Brexit-Abfälle in meiner Ärgernisgreislerei

Ein Versuch des „perfiden Albion“?

Ich ärgere mich doch, diesmal als Europäerin. Da ist doch Großbritannien kürzlich aus der EU endgültig ausgetreten. Wie sich das letztendlich auswirken wird, auf wen und in welcher Form, werden wir alle noch erleben, ich bin aber diesbezüglich nicht sonderlich optimistisch (auch für uns „Resteuropäer) nicht. Vieles wird derzeit noch von dieser unberechenbaren Pandemie abgedeckt.

Aber Großbritannien hat nichts Eiligeres zu tun, als kleinliche Rache an der EU zu nehmen: Großbritannien verweigert der EU den Diplomatenstatus in London.  Als im Dezember der Post-Brexit-Deal vereinbart wurde, versicherte Boris Johnson den Europäern, dass Großbritannien der „beste Freund“ werde, den sich die EU wünschen könne! So schaut es aber jetzt nicht mehr aus.   

Die EU-Vertretung im Londoner Bezirk Westminster hatte bis zum Brexit – so wie in allen Mitgliedsländern – eher die Aufgabe einer Informationsbehörde. Jetzt arbeitet sie als diplomatische Vertretung in einem sogenannten Drittland. Mit Vale de Almeida schickte die EU einen ihrer erfahrensten und angesehensten Auslandsmitarbeiter. Er leitete zuvor die EU-Delegationen in Washington und New York (UN). Nun weigert sich die britische Regierung dem neuen EU-Botschafter in London, eben jenem Joao Vale de Almeida, den vollen Diplomatenstatus zuzuerkennen. Die britische Regierung beharrt auf dem Standpunkt, dass sie einen Präzedenzfall schaffen würde, behandelte sie Almeida und seine 25 Mitarbeiter wie Diplomaten eines Nationalstaates. Andere internationale Organisationen würden dann ebenfalls aufgewertet und als Diplomaten unter der Wiener Konvention geführt werden wollen, lautet das Argument. Mehrere internationale Organisationen sind zwar im Königreich als diplomatische Organisation registriert, aber deren Mitarbeiter genießen keine Immunität, etwa vor Strafverfolgung oder Inhaftierung. Derzeit – so meint die zuständige Stelle in Großbritannien – arbeite das Außenministerium weiterhin mit der EU an einem „langfristigen Arrangement“ für die Vertretung zusammen. Ohne dem Ergebnis vorgreifen zu wollen, würden alle in der Londoner EU-Delegation „die Privilegien und Immunitäten erhalten, die für ihre Arbeit notwendig sind“. Ob er damit den vollen diplomatischen Status meinte, blieb unklar.

EU-Diplomaten weisen nun darauf hin, dass London mit zweierlei Maß messe. Als die EU vor zehn Jahren ihren „European External Action Service“ (EEAS) ins Leben rief, unterstützten auch die Briten den Anspruch, dass den neuen EU-Diplomaten im Ausland „Privilegien und Immunitäten“ gewährt werden, die sich aus der Wiener Konvention ableiten. Aufgebaut wurde der Dienst in den ersten Jahren von der Britin Catherine Ashton. Mittlerweile ist der EEAS in mehr als 140 Ländern vertreten. Dessen Beschäftigte genießen überall die gleichen Rechte wie die von Nationalstaaten entsandten Diplomaten. (Nur in Trumps Amerika wurden die EU-Diplomaten einmal zurückgestuft; nach einem knappen Jahr hob die Regierung die Maßnahme aber wieder auf.)

Ein Kommissionssprecher meinte dazu: „Das Vereinigte Königreich kennt als Unterzeichnerstaat des Lissabon-Vertrags den Status der EU in den auswärtigen Beziehungen sehr genau und unterstützte diesen Status auch, als es Mitglied der EU war.“ Er erinnerte daran, dass dieser Status von Regierungen und internationalen Organisationen auf der ganzen Welt anerkannt werde und forderte die britische Regierung auf, „die EU-Delegation unverzüglich ebenso zu behandeln“.

Ich fürchte, dass dieses anscheinend kleinliche Manöver irgendetwas anderes – bis jetzt nicht Ersichtliches – verdeckt, dass das „perfide Albion“ im Schilde führt.

Albion ist ein antiker Name für Großbritannien, obwohl der Begriff meist auf England bezogen wird. Der Name ist möglicherweise keltischen Ursprungs, wobei die Römer ihn von den Kreidefelsen von Dover ausgehend mit lateinisch albus („weiß“) verbanden.

Der stehende Ausdruck „perfides Albion“ für die angebliche Hinterhältigkeit der britischen Außenpolitik stammt aus einem 1793 verfassten Gedicht Franzosen Augustin Louis de Ximénès (1728–1817). Im Zuge einer groß angelegten Rekrutierungskampagne Napoleons I. wurde dieser Begriff 1813 zum geflügelten Wort. Im deutschen Sprachraum wurde der Ausdruck insbesondere in der wilhelminischen Zeit in Deutschland – im Zeichen zunehmender deutsch-britischer Spannungen – häufig verwendet.

Man bezog sich dabei auf verschiedene historische Ereignisse:

  • Während des Hundertjährigen Kriegs töteten 1415 bei der Schlacht von Azincourt die Engländer unter ungeklärten Umständen bereits gefangene französische Ritter.
  • Vor Beginn des Siebenjährigen Krieges kaperten im Jahre 1755 die Briten ohne Kriegserklärung oder diplomatische Note 300 französische Handelsschiffe und inhaftierten 6000 Seeleute.
  • 1801 zerstörte Hyde Parker zusammen mit Nelson ohne Kriegserklärung die dänische Flotte in der Seeschlacht von Kopenhagen.
  • 1908 empfahl Lord Fisher dem regierenden König Eduard VII., „die deutsche Flotte zu kopenhagisieren“. Nach Admiral Bacon „nahm Fisher an, dass Deutschland, wenn es sein Flottenprogramm (…) beendet hätte, uns angreifen würde; und zwar im September oder Oktober 1914 wegen der dann erfolgten Fertigstellung des Kaiser-Wilhelm-Kanals (…). Die Wiederholung von Kopenhagen 1801 wäre deshalb empfehlenswert: ‚Warum sollten wir warten und Deutschland den Vorteil der Festlegung des Angriffszeitpunktes geben?‘“ Der König antwortete ihm, dass diese Vorstellung allgemeinem Recht widerspräche.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Ausdruck nach der Zerstörung der französischen Flotte in Mers-el-Kébir durch die Briten von der nationalsozialistischen Presse wiederverwendet. 1940 gratulierte Wilhelm von Preußen Adolf Hitler in einem Brief zum Sieg über Holland, Belgien und Frankreich und nutzte dabei die Worte „der Weg ist frei für eine endgültige Abrechnung mit dem perfiden Albion“.

Hoffen wir – wie immer – zwar etwas vergrämt das Beste, die Beziehungen der EU zu Großbritannien betreffend.

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