Wir hatten es früher leichter – glaube ich

ein paar Gedanken zur sozialen Mobilität

Wie bereits in meinem ansonsten sehr wenig zur Nachahmung empfohlenen Blogeintrag gestern angedeutet, hatten wir – während unseres Gespräches – das Gefühl, dass die soziale Mobilität, über die Jahre geringer geworden ist. Soziale Mobilität bezeichnet die Bewegung von Einzelpersonen oder Gruppen zwischen unterschiedlichen sozio-ökonomischen Positionen. Beispielsweise bringt die Veränderung des Berufs oder der Stellung im Berufsleben Veränderungen im sozialen Beziehungsraum mit sich, die sich im Aufstieg oder Abstieg darstellen, bezogen auf eine gedachte Ordnung von sozialer Klasse oder sozialer Schichtung.

Wir hatten einfach das Gefühl, dass die soziale Durchlässigkeit während unserer Lebenszeit geringer und schwieriger geworden ist. Da mich diese Fragen doch sehr bewegen, habe ich versucht das Gefühl zu bestätigen oder zu widerlegen.

Das habe ich z.B. gefunden:

Nachkommen aus Familien, die zu den zehn Prozent mit den niedrigsten Einkommen zählen, brauchen in Österreich im Schnitt voraussichtlich fünf Generationen lang, um das Durchschnittseinkommen zu erreichen. Schlechtverdiener haben geringere Aufstiegschancen, Gutverdiener ein niedrigeres Absturzrisiko als früher.

Nicht überall ist die Durchlässigkeit zwischen oben und unten so gering wie hierzulande. In Dänemark, dem positiven Spitzenreiterland, braucht der soziale Aufstieg vom untersten Zehntel bis zum Durchschnittseinkommen nur zwei statt der eingangs zitierten fünf Generationen in Österreich, das schlechter als der OECD-Schnitt liegt. Die Mehrheit der westeuropäischen Staaten schneidet besser ab.

Die Wahrscheinlichkeit für Kinder von Führungs- und Fachkräften, einmal selbst in derartigen Positionen tätig zu sein, ist 3,3-mal höher als für Arbeiterkinder. Wer in einem Haushalt mit mehr als hundert Büchern aufgewachsen ist, erfreut sich heute über ein doppelt so hohes Nettovermögen, als wenn die Eltern maximal zehn Bücher besessen haben.

Und das habe ich mir überlegt:

In der Nachkriegszeit fehlte eine gesamte Generation von (hauptsächlich) Männern, die entweder im Krieg oder in der Gefangenschaft umgekommen waren. Im Wiederaufbau gab es viele offene Stellen, die von den wenigen in Anspruch genommen werden konnten. In diesem Zusammenhang gab es noch ein weiteres Problem: Während und nach dem Krieg musste viele Frauen für ihre abwesenden Männer einspringen. Aber durch die Rückkehr der Männer aus der Gefangenschaft wurden viele Frauen zurück an den „Herd“ gedrängt (nicht immer mit ihrem Einverständnis).

Es fehlten in der Nachkriegszeit große Teile der ehemaligen „A-Schicht“, das waren die einerseits die Geflohenen (dieser Trend zu Flucht der jüdischen Bevölkerung setzte in den dreißiger Jahren ein) sowie die Opfer des Holocausts. Dazu kam noch ein weiterer Aspekt: nach dem Krieg zeigte sich Österreich recht unwillig, die Vertriebenen und Ausgewanderten – die gerne zurückgekommen wären, wieder aufzunehmen. Diese bauten sich dann in ihren Aufnahmeländern ihre neuen Existenzen auf, in denen viele von ihnen sehr erfolgreich waren. Das kann man z.B. auch an Nobelpreisträgern erkennen, die zwar z.B. jetzt Amerikaner oder Israelis waren, aber noch in Österreich geboren worden waren und ihre Ausbildung absolviert hatten.

Damit fehlte ein großer Teil der „A-Schicht“, in die dann junge Akademiker in der Nachkriegszeit relativ leicht nachstoßen konnten, die allerdings nicht immer die Qualifikationen der Vertriebenen aufwiesen (siehe oben: zum Buchbestand). Diese Personengruppe war sehr jung in die Spitzenpositionen von Wirtschaft und Politik aufgestiegen und besetzte diese lange. Denn häufiger Jobwechsel war in diesen Zeiten nicht gefragt.

Der „Gap“ (z.B. in der Bezahlung) zwischen den obersten und untersten Einkommensschichten ist wesentlich größer geworden. Durch die Automatisierung und später Digitalisierung sind heute auch viele der „erfolgversprechenden Einstiegsposten“ weggefallen. Für gewisse schlecht bezahlte Jobs werden fast ausschließlich ausländische Arbeitskräfte rekrutiert.

Als ich in den Arbeitsprozess eingestiegen bin, war der Anteil der Frauen, die außerhäuslich arbeiteten erheblich geringer, als das heute der Fall ist, dennoch sind viele Jobs, die damals Frauen vorbehalten waren (Sekretärinnen, Datenerfasserinnen etc.)  zwischenzeitlich weggefallen. Damit ist grundsätzlich die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt viel ausgeprägter geworden. Frauen haben begonnen auch Männerberufe zu ergreifen.

Dann ist auch noch die Migration dazugekommen. Und wenn man liest, dass es in Österreich 5 Generationen dauert, bis ein Aufstieg möglich ist, zeigt sich das am besten bei den Zuwanderern. Jetzt erst kommen „Ex-Türken“, Ex-Bosnier“ in z.B. politische, wirtschaftliche, künstlerische Spitzenpositionen. Man braucht nur nachzurechnen, wann die Zuwanderung dieser Volksgruppen in unser Land begonnen hat: in den sechziger Jahren kamen die Jugoslawen und die Türken als Gastarbeiter.

Ich glaube schon, dass es meine Generation mit dem Aufstieg leichter hatte, als die heutige, wo aber zu bedenken ist, dass es für Frauen damals doch schwerer war, denn die gläserne Decke, die war damals noch aus Panzerglas.

Wir hatten es früher leichter – glaube ich

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