Selbstorganisation im gelockerten Lockdown und doch weniger Misstrauen erforderlich?

Ab nächster Woche – Lockerung des Lockdowns – werde ich mir meine Aktivitäten ziemlich genau einteilen müssen – wofür benötige ich einen aktuellen COVID-Test?

Sicher für den Friseur, dieser Test hält dann 48 Stunden, daher werde ich erst einmal ins Kunstforum gehen und mir die Gerhard Richter Ausstellung anschauen (da ich annehme, dass man den Test auch für Museen braucht).  Schon lang auf meiner Liste steht auch die Azteken Ausstellung im Weltmuseum, die ich am zweiten Tag   aufsuchen werde. Vielleicht kann ich auch für einen Abend noch etwas einteilen?

Jedenfalls „meine“ Teststation bei der Oper hat auch am Sonntag offen, daher kann ich mich vorsorglich am Sonntag um ca. 17 testen lassen, damit ich dann für zwei Tage meine lang aufgeschobenen Pläne verwirklichen kann. Wenn ich meine Abonnement (Burgtheater, Akademietheater, Musikverein) Zuteilungen – hoffentlich bald – zugewiesen bekomme, werde ich auch „Besuchscluster“ rundherum legen. Denn ich kann mich in der Nähe (Teststation bei der Oper) testen lassen, da brauch ich wenig Zeit dazu, es kostet aber EUR 39 oder ich kann mit den Öffis in eine Impfstraße fahren – Dauer in Summe mindestens 2 Stunden – ist aber dafür gratis.

Es wird zwar organisatorisch aufwändig, aber wenigstens darf man wieder Dinge unternehmen, die uns schon so abgegangen sind. Ich werd‘ aber schon froh sein, wenn ich dann das zweite Mal geimpft sein werde; dann brauche ich hoffentlich keine Tests mehr vorweisen und kann meine Aktivitäten nach Lust und Laune und wetterabhängig durchführen.

Außerdem habe ich über meine Aktivitäten der letzten Tage reflektiert. Habe ich richtig gehandelt bzw. das Richtige gesagt (wie mir viele versichern) oder habe ich doch beigetragen, zu dem Misstrauen, das jetzt in unserer Gesellschaft aufgebaut wird.

Ja, wir misstrauen einander, wir fürchten uns „bösen Menschen“ die Tür aufzumachen, wir legen bei Telephongesprächen mit Unbekannten auf, wir drücken Mails, SMS‘e von Unbekannten – die nur mit Vornamen auftreten und Riesengewisse und Prämien versprechen, einfach weg.

Kommunikativ, freundlich, warmherzig ist das alles nicht gerade. Und eigentlich möchten wir doch alle gerne, freundliche Menschen sein. Einander zulächeln, das können wir eigentlich auch nicht mehr, da wir ja sehr oft Masken aufsetzen müssen. Ich mach’s oft auch nur auf der Straße, weil das Abstand-Halten ist unmöglich geworden – bei zwei Metern. Ein Lächeln an den Augen allein zu erkennen, ist schwierig. Aber wenn das alles noch ein Weilchen so weitergeht, werden wir lernen müssen, mehr Botschaften mit den Augen zu vermitteln – besonders jene, die wir bisher mit der Mimik des Mundes durchführen konnten. Vorbilder können verschleierte Muslimas sein, die das ja schon seit Jahrhunderten praktizierten.

Wenn wir vielen Menschen misstrauen, unterstellen wir ihnen ja böse Absichten. Vieles wird plötzlich suspekt, was eigentlich ganz harmlos ist. Zu viel Misstrauen führt dazu, dass man übervorsichtig und ängstlich wird und andere generell als schlechte Menschen verdächtigt werden. Allerdings – und das muss auch gesagt werden: Zu viel Vertrauen führt dazu, dass man oft enttäuscht und ausgenutzt wird. Oft wird Misstrauen mit Vorurteilen gekoppelt – und dann kann Misstrauen auch als Selffulfilling Prophecy (sich selbst erfüllende Prophezeiung) wirken.  Denn wie schon Nestroy gemeint hat: Zu viel Vertrauen ist häufig eine Dummheit, zu viel Misstrauen immer ein Unglück. (Gleich muss ich dabei an einen Misstrauensantrag im Parlament denken – naja, ist nicht ganz passend hier).

Was heißt Vertrauen eigentlich? Vertrauen bedeutet die subjektive Überzeugung (oder auch das Gefühl für oder Glaube an die) von der Richtigkeit, Wahrheit von Handlungen, Einsichten und Aussagen bzw. der Redlichkeit von Personen. (Vertrauen kann sich auf einen anderen oder das eigene Ich beziehen, also Selbstvertrauen). Früher konnten wir – um unser Vertrauen zu dokumentieren – jemanden die Hand reichen -naja, das geht jetzt – Corona-bedingt – halt leider auch nicht.

Vertrauen und Kontrolle sind zwei gleichberechtigte Komponenten der Zusammenarbeit. Ist Vertrauen vorhanden, besteht eine geringe Notwendigkeit für Kontrolle, Vertrauensverluste dagegen verstärken die Notwendigkeit von Kontrolle. Für die Entfaltung von Kreativität, Innovation und Flexibilität sind eher größere Handlungsspielräume und dadurch Vertrauen erforderlich. Allerdings – „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ ist eine Redewendung, die dem russischen Politiker Lenin zugeschrieben wird. Der Ausspruch ist in seinen Werken nicht vorhanden. Aber Lenin hat sehr häufig das russische Sprichwort „Vertraue, aber prüfe nach“ gebraucht.

Ich werde jedenfalls versuchen mich in der Zukunft an den Spruch zu halten: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben!

Selbstorganisation im gelockerten Lockdown und doch weniger Misstrauen erforderlich?

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