Gedanken zur Neuen, aber auch zur (alten) Seidenstraße

Es tut mir so leid, dass wir die „früher“ angebotene Reise „die Seidenstraße“ nicht unternommen haben.

Man bemüht sich die Seidenstraße wiederherzustellen. Es gibt verschiedene mehr oder weniger effektive Bemühungen. Allerdings scheinen bei diesen Planungen wirtschaftliche Interessen einerseits und Machtausdehnungsideen andererseits dahinter zu stehen.

Aber die „alte“ Seidenstraße war letztlich dann doch so viel mehr als nur ein Handelsweg. Als Seidenstraße bezeichnet man ein altes Netz von Karawanenstraßen, dessen Hauptroute den Mittelmeerraum auf dem Landweg über Zentralasien mit Ostasien verband. Die Bezeichnung geht auf den im 19. Jahrhundert lebenden deutschen Geografen Ferdinand von Richthofen zurück, der den Begriff 1877 erstmals verwendet hat.

Diese 6.400 Kilometer lange Route begann in Xi’an und folgte dem Verlauf der Chinesischen Mauer, passierte die Taklamakan-Wüste, überwand das Pamirgebirge und führte über Afghanistan in die Levante; von dort wurden die Handelsgüter dann über das Mittelmeer verschifft. Nur wenige Kaufleute reisten auf der gesamten Route, die Waren wurden eher gestaffelt über Zwischenhändler transportiert.

Ihre größte Bedeutung erreichte das Handels- und Wegenetz zwischen 115 v. Chr. und dem 13. Jahrhundert n. Chr. Mit dem allmählichen Verlust römischen Territoriums in Asien und dem Aufstieg Arabiens in der Levante wurde die Seidenstraße zunehmend unsicher und kaum noch bereist. Im 13. und 14. Jahrhundert wurde die Strecke unter den Mongolen wiederbelebt; unter anderen benutzte sie zu der Zeit der Venezianer Marco Polo, um nach Cathay (China) zu reisen. Allerdings war die Route auch einer der Hauptwege, über die Mitte des 14. Jahrhunderts Pestbakterien von Asien nach Europa gelangten und dort den Schwarzen Tod verursachten. Für die heutigen Pandemien benötigen wir allerdings keine Seidenstraße.

Auf der antiken Seidenstraße wurde in westliche Richtung hauptsächlich Seide, gen Osten vor allem Wolle, Gold und Silber gehandelt. Nicht nur Kaufleute, Gelehrte und Armeen nutzten ihr Netz, sondern auch Ideen, Religionen. Ganze Kulturkreise haben einander befruchtet und wanderten auf den Routen von Ost nach West und umgekehrt: hierüber kamen z. B. der Nestorianismus (aus dem spätantiken Römischen Reich) und der Buddhismus (von Indien) nach China. An dieser Seidenstraße wurde z.B. Aristoteles übersetzt und reiste dann in den Osten, Papier – so notwendig für Aufzeichnungen – kam aus China in den Westen. Das indische, mathematische Konzept der „Null“ revolutionierte das Rechnungswesen der gesamten Welt. An der Seidenstraße lagen die alten Zentren der gesammelten Wissenschaften: in Bagdad, Buchara und Samarkand. In Zentralasien entwickelte sich eine dem Klima angepasste Architektur, aber dort forschten auch Astronomen und viele andere Wissenschaftler. Schließlich kamen die Drei Weisen des Weihnachtsgeschehens auch aus dem Morgenland. Einer der dort Forschenden war Abu Ali al-Husein ibn Sina, bei uns weithin bekannt als Avicenna – er beeinflusste auch die europäische Medizin noch bis ins 18. Jahrhundert. In diesem 11. Jahrhundert in Zentralasien lebte auch al Biruna, der als Erster den genauen Umfang der Erde errechnet hatte.

Um 1600 war diese große Zeit vorbei. Als die europäischen Kolonialisten im 19. Jahrhundert diese Gegenden zu unterwerfen begannen, wanderten die Zeugnisse früherer Zeiten nach in die Bibliotheken von St. Petersburg und London.

Anfang September 2013 hielt der chinesische Staatspräsident Xi Jinping während einer Tour durch Zentralasien an der kasachischen Nasarbajew-Universität eine in China vielbeachtete Rede, auf der er das Projekt „One Belt, one Road“ ankündigte. Zielrichtung sind die Türkei und Europa sowie der Großraum Eurasien.  Im Oktober 2013 kündigte Xi auf einer Südostasienreise den Aufbau einer neuen „maritimen Seidenstraße“ an, mit Zielrichtung Südostasien und den ASEAN-Staaten. Am 24./25. Oktober 2013 betonte Xi auf einem Arbeitstreffen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) die Aufwertung regionaler Wirtschaftskooperationen – dies kann als eigentlicher Beginn des Projekts betrachtet werden.

Am 7. und 8. September 1998 fand in Baku eine Konferenz über die „Wiederherstellung der historischen Großen Seidenstraße“ statt. Zum Abschluss unterzeichneten Armenien, Aserbaidschan, Bulgarien, Georgien, Kasachstan, Kirgisistan, Moldawien, Rumänien, Tadschikistan, die Türkei, die Ukraine und Usbekistan eine „Multilaterale Vereinbarung über den internationalen Transport und die Entwicklung eines europäisch-kaukasisch-asiatischen Korridors“.

Ergänzend oder parallel dazu gibt es das Projekt: Verkehrskorridor Europa-Kaukasus-Asien (Transport Corridor Europe-Caucasus-Asia, kurz TRACECA). Es ist ein Verkehrs- und Kommunikationsprojekt, das Europa und Mittelasien verbinden soll. Es soll wie das umgangssprachlich gleichnamige Projekt One Belt, One Road als „Neue Seidenstraße“ die west-östlichen Verbindungen und Wege der historischen Großen Seidenstraße wiederbeleben. Das Projekt entstand nach einem Vorschlag des damaligen georgischen Präsidenten Eduard Schewardnadse. Die Kommission der EU initiierte daraufhin im das Projekt TRACECA. Zunächst geschah wenig und erst im Jahr 1997 erhielt TRACECA neuen Schwung. Parallel und ergänzend zu TRACECA initiierte die EU das Projekt INOGATE (INterstate Oil and GAs Transportation to Europe), welches auf die Gas- und Öl-Pipelines Zentralasiens abzielte. Dieses Projekt wurde 2016 eingestellt.

Mögen all diese modernen Entwicklungen nicht nur der Wirtschaft dienen, sondern auch – wie die alte Seidenstraße zeigt – zum Austausch von Ideen, die beide Seiten befruchten und letztlich nicht zur Konkurrenz, sondern zur friedlichen Zusammenarbeit dienen.

Gedanken zur Neuen, aber auch zur (alten) Seidenstraße

2 Gedanken zu “Gedanken zur Neuen, aber auch zur (alten) Seidenstraße

  1. Ich liebe die alte Seidenstraße und war sehr neugierig auf das was da entstehen wird. Ich hoffe, so wie Sie es angeführt haben, dass es nicht nur der Wirtschaft dient, sondern auch dem menschlichen Austausch zwischen den Kulturen. Christine Forsthuber

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