Wer leidet nicht unter dem Lockdown?

Was kann man dagegen tun?

Wie vielen anderen macht auch mich dieser lange Lockdown (der wiederum von so vielen nicht eingehalten wird) langsam trübsinnig. Ich gebe zu, es ist zwar verwerflich, aber ich neige derzeit zu Selbstmitleid. Aber eigentlich reicht es ja, sich nur ein wenig umzusehen, und Menschen wahrzunehmen, die noch sehr viel mehr Gründe zum Selbstmitleid hätten, als ich selber. Es gibt immer noch viele, denen es viel schlechter geht, als mir selber. Ich versuche es, als Trost zu sehen!

In Österreich, aber auch im restlichen Europa wird derzeit viel seitens des Staates für die „Alten“ getan. Man wird sie ziemlich bald gegen Corona impfen, vielleicht nicht nur ihretwegen, sondern auch um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu bewahren. Ich gehöre zu der Gruppe, und ich bin doch recht zuversichtlich, innerhalb des nächsten Monats (wenn es nicht zu weiteren Lieferschwierigkeiten kommt), geimpft zu werden; angemeldet (on-line) habe ich mich schon.

Aber manchen Menschen fällt diese Anmeldung z.B. schwer. Das sind solche, die nicht als behindert gelten, aber von der Gesellschaft schwer behindert werden.

Stellen Sie sich vor: ein älterer Mensch, eventuell nicht so besonders gut zu Fuß, hört vielleicht etwas schlechter als andere, sieht nicht mehr ganz so gut wie früher, in seinen ihren/jüngeren Jahren. Möglicherweise gehören sie auch zu der Gruppe der Computer-Illiterates – und leben allein, vielleicht irgendwo am Stadtrand, im „Grünen“.

Wie geht es diesen Menschen: die naheliegende Bankfiliale hat schon lange zugesperrt, wenn sie Glück haben gibt es noch ein Bankfoyer, aber selbst da gibt einen keine Person, die angesprochen werden kann, die Hilfe leisten könnte. Briefkästen sind ja weitgehend aus der Öffentlichkeit verschwunden, die Postfilialen werden geschlossen, oder durch automatisierte Versionen ersetzt, mit denen oben beschriebene Menschen einfach schwer oder gar nicht zurechtkommen können. Aber sie benötigen doch Briefmarken, weil sie ihre Korrespondenz noch immer nicht mit E-Mail abwickeln können. Viele Supermärkte verfügen nur mehr über eine besetzte Kassa, (vor der dann lange Schlangen stehen), aber man könnte doch die automatisierte Kasse benützen, wo man seine Produkte selbst einscannt.  Wie praktisch, für jene „gesellschaftlich-Behinderte“.

Die so behinderte Person hatte auch anfangs Schwierigkeiten, sich z.B. beim ersten Corona-Massentest anzumelden, das ging nur online (erst später dann auch telephonisch), aber zuweilen sind diese Telephone überlastet und man kann nur schwer durchkommen- dasselbe gilt jetzt auch für die Anmeldung für die Impfung.

Diese Menschen sind auf Verwandte oder Freunde, vielleicht sogar Nachbarn angewiesen, die sie aber im Lockdown nicht treffen sollen. Wie sollen diese Alten in dem lang andauernden Lockdown zurechtkommen?

Denn auch andere Gruppen, die vielleicht für die Unterstützung dieser durch das System behinderten Alten „zuständig“ wären, sind nicht minder betroffen. Ich möchte nicht in der Haut von Eltern stecken, beide – mehr oder minder – voll berufstätig, oder ein Teil alleinerziehend, natürlich auch vollberufstätig – im Home-Office arbeitend, mit zwei schulpflichtigen Kindern. Der Platz in der Wohnung ist wahrscheinlich beschränkt, in vielen Fällen kein Garten vorhanden, möglicherweise stehen Laptops nur für die Erwachsenen zur Verfügung. Normalerweise teilen sich zwei Großmütter die Kinderbetreuung – aber das geht jetzt nicht. Na diesen Stress in der Familie möchte ich mir gar nicht vorstellen.  Die Arbeit für die Eltern – im ungewohnten Umfeld – ist herausfordernd, die Kinderbetreuung samt Distance-Learning muss „zwischendurch“ erfolgten, und sollte geteilt werden, etwas, das zweifelsohne zu Auseinandersetzungen führen kann. Die Hausarbeit muss auch verrichtet werden. An wem sie „picken bleibt“, können Sie sich ausmalen. Wenn dann selbst nur ein leichter Corona-Fall in dieser Familie ausbricht, und das kann leicht der Fall sein, dann kommt noch eine Quarantäne für alle dazu – das möchte ich mir dann gar nicht ausmalen!

Aber auch eine weitere Gruppe, der es nach außen hin „gut zu gehen scheint“ und deren Probleme von anderen vielleicht als Luxusprobleme bezeichnet werden, geht es nicht so gut.  Jene, die im Herbst mit dem Studium angefangen haben, sich enthusiastisch auf das neue freie Studentenleben gefreut haben, sitzen jetzt zuhause, vor ihrem Laptop, folgen Webinaren, haben ihre Studienkollegen kaum kennengelernt, legen Prüfungen zu Hause an ihren Computern ab – (wenn sie diszipliniert genug dazu sind). Jetzt beginnen die für Studenten ziemlich langen Semesterferien, sonst stünden Schiurlaube, an – geht nicht, Reisen, vielleicht das nächste Semester im Ausland (mit Erasmus) – geht nicht, vielleicht ein Job um etwas Geld zu verdienen – gibt es nicht. Der Lockdown ist auch für diese von anderen als privilegierte Gruppe betrachtet, gar nicht so einfach.

Also finden wir uns mit der jeweiligen eigenen (trostlosen) Situation ab – sie dauert hoffentlich (!!!) nur mehr drei Wochen und denken wir an jene, denen es ungleich schlechter geht, als uns selber und derer gibt es sehr, sehr viele! Auch bei uns, in Österreich.

Wer leidet nicht unter dem Lockdown?

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