Stochastischer Terrorismus und die Innenpolitik

Ich nehme mir immer wieder vor „auf der Höhe der Zeit zu bleiben“, das ist nicht immer einfach. Man stößt dauernd auf neue Begriffe. Wenn man dann versucht, entsprechende Definitionen zu finden, stellt man betroffen fest, dass es diese Begriffe schon ein gutes Weilchen gab, aber man hat sie halt einfach vorher noch nie gehört.

Heute früh habe ich vom stochastischen Terror gelesen; da die verschiedenen Arten von Terrorismus   mich seit dem Anschlag auf das World Trade Center und die darauffolgenden Maßnahmen wie der Patriot Act in den USA interessieren (letztlich habe ich darüber ein Buch geschrieben: die Angstspirale – Wie Fundamentalismus und Überwachungsstaat unsere Demokratie bedrohen), hat es mich gewundert, dass ich gerade vom stochastischen Terror noch nie gehört hatte. Aber wie sich herausstellt, ist es nur ein (für mich) neues Wort für gute, alt-bekannte, Tatsachen.

Folgende Definition habe ich nun gefunden: Stochastischer Terrorismus (zufallsabhängig) beschreibt eine Form des Terrorismus, in der massenmedial verbreitete Botschaften, die sich nicht an einen konkreten Täterkreis richten, tatsächliche terroristische Anschläge und Gewalt provozieren. Anders gesagt: ein Vorgang, bei dem zufällige Akteure angestiftet würden, Gewalttaten oder Terrorakte auszuführen, die statistisch, aber nicht individuell vorhersagbar seien. Es geht um eine meist systematische Diffamierung einer Person, einer Gruppe meist durch Massenkommunikationsmittel, und als Folge die individuell nicht vorhersagbare und scheinbar zufällige, aber statistisch wahrscheinliche Begehung von Gewalttaten.

Ein stochastischer Terrorist führt nicht die eigentliche Tat aus; er ist die Person oder Gruppe, die die Motivation und teilweise auch die Rechtfertigung für die Tatbegehung durch andere schafft. Der Öffentlichkeit wird nahegelegt, das Opfer habe Strafe verdient. Die konkreten Taten werden scheinbar unvorhersehbar durch einen „einsamen Wolf“ begangen. Ein Merkmal des stochastischen Terrorismus ist, dass Mobber offen agieren, aber sich jederzeit von den von ihnen verursachten Taten distanzieren können. Es ist sogar denkbar, dass sie die Taten der eigentlichen Attentäter ernsthaft (scheinheilig) ablehnen.

Zu den Mitteln zählen die anhaltende öffentliche Wiederholung von Anschuldigungen und Verdächtigungen, die Schaffung eines Bedrohungsszenarios, das angeblich zum Handeln zwingt, und konzertierte Droh- und Einschüchterungskampagnen gegen politische Gegner. Der stochastische Terrorist ermöglicht indirekt durch überzeugende Kommunikationstechniken Ausbrüche von Gewalt, ohne wissen zu können, wer die Botschaften aufgreifen und die Gewalt begehen wird. Ein Beispiel für Anwendung von stochastischem Terrorismus war (oder ist noch?) der sogenannte Islamischen Staat, der über soziale Medien seine Botschaften weltweit verbreitete.

Es kommt bei stochastischem Terrorismus vor allem auf die emotionale Intensität der Botschaft an und wie diese vom „Konsumenten der Botschaft“ interpretiert wird. Dadurch muss der stochastische Terrorist nicht aktiv zu Gewalt aufrufen, damit Gewalt auch tatsächlich stattfinden wird. Das ermöglicht ihm gleichzeitig, sich von Taten, die durch seine Rhetorik inspiriert wurden, zu distanzieren. Dies macht es schwierig das Verhalten stochastischer Terroristen zu sanktionieren, wenn die Botschaften nicht gegen bereits existierende Gesetze verstoßen.

In den USA wird stochastischer Terrorismus überwiegend als Erscheinungsform des rechtsextremen Terrors wahrgenommen. „Trump blase in eine Hundepfeife im Bewusstsein, dass irgendein Hund reagieren würde, wenn er auch nicht vorhersagen könne, welcher“ wird über ihn gesagt. Er wird für eine zunehmende gewaltsame Destabilisierung der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Es ist nicht schwer, von diesen Definitionen kommend, an Donald Trump und den Sturm auf das Capitol zu denken. Hier wurde wenigstens versucht, den stochastischen Terroristen – nämlich Donald Trump – zu belangen, der Versuch ist leider an „republikanischer Parteidisziplin“ gescheitert.

Rassistische Übergriffe auf Afroamerikaner in den USA seit den 1960er Jahren werden als stochastischer Terrorismus bezeichnet. Ein wesentliches Element der Tätermotivation dabei die in der Gesellschaft weit verbreitete Überzeugung gewesen, dass Afroamerikaner grundsätzlich minderwertig und im Unrecht seien. Dies hat dazu geführt, dass die Täter ihre Taten teilweise nicht einmal bestritten haben und trotzdem kaum effektiv belangt worden sind. „Black lives matter“ – ist nun die Antwort darauf.

Aber man braucht gar nicht über den großen Teich zu schauen. Eigentlich reicht es, soziale Medien-Postings (und auch manchen Zeitungen) zu lesen. Da wird sehr viel Hass und Missgunst verbreitet. Da wird fleißig – oft bösartig – diffamiert, und vom Wort ist dann der Weg zur Tat (durch einen anderen) nicht mehr sehr lang. Bei uns ist wenigstens der Waffenbesitz nicht so verbreitet, wie in den USA.

Die Sprache, unser wichtigstes Mittel der Verständigung, wird zunehmend von Aggressivität geprägt – im Internet, in der Rhetorik (rechter) Politiker, in Bürgerprotesten auf der Straße, sogar im Parlament. „Hate Speech“ im Netz, Häme in der Politik, das alles hinterlässt Wirkungen. Müssen die Verfasser/Sprecher dieser Worte nun Verantwortung übernehmen, wenn aus ihren Worten Taten werden? Noch werden diese stochastischen Missetäter, die ihnen unbekannte Täter anstiftet, selten zur Verantwortung gezogen, da meist kein direkter Bezug zur eigentlichen Tat hergestellt werden kann.

Einerseits sollten wir uns alle mäßigen – in unserer Wortwahl – und andererseits, sollte es möglich sein, die stochastischen Täter endlich auch zur Verantwortung zu ziehen.

Stochastischer Terrorismus und die Innenpolitik

4 Gedanken zu “Stochastischer Terrorismus und die Innenpolitik

  1. Gut geschriebener und interessanter Beitrag. Aber ich fürchte, es wird juristisch schwierig sein, im Falle des stochastischen Terrorismus einen konkreten Zusammenhang zwischen dem Aufstacheln zur Gewalt und einer bestimmten Gewalttat herzustellen. Insofern weiß ich nicht, wie man, wenn wir bei dem Wording bleiben wollen, stochastische TerroristInnen rechtlich zur Verantwortung ziehen kann. Zumindest, solange nicht der Tatbestand der Verhetzung o. ä. erfüllt ist.

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    1. Sie haben völlig recht – es ist schwierig einen nachweisbaren Zusammenhang herzustellen, selbst wenn er vorliegt, wie bei „Trump und der Strum aufs Kapitol“ ist es nicht gelungen. Aber ich meine, dass Menschen sich bewusste sein sollten, dass hasserfülltes Reden zu hasserfülltem Handeln führ.t

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