Ein Haus am Schottenring: Landespolizeidirektion Wien

Und der Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881 und seine Folgen

Heute war ich erstmals in meinem Leben in dem Gebäude der Landespolizeidirektion Wien, am Schottenring. (Anlass: eine Pressekonferenz zu den Methoden der Beraubungen – ich als „Opfer“ durfte teilnehmen)

Am Gebäude befindet sich eine Tafel mit dem Hinweis auf einen Vorgängerbau: nämlich das Ringtheater, das uns allen aufgrund des Ringtheaterbrandes bekannt ist.

Eine der größten Brandkatastrophen in der Geschichte Wiens war der Brand des Wiener Ringtheaters (ehemals Wien 1., Schottenring 7). Erste Pläne zum Bau eines Theaters entstanden bereits im Jahr 1872, als am Schottenring ein Wiener Actien-Theater errichtet werden sollte. Die kaiserliche Genehmigung zum Bau einer „komischen Oper für theatralische Vorstellungen jeder Art und des Balletts“ erfolgte im Oktober 1872. Das neue Theater, in den Jahren 1873/74 nach Plänen des Architekten Emil Ritter von Förster entstanden, bot Platz für mehr als 1.700 Menschen. Es wurde am 17. Jänner 1874 mit Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“ eröffnet.

Das imposante Gebäude erhielt im Sinne des Historismus eine reich gegliederte Renaissance-Barock-Fassade, prachtvolle Foyers und ein mit verschiedenfärbigem Marmor ausgestaltetes Hauptvestibül. Dennoch gab es im Inneren enge Stiegenhäuser, unübersichtliche Gänge und Türen, die nur nach innen zu öffnen waren. Dies waren Umstände, die sich während der Brandkatastrophe verhängnisvoll auswirken sollten. Das Theater, 1878 in ein Lustspieltheater umgewandelt, erhielt einen neuen Namen: „Ringtheater“.

Am 8. Dezember 1881 brach kurz vor sieben Uhr knapp vor Beginn der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (Premiere am 7. Dezember) im fast voll besetzten Haus ein Brand aus. Er entstand beim Anzünden der Bühnenbeleuchtung in einem der Beleuchtungskästen hinter der Bühne und setzte sofort die Dekoration in Brand. Nach etwa sieben Minuten brannten bereits Bühne, Schnürboden und Versenkung. Nachdem man eine feuerhemmende Drahtkurtine nicht sofort heruntergelassen hatte und die dazu benötigte Kurbel bereits brannte, schlugen die Flammen explosionsartig in den Zuschauerraum hinaus. Rauch und Qualm, brennende Dekorationsteile und Funken, die auf die Menschenmenge regneten, lösten eine Panik aus. Die Gasbeleuchtung fiel aus, was die Panik noch steigerte. Auch die in fast allen damaligen Theatern übliche Praxis, die „Drahtcourtine“ (Eisendrahtgeflecht) nicht herunterzulassen (einen „Eisernen Vorhang“ im heutigen Sinn gab es noch nicht, seine Installation wurde erst durch den Ringtheaterbrand erzwungen) und die hierzu benötigte Kurbel nicht besetzt war, trug zur Vermehrung des Unheils bei. Etwa 500 Personen gelang die Flucht ins Freie. 15 bis 20 Minuten nach Ausbruch des Feuers dürften alle im Gebäude verbliebenen Personen tot gewesen sein. Die meisten von ihnen waren erstickt. Besonders viele Tote waren unter den Galeriebesucherinnen und -besuchern in den oberen Bereichen zu beklagen. Die Menschen hatten in der Dunkelheit die Ausgänge nicht finden können. Öllampen als Reservebeleuchtung waren nicht aufgestellt.

Zahlreiche Mängel wie das Fehlen von Notbeleuchtungen, sich nach innen öffnende Türen im Zusammenspiel mit menschlichem Versagen (erst nach elf Minuten verständigte man die Feuerwehr, da man den Signalapparat, der zur nächsten Feuerwehrstation führte, nicht verwendete) führten dazu, dass mindestens 386 Menschen bei dieser Katastrophe ums Leben kamen. Die genaue Zahl der Opfer konnte niemals genau eruiert werden.

Die nicht zu identifizierenden Leichen wurden Tage später in einer von der Stadt Wien zur Verfügung gestellten Grabstätte auf dem Zentralfriedhof bestattet. Ein Holztor des Ringtheaters hat sich erhalten (Ottakringer Bezirks-Museum).

Der Ringtheaterprozess vom 24. April bis 16. Mai 1882 brachte die Mängel der Sicherheitsvorkehrungen und der Brandschutzeinrichtungen des Theaters ans Licht. Auch die Unkenntnis des Theaterpersonals, das völlig unvorbereitet und überfordert war, sowie die unzureichende Ausrüstung der Feuerwehr wurden thematisiert.

Ringtheaterdirektor, Bürgermeister, ein Polizeirat sowie fünf weitere Personen mussten sich vor Gericht verantworten. Der Bürgermeister wurde im Prozess zwar freigesprochen, legte aber trotzdem sein Amt nieder. Die Gemeinde arbeitete bereits seit Monaten an einem „Theaterregulativ“, das sich mit der Sicherheit der heimischen Theater beschäftigte und Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des Publikums bei Theaterbränden vorgesehen hatte. Aus Nachlässigkeit war es noch nicht wirksam geworden und zur Ausführung gekommen.

Spät aber doch zog man die Lehre aus der Katastrophe. Für sämtliche Theater wurden strenge Brandschutzvorschriften erlassen, die alle bis heute gelten und wirksam sind.  Nach der Tragödie am Ring organisierte sich die Feuerwehr neu. Die Geburtsstunde der Wiener Rettungsgesellschaft – zunächst als freiwillige Institution – hatte geschlagen.

An der Stelle des Theaters, das man nicht wiederaufbaute, stand ab 1885 das sogenannte Sühnhaus, das aus kaiserlichen Privatmitteln (Kaiserliches Stiftungshaus) erbaut wurde, in dem sich auch eine Kapelle befand (Sühnhauskapelle). Dort befanden sich die Skulpturen „Glaube“ und „Liebe“. Das Sühnhaus war ein Miethaus, dessen Ertrag wohltätigen Zwecken zufloss. Es ließ sich aber anfangs wegen der makabren Erinnerung trotz relativ niedriger Mieten nur schwer vermieten (einer der ersten Mieter war der jungverheiratete Sigmund Freud). Am 12. März 1945 wurde das Gebäude durch Bomben schwer beschädigt und musste 1951 abgetragen werden. Es wurde 1945 zerstört und 1951 abgetragen. Seit 1971 befindet sich hier das Gebäude der Bundespolizeidirektion Wien.

Ein Haus am Schottenring: Landespolizeidirektion Wien

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