Hinterher sind wir immer g’scheiter

Sind Menschenleben-Retten und Wirtschaftswachstum unüberbrückbare Gegensätze?

In Österreich, aber auch in allen anderen Ländern Europas gibt es Impfpläne. Die basieren- selbstverständlich – auf den Lieferzusagen von den „zertifizierten“ (also zugelassenen) Pharmafirmen.

Und jetzt, da wackeln diese Zusagen, es können (?) weniger Dosen Impfstoff geliefert werden, als zugesagt. Na, infolgedessen wackeln unsere Impfpläne und unserer Träume von der baldigen Freiheit – jetzt sind wir ziemlich enttäuscht. Ich gebe zu, dass es mich stört, dass wir alle abhängig von diesen Pharmafirmen sind. Als ich bei einem Freund darüber geklagt habe, meinte er nur lakonisch: das ist eben Kapitalismus. Er hat natürlich recht. Aber ist es z.B. in Russland oder China so anders? Und dass dort Kapitalismus herrscht, kann man diesen Ländern nicht gerade vorwerfen.

Andererseits: denken wir nur ein kleines Weilchen zurück! Wie haben wir gezittert und gebangt, ob bald ein Impfstoff entwickelt worden wäre, der dieser Pandemie ein Ende setzen könne. Ich gebe zu, dass wir auch gemeint hätten, Sputnik würden wir uns nicht aufschwatzen lassen. Aber kaum waren die Impfstoffe in Europa (Großbritannien etwas früher) zugelassen worden, wurden zugesagte Lieferungen gekürzt. Sollte das den Preis hinauftreiben? Da fällt mir doch gleich das Gerücht ein, dass Israel – an vorderster Front der COVID-Bekämpfung – angeblich mehr für den Impfstoff bezahlt hätte, um rechtzeitig mehr zu bekommen. Wir in Europa (zum Glück einmal wenigstens gemeinsam) teilen uns „den Rest“?

Andererseits lese ich allenthalben, wie Corona dem Kapitalismus zusetzt. Die Reaktion etwa der allermeisten Staaten und Regierungen auf das Virus war eher eine Reaktion in bestehenden Denkmustern und oft eine Regression. Die Rückkehr der nationalistischen Egoismen fällt darunter, eine existenzielle Gefahr für Europa, aber auch die eher mechanischen und stumpfen Maßnahmen, um die Verbreitung des Virus einzudämmen: ein Lockdown, der generell notwendig ist, aber womöglich nicht in dieser Form; eine Antwort eher des 20. Jahrhunderts auf eine Frage des 21. Jahrhunderts.

Sind Menschenleben wichtiger als die Wirtschaft? Wer sagt, dass das die Alternativen sind? Der Markt hat sich in vielen Bereichen zu einer Kraft entwickelt, die dem Menschen entgegensteht, anstatt ihm zu dienen und zu helfen.  Erforderlich wären differenziertere Maßnahmen gewesen, wie früheres Testen, großer internationale Datenaustausch, Bottom-up-Lösungen, also breite Einbindung der Zivilgesellschaft und der Bürger vor allem Einsatz verfügbarer technologische Mittel Ich bezeichne es als Schande, dass es keinen internationalen Impfpass gibt!). Das hätte vielleicht zu präziseren Lösungen geführt, aber auch zu einer anderen demokratischen Legitimation der erforderlichen Maßnahmen.

Die Legitimation der gegenwärtigen Maßnahmen dagegen wird, so scheint es, zunehmend mühsam aufrechterhalten. Viele Menschen wollen sich einfach nicht mehr daranhalten, und nicht wenige demonstrieren dagegen.  Zwar gibt es sie noch, die erforderliche Disziplin. Aber dem Lockdown entspricht ja einem, mir nicht sehr erfreulichen Menschenbild: Wir sind nicht in der Lage, selbstständig vernünftig zu handeln, wir sind unmündige Untertanen, die man streng führen muss.  Das ist die Annahme, die dieser Maßnahme zu Grunde liegt. Dieses Misstrauen mag begründet sein oder hoffentlich auch nicht, daraus ergeben sich aber bestimmte letztlich spezifisch politische Konsequenzen.

Dieser Staat, der lange harte Lockdowns verordnet und verordnen kann, muss stark gedacht werden, um die Sicherheit zu garantieren zu können.  Es ist ein Staat, der sich durch seine Autoritäten zeigt, die Polizei etwa, ein Staat, der getrennt gedacht ist vom Bürger. Es ist in vielem der Staat der Vergangenheit. Und was benötigt wird, und was auch auf Grund dieser Erfahrungen geschaffen werden sollte, wäre ein neuer Staat, mit neuer Machtverteilung, neuen technologischen Möglichkeiten, größerem Vertrauen, dezentralisiert, transparent, partizipatorisch, gerecht. Wäre er dann auch weniger von der Pharmaindustrie abhängig?

Wir – das Volk – sehen ein, dass in einer Pandemie, innerhalb derer z.B. neue Mutationen auftreten, „Planungssicherheit“ (die wir uns doch alle so wünschen) nicht gewährleistet werden kann. Aber es sind nicht nur die erforderlichen Maßnahmen (die von wenigen „erarbeitet wurden“), die uns zuweilen ziemlich undemokratisch (also uns in unserer Freiheit beraubend) erscheinen, es ist die Kommunikation, die einfach nicht auf Augenhöhe erfolgt ist. Wir wurden sehr oft einfach als dumm verkauft. Der Staat und der Bürger werden noch immer getrennt gedacht, selbst vorhandene Technologie wird nicht früh und aktiv genug (und oft recht „patschert“) eingesetzt, um Prozesse transparent zu gestalten, weil eben nicht auf die Ressourcen der Einzelnen zurückgegriffen wird, sondern in der „Logik des Apparates“, damit hierarchisch gearbeitet, gedacht und kommuniziert wird. Es kam bei allen diesen Maßnahmen eher zu einer Gesundheits-Sicherheits-Überwachungs-Methode, verbunden mit einer Einschränkung von Freiheitsrechten. Dass dabei Wachstum eine wesentliche Rolle spielt und auf Umwelt herzlich wenig Rücksicht genommen wird, ist zusätzlich zu beklagen.  

Lernen wir bitte alle miteinander aus dieser Situation, lassen wir unsere Regierungen nicht gleich wieder in alte (leider halt vertraute) Muster zurückfallen, sondern fordern und implementieren wir eine echte demokratische Zukunft, seien wir nicht Untertanen, sondern mündige Bürger, jetzt da wir doch g’scheiter geworden sind.

Hinterher sind wir immer g’scheiter

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