Großmutter am Zentralfriedhof

Und im Bestattungsmuseum

Heute hatten wir vor, gemeinsam auf den Zentralfriedhof zu gehen, um meinen Mann dort zu besuchen. Einer meiner Enkel (aus unserer Wohngemeinschaft). Es versprach ein sonniger Tag zu werden, dennoch, in der Früh war’s noch recht kalt.

Wir fuhren – schier endlos – mit dem 71er durch Simmering, um dann endlich bei unserem Ziel, dem dritten Tor des Zentralfriedhofs anzukommen. Der Wiener Zentralfriedhof wurde 1874 eröffnet und zählt mit einer Fläche von fast zweieinhalb Quadratkilometern und rund 330.000 Grabstellen mit rund drei Millionen Verstorbenen zu den größten Friedhofsanlagen Europas. Er wurde im Laufe seiner Geschichte insgesamt sieben Mal erweitert, zuletzt 1921. Zum Zeitpunkt seiner Eröffnung galt er als größter Europas. Nach Bestatteten gilt dies bis heute, flächenmäßig größer sind hingegen die Friedhöfe in Hamburg und einer nahe London. Der Zentralfriedhof gehört aufgrund seiner vielen Ehrengräber, der Jugendstil-Bauwerke und des weitläufigen Areals zu den besonderen Sehenswürdigkeiten der Stadt Wien.

Unser Weg war nicht sonderlich weit. Dann, so meinte mein Enkel, sollten wir uns doch ein paar Ehrengräber anschauen. Wir gingen nicht über die „Hauptstraßen“, sondern einen kleinen Umweg durch den Waldfriedhof.  Bei den Ehrengräbern, zeigte sich unser Altersunterschied. Ich versuchte zu erklären, wer dort wer gewesen ist. Es waren Burgschauspieler, Opernsänger, Autoren, Bildhauer, Maler, dann wechselten wir zu den Politikern, auch z.B. ehemalige Gewerkschaftschefs sagten dem jungen Mann nicht viel. Bei den früheren Bundeskanzlern hatte er schon einige Vorstellungen, und die Bundespräsidenten scheinen ihm zu wenige – selbstverständlich prüfte er das auf dem Smartphone nach, aber sie waren vollständig. Für mich war das dort wie ein Treffen mit alten Freunden.

Nun, mein Enkel hatte eine Verabredung und wir hatten noch Zeit zur Verfügung, eigentlich wären wir gerne ins dort befindliche Oberlaa gegangen – auf eine Schokolade und eine Torte, aber es ist ja Lockdown, und noch immer alle Cafés etc. geschlossen. Da mein Enkel wirklich hungrig war, hielt er beim Zweiten Tor, wo wir inzwischen angekommen waren, Ausschau nach einem Würstelstand oder einem Restaurant, das Essen „to go“ verkaufen würde. Er fand nur eine kulinarische Wüste vor.

Da wir noch Zeit hatten, gingen wir ins Bestattungsmuseum. Dieses befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof im 11. Wiener Gemeindebezirk, Simmering, im Untergeschoß der beim Haupteingang bestehenden Aufbahrungshalle 2. Dieses Museum dort gibt es seit 2014. Das 1967 gegründete Museum hatte zuvor bis September 2013 seinen Standort in der ehemaligen Zentrale der Bestattung in der Goldegggasse im 4. Wiener Gemeindebezirk Wieden. Ich kann ihnen den Besuch dieses Museums nur empfehlen, es ist hervorragend „gemacht“ und wirklich interessant.   

„Die schöne Leich“ ist nicht nur ein aufwändiges Leichenbegängnis. Sie ist auch Ausdruck einer Lebenshaltung: Der Tod ist unvermeidlich – also feiern wir ihn. Im Bestattungsmuseum warten daher mehr als 250 Originalobjekte sowie Bildmaterial – vielfach zum ersten Mal ausgestellt – aus den Archiven der Bestattung und Friedhöfe Wien darauf entdeckt zu werden. Unter anderem ist ein originaler Fourgon (Kutsche für Leichentransport) aus der Zeit um die vorige Jahrhundertwende zu sehen, zahlreiche Uniformen der üppigen Tracht nach dem Spanischen Hofzeremoniell bis zum schlichten Talar der Gegenwart. Skurrile Relikte aus einer Zeit als man fürchtete, lebendig begraben zu werden wie ein Herzstichmesser und ein Rettungswecker. Ein Sitzsarg – entsprechend einem Recamier – fehlt auch nicht. Ein Klappsarg von 1784, aus der Zeit Joseph II, lässt ahnen, wie Mozart bestattet wurde. Als ein Stück Zeitgeschichte ist eine Rechnungsanweisung des kaiserlichen Hofs ausgestellt für die Überführung und Bestattung von Franz Ferdinand und seiner Gattin nach dem Attentat von Sarajewo. Fasziniert haben uns Filmausschnitte mit neu entdecktem und restauriertem Material von dem Begräbnis Franz Josephs I und dem prächtigen Trauerzug für Albert Baron Rothschild. Auch sieht man, wie sich Partezettel über die Jahrhunderte geändert haben, von der pompösen Trauerkleidung gar nicht zu reden.  Auch Begräbnisse waren “hierarchisch“, es gab Klassen, die halt zu unterschiedlicher Ausstattung der Trauerfeier und des Trauerzuges führten.

Also entgegen unseren Planungen, reichte die Zeit nicht mehr, den alten jüdischen Friedhof zu besuchen. Aber es gibt ja noch so viel mehr hier. Die Laufstrecke für Sportliche, man kann auch eine Rundfahrt mit den hier verkehrenden Bus machen um sich eine Vorstellung von den unterschiedlichen (auch konfessionellen) Teilen des Friedhofs machen zu können. Außerdem müssen wir uns die „Friedhofs-Adressen der unterschiedlichen Vorfahren“ heraussuchen, um auch ihre Gräber besuchen zu können.  

Die Möglichkeit mit einem Fiaker hier am Friedhof herumzufahren, werden wir dennoch nicht ins Auge fassen.

Großmutter am Zentralfriedhof

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