Echte Wiener Tradition

(Wiederveröffentlichung aus gegebenem Anlass)

Heute bin ich zum Demel gegangen, um Krapfen zu holen, genau gesagt, Puppenkrapfen, das ist die kleinere Version von Krapfen. Das gibt’s auch beim Gerstner, dort heißen sie aber Jour-Krapfen. Mein Mann und ich haben einmal ein „Krapfen-Ranking“ vorgenommen, und zu diesem Zweck die von Gerstner, Demel und der Konditorei Oberlaa ausprobiert (so etwas hatten wir schon einem für die Christstollen gemacht). Wir warten dann in beiden Fällen nicht einer Meinung.

Die besten Krapfen überhaupt, die hat meine Großtante selbst gebacken. Sie war eine Meisterbäckerin, wenn ich so an ihre Schneeballen denke … Jedenfalls, wenn Krapfen gebacken wurden, mussten wir Kinder besonders brav sein, denn es durften keine Türen aufgerissen werden, denn dann könnten die Krapfen zusammenfallen. Jedenfalls wurde für’s Herausbacken eine Unmenge von Schmalz verwendet. Über diese meine Großtante habe ich schon einmal geschrieben : https://christachorherr.wordpress.com/2016/12/07/meine-tante-p/

Zu den Krapfen ist noch zu bemerken, dass ich sie wirklich nur in der Faschingszeit kaufe und esse. Mir gefällt es, mein Essen jahreszeitlich bestimmt zu sehen. Na, und die ganz große Überraschung beim Demel: ich wurde in der dritten Person angesprochen, noch immer! Bei der ersten Anrede „Haben schon gewählt“, war ich nicht sicher, richtig gehört zu haben. Ab dann passte ich auf wie ein Haftelmacher (auch ein ausgestorbenes Gewerbe), beim „wünschen noch etwas anderes“ war ich dann schon sicher. „Geruhen zu bezahlen“ hat mich dann schon begeistert.

Und schlagartig sind mir die „Demelinerinnen“ von Qualtinger eingefallen. Also Gerhard Bronner und Helmut Qualtinger beschäftigten sich mit den Demelinerinnen auch kabarettistisch. In der „Pizzi K. und Kato-Polka“ („Die Demelinerinnen“) – Musik: Johann Strauß, Text: Gerhard Bronner, aufgeführt von Gerhard Bronner, Nikolaus Haenel und Helmut Qualtinger – heißt es: „Wir sind die allerletzten Hüterinnen einer echten Wiener Tradition. Und wir fungieren hier als Priesterinnen einer fast vergess’nen Religion…“

In der Konditorei-Café Demel wird seit dem 19. Jahrhundert traditionell weibliches Servierpersonal beschäftigt. Von den Wienern werden die Kellnerinnen im Demel seit langem scherzhaft als Demelinerinnen bezeichnet. Früher kamen sie stets aus derselben Klosterschule im 18. Wiener Gemeindebezirk. Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert trugen die Demelinerinnen weiße Hauben. Heute tragen sie eine in Schwarz und Weiß gehaltene Dienstbekleidung. Die Kleider sind schwarz, die Schürzen und Krägen weiß. Die Demelinerinnen pflegen den Kaffeehausgästen gegenüber eine noch aus der Monarchie stammende Sprache. Zu Berühmtheit gelangte vor allem der von den Demelinerinnen traditionell bei der Aufnahme der Bestellung geäußerte Satz „Haben schon gewählt?“ Wenn eine Demelinerin sagt „Wird die Dame selber streuen?”, so ist damit das Bestreuen der Mehlspeise mit Staubzucker gemeint.

Normalerweise gehe ich gar nicht so gerne zum Demel, denn meist stehen die Leute (Touristen) noch am Kohlmarkt in einer Schlange um in das Lokal hineinzukommen. Das war heute zum Glück nicht der Fall. Früher war der Demel ein Treffpunkt der Wiener Aristokratie und des reichen Bürgertums.

Wenn ich in die immer sehr originell gestaltete Auslage des Demels schaue, fällt mir selbstverständlich der Club 45 ein, der hier im ersten Stock residierte. Der Club war eine Art sozialdemokratischer Herrenclub, dem die Spitzen der österreichischen Politik (SPÖ) und Wirtschaft der 1970er Jahre angehörten. Am Höhepunkt, in der Zeit der absoluten Mehrheit der SPÖ, sah sich der Club als Treffpunkt der politischen und wirtschaftlichen Elite Österreichs. Andererseits wird der Club auch als mafiöses Machtinstrument der SPÖ beschrieben, der durch ein System von Korruption, Postenschacher und Nepotismus das Land durchaus erfolgreich in Besitz nahm. Der Fall Lucona bereitete dem Club 45 das Ende. 1992 wurde der Club endgültig aufgelöst. Die Lucona war ein Massengutfrachter, der im Zuge versuchten Versicherungsbetrugs durch eine Explosion am 23. Januar 1977 im Indischen Ozean versenkt wurde, wobei sechs der zwölf Besatzungsmitglieder starben. Im  Rahmen der darauf folgenden Untersuchung weitete sich die Begebenheit zum bis dahin größten politischen Skandal Österreichs in der Zweiten Republik aus, in den mehrere Spitzenpolitiker verstrickt waren und der das Land von 1977 bis 1992 bewegte.

Aber jetzt werde ich mir zusammen mit meiner Enkelin und meinen Urenkelinnen die Krapfen gut schmecken lassen.

Echte Wiener Tradition

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