Männer sind.

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