Die Tiroler sind lustig

Zur Ausbreitung von B.1.351 (Südafrika Mutation)

Können Sie sich noch erinnern, als Sie als Kind sangen:

Die Tiroler sind lustig,

Die Tiroler sind froh

Sie verkaufen das Bettzeug

Und schlafen auf Stroh.

(gefolgt von mehreren Strophen.)

Im Moment kocht der Zorn vieler über das Verhalten der Tiroler im Zusammenhang mit dem „Südafrika-Virus“. Diese Mutation sorgt nicht unbedingt für schwerere Covid-19-Verläufe, doch sie ist wahrscheinlich ansteckender als der zurzeit verbreitete Erreger. Wie vieles im Zusammenhang mit dieser Pandemie weiß man auch noch nicht, ob die derzeit entwickelten Impfstoffe gegen diese Variante B.1.351 wirksam sind. In Südafrika hat diese Variante bewiesen, wie rasch sie sich ausbreiten kann. Die südafrikanische Variante bringt weitere Mutationen mit. Besonders um eine sogenannte Escape-Mutation machen sich die Virologen Sorgen. Die hilft dem Virus, der Immunantwort teilweise zu entkommen. Diese Mutation kann zu einem exponentiellen Wachstum der Infektionszahlen führen und drastisch steigende Todesfallzahlen zur Folge haben.

Wichtig wäre halt: Maßnahmen einhalten und vor allem die Kontakte reduzieren ist die einzige Möglichkeit, um die Übertragung des immer stärker replizierenden Virus zu verhindern – zumindest solange nicht ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist.

Aber auch die andere Seite muss beachtet werden. Denn irgendwie stimmt ja dieser Text des Kinderliedes, die Tiroler leben eben vom Tourismus.

Der Tourismus ist ein zentraler Wirtschaftsfaktor im österreichischen Bundesland Tirol, die Anfänge gehen ins 18. Jahrhundert auf erste Bildungsreisende zurück. Diese entdeckten Tirol und besuchten das Land, um mehr über dessen Natur, die Sitten und Gebräuche der Bewohner zu erfahren. Vor allem Engländer wollten die Landsleute des Freiheitskämpfers Andreas Hofer kennenlernen. Neben der Sommerfrische und dem Bäderwesen wird der Alpinismus zum zweiten touristischen Standbein. Der Ötztaler Pfarrer Franz Senn leistet Pionierarbeit bei der Erschließung der Tiroler Bergwelt durch Wege und Hütten. Die Eröffnung der Brennerbahn und der Bau anderer wichtigster Eisenbahnlinien (1867-1884) erleichtert die Anreise nach Tirol und treibt die touristische Entwicklung massiv voran. Um die Bedürfnisse der Reisenden besser zu erfüllen, beginnt sich die Tourismusbranche zu organisieren. Die ersten Verschönerungsvereine entstehen. Die ältesten gehen auf die Jahre um 1870 zurück. Zu ihren Aufgaben zählen unter anderem die Pflege von Spazierwegen und Parks oder die Errichtung von Rastbänken. 1889 wird ein Landesverband aller touristischen Vereine und Einrichtungen wird gegründet.

Ein gutes Dutzend Orte lädt zur Jahrhundertwende (1900!) zu Aktivitäten wie Skilauf, Eislauf oder Rodelpartien. Allerdings gelingt es vor dem Ersten Weltkrieg nur wenigen Orten, diese zweite Saison zu einem bedeutenden Standbein auszubauen. Die wichtigsten Winterdestinationen sind Kitzbühel und St. Anton am Arlberg. Dort wird 1901 auch der erste Skiclub gegründet. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 hat auch für den Tourismus verheerende Folgen. Für Tirol besonders fatal ist die Abtrennung des touristisch deutlich besser entwickelten südlichen Landesteils (Südtirol). Erst Mitte der 1920er Jahre kommt es wieder zu einer Normalisierung der Verhältnisse. Ende der 1920er Jahre werden die ersten Seilbahnen errichtet: Der Ausbau des Straßennetzes und die Eröffnung des Innsbrucker Flughafens treiben die touristische Entwicklung weiter an. Einen wesentlichen Anteil am Aufschwung des Fremdenverkehrs hat dabei die Wintersaison. Die ersten Skirennen, die Gründung von Skiclubs und Skischulen sowie die Erfolge heimischer Skirennläufer festigen den Ruf Tirols als Wintersportland. Zu Beginn der 1930er Jahre wird die touristische Aufwärtsentwicklung jäh gestoppt. Die Weltwirtschaftskrise steuert ihrem Höhepunkt entgegen. Doch es kommt noch schlimmer: Die nationalsozialistische Regierung in Deutschland erlässt eine Verordnung, wonach jeder Reichsdeutsche, der nach Österreich ausreisen will, eine Gebühr von 1.000 Reichsmark zahlen muss. Diese „1.000-Mark-Sperre“ bringt den Strom der Gäste aus Deutschland zum Erliegen. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahr 1938 bringt völlig neue Voraussetzungen: Plötzlich kommen deutsche Urlauber wieder in Scharen nach Tirol. Aber der Zweite Weltkriegs verschont Tirol nicht.

Anfang der 50er Jahre hat man das Vorkriegsniveau an Gästezahlen wieder erreicht. Ab dann steigen die Gästezahlen rasant an. Dazu beigetragen haben zweimalige Olympische Spiele in Innsbruck und die hervorragenden Leistungen unserer Schifahrer und Schifahrerinnen bei diversen Wettbewerben.

In den vergangenen Jahren hat sich der Tourismus trotz schwieriger gesellschaftspolitischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen als krisensichere Branche erwiesen. In vielen Tälern in Tirol bildet der Tourismus die Existenzgrundlage der Bevölkerung, er sichert auch Einkommen und Arbeitsplätze in Handel, Gewerbe und Landwirtschaft.

Es ist schon bis zu einem gewissen Grad verständlich, dass man sich in Tirol wehrt, die eigene Existenzgrundlage einfach „abzudrehen“. Denn die vom Bund ausgesprochene Reisewarnung wirkt, wenn sie formal auch keine Konsequenzen hat.

Werden und können jetzt die Tiroler lustig bleiben können?

Die Tiroler sind lustig

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