Die Piefke Saga -reloaded

Man spricht wieder über Tirol, sei über die Auseinandersetzung zwischen Tirol und Wien, sei es über die Auseinandersetzungen zwischen Bayern und Tirol. Und dazu höre ich, dass Felix Mitterer an der fünften Fortsetzung der Piefke Saga schreibt.

Die Piefke Saga, die damals in den frühen neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts so umstritten war, habe ich gestern zum ersten Mal gesehen, auf ORF III, alle vier Fortsetzungen. Ich denke nach, warum wir (mein seither verstorbenener Mann und ich) damals diese Filme im Fernsehen nicht gesehen habe, ich glaube, dass mein sehr patriotischer Mann die Piefke Saga damals als Nestbeschmutzung angesehen, und daher abgelehnt hat, sie anzuschauen. Und wahrscheinlich hat er auch nicht darüber geschrieben – wenn er sie nicht gesehen hat – aber das ist eine Vermutung, es sind  ja schon dreißig Jahre her.

Aber leider scheint es so, dass sich an der Situation in Tirol seit den Zeiten der 80er Jahre sehr wenig verändert hat.  Spannungen mit dem Bund, mit Bayern bleiben und harte Worte fallen noch immer.
Tirol lebt weitestgehend vom Tourismus, bezieht Tirol seine Identität aus Winter und Schnee?  Wenn derzeit von Tirol die Rede ist, fällt aber alsbald das Wort Ischgl – 1.500 Einheimische vermieten 10.000 Gästebetten.

Vielleicht kurz zum Autor – Felix Mitterer (* 6. Februar 1948 in Achenkirch, Tirol), Dramatiker und Schauspieler. Er wurde als Sohn einer verwitweten Landarbeiterin und eines rumänischen Flüchtlings geboren und direkt nach der Geburt von einem mit der Mutter damals befreundeten Landarbeiterehepaar adoptiert. In Kitzbühel und Kirchberg ging er zur Schule, besuchte danach die Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck und arbeitete ab 1966 beim Innsbrucker Zollamt. 1977 machte er sich als freier Autor selbständig. Neben seiner literarischen Tätigkeit tritt er auch immer wieder als Schauspieler auf. Felix Mitterer arbeitete und lebte von 1995 bis 2010 in Irland. 2010 kaufte er zwecks Übersiedlung nach Österreich in Ravelsbach im Weinviertel einen Bauernhof, den er seit 2011 auch bewohnt.

Mitterer bezeichnet sich selbst als „Tiroler Heimatdichter und Volksautor“ und führt mit seinen Werken die Tradition des Volksstücks in Inhalt und Form fort. Dabei greift er meist problematische und kontroverse Themen auf, wie eben das Verhältnis von Deutschen und Österreichern am Beispiel des Tourismus in Tirol in der Satire Die Piefke-Saga. Sie war beim Erscheinen 1991 höchst umstritten. Seine Protagonisten sind oft sozial isolierte Außenseiter. 2020 veröffentlichte er den Roman Keiner von Euch über Angelo Soliman, den ich mir nun kaufen werde.

Nun zur Pieke Saga selbst (für alle, die sie nicht gesehen haben oder ihren Inhalt weitgehend vergessen haben. Es ist doch schon ein Weilchen her, dass man sie sehen konnte): Die Piefke-Saga ist ein vierteiliger österreichischer Fernsehfilm aus den Jahren 1990 (Teil 1–3) und 1993 (Teil 4). Das Drehbuch stammt von dem Schriftsteller und Dramatiker Felix Mitterer. Regie führten Wilfried Dotzel und Werner Masten. Die Serie entstand als Gemeinschaftsproduktion des NDR und des ORF. Die Serie hatte zunächst nur drei Teile, der vierte Teil wurde 1993, drei Jahre nach den ersten drei Teilen gedreht. Im Mai 2020 gab Felix Mitterer bekannt, aufgrund der Vorfälle in Tiroler Skiorten im Zuge der COVID-19-Pandemie an einem fünften Teil zu arbeiten.

In dem Film wird auf satirische und tragikomische Weise das Verhältnis zwischen Deutschen und Österreichern beleuchtet, und zwar vor allem das Verhältnis zwischen deutschen Touristen und einheimischen Tirolern. Auch die Verachtung der Wiener durch die Tiroler wird thematisiert. Mit beißendem Sarkasmus werden sowohl Eigenheiten bundesdeutscher Touristen wie auch die Verhaltensweisen der Einheimischen entlarvt, wobei keine Partei sonderlich gut wegkommt. Die teilweise massive Gesellschaftskritik der Filmserie führte zu heftigen Diskussionen. Es wird hervorragend gespielt, die Schmierigkeit und Bestechlichkeit der Politiker – auf allen Ebenen -, ihre Lügen kommen klar zutage. Die einheimischen Tiroler, die keinen Trick auslassen, um die damals DM – bringenden Touristen „auszunehmen“. Und die deutschen Touristen selbst, die mit beispielsloser Arroganz das meiste und Beste für ihr Geld bekommen wollen. Großartig auch, der damals sehr junge „ungeschliffene“ Tobias Moretti als Tausendsassa, heute würde ich ihn als „Schilehrertyp“ bezeichnen.  

Ein reales Ereignis, das in der Serie verarbeitet wurde, war eine Titelschlagzeile des Wiener Magazins Wochenpresse (im Film als fiktives Wochenmagazin Die Woche dargestellt) vom 12. Juli 1983: „Wer braucht die Piefkes? Österreich im Ausverkauf“.

Der vierte Teil, der mir zugegeben weniger gut gefallen hat, – vielleicht war ich ja auch schon etwas müde – Der vierte Teil also,  der in der aus damaliger Sicht „nahen Zukunft“ spielt, überhöht die Satire ins Absurde und beinhaltet einige befremdliche, beinahe verstörende Begebenheiten. In vielen europäischen Ländern gibt es Unruhen und Aufstände. Lediglich Tirol wird als ruhiger Ort der Erholung dargestellt. In Tirol wiederum ist alles auf den Tourismus ausgerichtet. Beispielsweise reichen Hotels dreizehn Stockwerke nach unten, um die Ortsbilder nicht zu zerstören. Auf den Almen gibt es mechanische Kühe, die von japanischen Technikern gewartet werden müssen. Die Berge sind riesige Müllhalden, die mit künstlichen Wiesen und Bäumen überzogen sind. Der Großteil der Bevölkerung wurde optisch und chirurgisch verändert, um sich wie ursprüngliche Tiroler zu benehmen. Terroristen/Freiheitskämpfer hingegen kämpfen gegen diesen Wandel an.

Ich empfehle die Piefke Saga anzusehen, sie ist auch ein visionäres Spiegelbild unserer derzeitigen Situation, das mir – damals wie jetzt – gar nicht gut gefallen will.

Die Piefke Saga -reloaded

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