Quarantäne – Aussatz – Unreinheit – Reinigungsrituale

Ausschluss vom Sozialleben während der Quarantäne

Eine Quizfrage für Sie: wofür gab es Quarantäne auf Lebenszeit? Eine furchtbare Vorstellung, aber es gab sie, in früheren Zeiten, und vielleicht heute noch in Gegenden, in die wir nur selten oder gar nicht kommen: bei Feststellung von Lepra – dem Aussatz.

Lepra ist eine chronische Infektionskrankheit mit langer Inkubationszeit, die mit auffälligen Veränderungen an Haut, Schleimhäuten, Nervengewebe und Knochen verbunden ist. Den mikroskopischen Nachweis erbrachte 1873 der Norweger Gerhard Armauer Hansen, nach dem die Krankheit auch als Morbus Hansen oder Hansen-Krankheit bezeichnet wird.

Lepra ist eine der ältesten bekannten Krankheiten. Sie wurde u. a. in 4000 Jahre alten Funden in Indien nachgewiesen. Sie wird auch bereits in ägyptischen Papyri um 1500 v. Chr. erwähnt. Gebete bei den Hethitern, aber auch Pestgötter des Orients werden teilweise mit der Lepra in Verbindung gebracht, so dass Lepra wohl auch im eisenzeitlichen Orient bekannt und verbreitet war. Um 250 v. Chr. soll die Krankheit „Lepra“ erstmals von griechischen und ägyptischen Ärzten genau beschrieben worden sein.

Auch in der Römerzeit ist Lepra eine häufige Erkrankung, vorzugsweise in ärmeren Schichten der Bevölkerung. Ansteckung war hier bereits ein bekanntes und gefürchtetes Phänomen. Erkrankte wurden daher oft aus der Gemeinschaft verstoßen und der Kontakt mit ihnen vermieden, was letztendlich auch zur deutschen Bezeichnung „Aussatz“ führte.

Das älteste sequenzierte Genom stammt vom Friedhof von Great Chesterford in England. Es wird in die Zeit zwischen 415 und 545 datiert. Für das 7. und 8. Jahrhundert wurde Lepra bei den Langobarden nachgewiesen, war aber auch im Frankenreich verbreitet.

Im Mittelalter wurde Lepra auch Lazarus-Krankheit genannt. Zur Isolierung (Absonderung) der Leprösen wurden außerhalb der Städte Siechenhäuser (genannt auch Sondersiechenhäuser) errichtet, die auch Lazarus-Häuser genannt wurden. Im Umfeld größerer Städte entwickelte sich ab dem 11. Jahrhundert mit den Leprosenhäusern eine eigene Hospizform.

Die allgemeinere Verbreitung des Aussatzes in Europa im Mittelalter wird oft den Kreuzzügen zugeschrieben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im 13. Jahrhundert und verschwand mit dem Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend aus der Reihe der chronischen Volkskrankheiten in Mitteleuropa. Im Verlauf der Entdeckung des Seeweges nach Indien, der Entdeckung Amerikas und der Kolonialisierung Afrikas und insbesondere des Sklavenhandels gelangte der Erreger u. a. nach Indonesien, Westafrika und Amerika sowie in die Karibik, den Pazifik und nach Brasilien.

Und wir alle kennen die Geschichten – Leprakranke mussten sich von allen anderen fernhalten, sie musste eine Klapper tragen, das Kennzeichen und Warn-Instrument der Lepra-Kranken, das die übrige Bevölkerung auf Distanz halten sollte. Sie mussten dazu ausrufen „unrein, unrein“. Der Aussätzige wurde weitgehend vom Sozialleben ausgeschlossen, Aussatz war ein Makel.

Unrein waren auch andere, hauptsächlich Frauen.  Rituelle Unreinheit entsteht durch natürliche Vorgänge (zum Beispiel Menstruation, Gebären, Aussatz), durch Kontakt mit unreinen Dingen (Fäkalien, Kadaver, Leichen etc.) oder Personen (Ungläubige, Heiden, Kastenlose oder Unberührbare), durch ein sittliches Fehlverhalten (Sünde) oder auch durch Töten eines Feindes im Krieg. Zur Sühne bzw. zur Wiedererlangung der Reinheit bestehen oft genau vorgeschriebene Traditionen und Rituale, etwa in Form eines Opfers, einer Pilgerfahrt oder einer Kasteiung. Die verlorene Reinheit kann auch durch Körperreinigung wie z. B. Fußwaschung oder durch Fasten wiederhergestellt werden.

Im moralischen Sinne versteht man unter Reinheit die Einhaltung von Tugend, insbesondere der Keuschheit, im religiösen Sinn kann es auch die Unberührtheit sein. Der Zustand der Reinheit ist nicht in allen Traditionen von Geburt an gegeben, sondern muss vielfach durch eine Initiationshandlung erworben werden, zum Beispiel in der katholischen Kirche durch die Taufe, der Islam kennt zwei Arten der rituellen Reinigung des Körpers: die „Kleine Waschung“ vor dem Gebet und die „Große Waschung“. Im Judentum gibt es verschiedene Situationen, in denen nach biblischen oder rabbinischen Regeln der ganze Körper in „lebendem Wasser“ untergetaucht werden soll. Dazu steigt man normalerweise in eine Mikwe (Tauchbad, dessen Wasser nicht nur der Hygiene, sondern der Erlangung ritueller Reinheit durch Untertauchen dient). Frauen z.B. gehen nach der Menstruation , vor der Hochzeit oder nach der Geburt eines Kindes in die Mikwe.

Um auf unsere Pandemie zurückzukommen. Wir müssen weder lebenslang in Quarantäne, nicht nur, wenn die Krankheit festgestellt wurde, sondern wenn wir (möglicherweise) mit Menschen in Kontakt getreten sind, die diese Krankheit haben. Wir können die Quarantäne, also den Zustand der möglichen Unreinheit – Auftritt der Krankheit – nicht durch eine Waschung, durch ein Bad, sondern nur nach Ablauf einer gewissen Zeit beenden.

Aber wie Leprakranke, wie sonstige Unreine sind auch wir – zum Glück nur eine Zeitlang – vom Sozialgeschehen ausgeschlossen.

Quarantäne – Aussatz – Unreinheit – Reinigungsrituale

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