Wir werfen zu viel weg – auch Brot

Ich bin in der Familie verschrien, dass es bei mir meist nur altes, hartes Brot gibt. Das stimmt aber nur zum Teil, bzw. zeitweilig. Ich kann Brot nicht wegwerfen. So wurde ich erzogen: altes weißes Bort wurde zu Bröseln gerieben, in Bröckerln geschnitten, die dann zu Semmelknödeln verarbeitet wurden. Altes Briochebrot wurde zu Scheiterhaufen (mit Äpfeln, köstlich!!) verwandelt. Mein Großvater hat Brot oder Gebäck, egal wie alt es war, in seinen Kaffee getunkt.

All das steht nicht auf meinem Arbeitsplan, aber z.B. gibt es zuweilen Brotsuppe, die ich sehr gerne esse, aber halt auch altes Brot (einmal ist sogar eine Brotschneidemaschine an meinem alten Brot gescheitert und hat den Geist aufgegeben).  

Als mein Mann noch lebte – der altes Brot auch verabscheute – kam öfters ein lieber Freund zu Besuch, der die von mir gesammelten Brotreste seinen Krähen verfütterte – auch gut (Hendln und Schweindln stehen halt diesbezüglich in der Großstadt nicht zur Verfügung). Fiakerpferde sind zu edel für Brotreste.

Jetzt, in der Wohngemeinschaft mit meinen zwei Enkeln ist die Lage noch etwas komplizierter geworden. Ihre Anwesenheit ist bestenfalls als „erratisch“ zu bezeichnen, besonders jetzt in der Pandemie, man fährt halt doch eher ungeplant (oder gibt die Pläne der Großmutter nicht unbedingt bekannt) ins Häusel aufs Land oder kommt überraschend von dort zurück. Dann sollte aber jedenfalls ausreichend Brot vorhanden sein, daher gibt es öfter frisches, aber auch altes Brot gleichzeitig in unserem Haushalt (ich esse das alte!).

Mir ist es ein Anliegen, dass Brot nicht weggeworfen wird, und auch von der Bäckerei meines Sohnes wird das übriggebliebene Brot an eine caritative Einrichtung geliefert.

In der „Neuen Zürcher Zeitung“ las ich kürzlich einen interessanten Artikel: „Unser täglich entsorgtes Brot: Wie in der Schweiz jedes Jahr Hunderttausende Tonnen Getreide verloren gehen“ und ich gehe davon aus, dass das bei uns in Österreich nicht viel anders abläuft. In diesem Artikel wird der Weg vom Getreidekorn bis zum Brot und seiner Verwendung beschrieben. Dort wird z.B. geklagt, dass mehr als die Hälfte der Ernte aber gar nie von Menschen gegessen, sondern zu Tierfutter verarbeitet wird, im Regal liegen bleibt oder im Abfall eines Haushalts oder eines Restaurants verschimmelt. Die Kosten für Umwelt, Gesundheit und Finanzen sind hoch – obwohl es Möglichkeiten gäbe, die Lebensmittelabfälle deutlich zu reduzieren.

Vermeidbare Abfälle werden auch Food-Waste genannt. Untersuchungen zeigen, dass mehr als ein Drittel der landwirtschaftlich produzierten Lebensmittel verloren geht, dazu gehören z.B. die falsch gekrümmte Gurke oder die braun gewordene Banane. Bei Brot und Backwaren – so wird geschätzt – werden fast 55 Prozent des dafür angebauten Getreides gar nie gegessen, das meiste davon geht in der Mühle, in der Gastronomie und in den Haushalten verloren.

Schon in den Mühlen bleiben also zahlreiche Kilogramm Korn auf der Strecke. Das liegt unter anderem an der Kleie. Diese entsteht bei der Produktion von Weißmehl, welches vorwiegend aus dem inneren Teil des Getreidekorns gewonnen wird. Die Kleie, bestehend aus verschiedenen Schalenschichten, wird als Tierfutter verwendet – obwohl die Ballaststoffe, Vitamine und Mineralien für Menschen besonders gesund und nährstoffreich wären. Und diese Kleie wird zum Food-Waste gerechnet, worüber man zweifelsfrei streiten kann. Vollkornmehl ist einfach besser für den Menschen.

Fast keine Verluste entstehen beim Backen und im Detailhandel. Die großen Detailhändler sind offensichtlich darum bemüht, die Lebensmittelverschwendung beim Brot so gering wie möglich zu halten. Die enge Zusammenarbeit zwischen Detailhandel, Industrie, Logistik und Landwirtschaft ermögliche eine gute Sortimentsplanung, Überschüsse würden so Großteils vermieden. Dennoch wird versucht, bis Ladenschluss alle möglichen Brot- und Gebäcksorten anzubieten. Aber das geht nicht immer – irgendwann sind die Regale leer – das passiert auch mir zuweilen, wenn ich einfach knapp vor Geschäftsschluss noch einkaufen gehe.

Konsumentinnen und Konsumenten sind für einen Großteil der vermeidbaren Lebensmittelabfälle verantwortlich. In Restaurants, Hotels, Kantinen, Spitälern, Kiosken oder Tankstellen landen Brot und Backwaren im Abfall. Vor allem aber bei Privatpersonen: Am allermeisten Brot wird nämlich in den Haushalten weggeworfen. Der Grund dafür scheint darin zu liegen, dass die Menschen die Herstellung von Brot wenig schätzen, sie werfen schnell einmal Reste weg und kaufen ein frisches Brot. Zum Teil liegt es auch daran, dass Brot nicht teuer ist (der Brotpreis war in Österreich bis etwa in die 1970er Jahre hinein amtlich preisgeregelt). Haushalte investieren unter 10% durchschnittlich des Haushaltseinkommens für Lebensmittel, für Mobilität wird oft mehr ausgegeben. Mengenmäßig geht in den Haushalten also ein Fünftel der Gesamtproduktion verloren. Denn für das Brot, das hart wird und schließlich im Abfall landet, wurden viele Ressourcen aufgewendet. Beim Transport entstehen unnötige Treibhausgasemissionen, es müssen Düngemittel hergestellt werden, und es fallen Biodiversitätsverluste sowie ein hoher Land- und Wasserverbrauch an.

Doch jede und jeder von uns kann dazu beitragen, Brotabfälle zu vermeiden: Weniger kaufen, dafür dunkles Brot, das ist länger haltbar und auch gesünder. Brot sollte in kleineren Mengen gekauft werden. Würden wir nur noch Vollkornprodukte essen, könnte man einen Fünftel weniger Getreide anbauen, schätzen Experten. Unzählige Hektare würden frei werden – beispielsweise für Biodiversitätsflächen. Noch dazu wäre viel für die Gesundheit getan. Weniger Food-Waste bedeutet weniger Treibhausgasemissionen und einen kleineren Biodiversitäts‐Fußabdruck pro Person.

Aber nicht in jedem Haushalt gibt es eine Großmutter die gerne altes Brot isst und Reste auch verwertet.

PS: Über Brot habe ich schon geschrieben:

https://christachorherr.wordpress.com/2019/12/09/zum-brot-2/

Wir werfen zu viel weg – auch Brot

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