Gedanken, beim Entdecken einer Sirene

Auf dem Dach der Hofburg

Wenn ich am späten Nachmittag noch kurz einen Spaziergang in meiner Umgebung mache, dann sind die Dächer, die sich noch gegen den helleren Himmel abheben, recht interessant – da sind es die vielen Rauchfänge auf dem Leopoldinischen Trakt, die Figuren auf den beiden Museen, das Parlament bietet derzeit wenig, da es weitgehend eingerüstet ist.

Neulich habe ich eine Sirene auf der Hofburg entdeckt. Naja, und gleich ist es mir eingefallen, wann sie wohl das letzte Mal geheult hat. War es im März 1945, als ein Flugzeug zwischen dem Burgtheater und dem Volksgarten abgestürzt ist?

Eine Sirene ist eine Einrichtung zur akustischen Alarmierung oder Warnung, in der Regel durch einen charakteristischen an- und abschwellenden Heulton. Im öffentlichen Bereich werden Sirenen für die Alarmierung der Feuerwehr oder für die Warnung der Zivilbevölkerung im Katastrophenfall verwendet. Es ist eine gute alte mechanische Sirene, die ich dort entdeckt habe. Eine mechanische Sirene (auch Motorsirene) besteht aus einer schaufelradähnlichen Trommel (dem sogenannten Rotor) und einem diese umschließenden unterbrochenen Gehäuse (dem sogenannten Stator). Durch das Drehen der Trommel, z. B. durch einen Elektromotor, wird der entstehende Luftstrom laufend abgeschnitten und erzeugt einen Ton. Die Tonhöhe hängt von der Drehzahl und der Zahl der Schaufeln, den sogenannten Ports der Trommel ab. Da die meisten Sirenen einerseits im Freien angebracht sind, andererseits nicht sehr häufig in Verwendung sind, wird in vielen Fällen ein Vogelschutzgitter angebracht, um Nestbau in den Schaufelrädern zu verhindern.

Am Land hört man Sirenen jeden Samstag um 12 – da weiß man sicher, dass es eine Probe ist. Ansonsten ist es der Ruf für Rettungskräfte bei Feuer oder Unfällen. In Wien kenne ich das Heulend er Sirenen nur bei Zivilschutzübungen – und die finden nicht besonders häufig statt. Für mich bringt das Heulen von Sirenen bei Zivilschutzübungen immer wieder die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, als sie das Herannahe von Bombern ankündigten. Man musste sich umgehend in Schutzräume begeben und dort verharren, bis Entwarnung kam – auch das kündigten die Sirenen an.

Ihren Namen erhielt die Sirene im Jahr 1819 von Charles Cagniard de la Tour (*1777; 1859; französischer Ingenieur und Physiker), der damit an die Sirene aus der Mythologie anknüpfte. Eine Sirene ist in der griechischen Mythologie ein meist weibliches, in Darstellungen bisweilen bärtiges Fabelwesen (Mischwesen aus ursprünglich Mensch und Vogel, später auch Mensch und Fisch), das durch seinen betörenden Gesang die vorbeifahrenden Schiffer anlockt, um sie zu töten. Mir sind sie aus der Mythologie vertraut: Es gelang sowohl Odysseus als auch Orpheus, an der Sirenen-Insel vorbei zu segeln, ohne ihrem betörenden Gesang zu erliegen.

Als die Argonauten in die Nähe der Sirenen-Insel kamen, konnte Orpheus ihren Gesang mit seiner Leier übertönen. Fast die gesamte Mannschaft kam so heil aus dem Abenteuer heraus. Nur Butes (Sohn des Teleon, stammte aus Attika, später wurde er König der Elymer. Zusammen mit Aphrodite hatte er den Sohn Eryx) hörte dennoch ihre betörenden Stimmen, sprang vom Schiff und schwamm auf die Insel zu, wurde aber gerade noch rechtzeitig von Aphrodite gerettet, die ihn von den Wellen nach Lilybaion auf Sizilien tragen ließ.

Laut Homer, der die älteste literarische Überlieferung der Sirenensage liefert, lockten die beiden auf einer Insel wohnenden Sirenen Seefahrer nicht nur durch ihre bezaubernde Stimme an, sondern vor allem durch ihre Fähigkeit, alles auf Erden Geschehende zu wissen und offenbaren zu können. Folgten die Seeleute ihnen auf die Insel, waren sie verloren und starben. Ihr genaues Schicksal wird in der Odyssee nicht angegeben und nur von bleichen Knochen vermoderter Menschen berichtet. Offenbar dienten sie den Sirenen nicht als Nahrung. Odysseus wollte den Sirenen-Gesang aus Neugier dennoch hören. Er ließ auf den Rat der Zauberin Kirke hin seinen Gefährten die Ohren mit geschmolzenem Wachs verschließen und sich selbst an den Mast des Schiffes binden. So konnte er den Gesang der Sirenen zwar vernehmen, die ihm bei einem kurzen Besuch die Zukunft mitzuteilen versprachen, aber als er hingerissen folgen wollte, banden die Gefährten seine Seile wie vorher ausgemacht noch fester. Außer Hörweite gekommen, verlor der Zauber seine Wirkung.

Eine Sagenversion erzählt, dass die Sirenen sich auf Aufforderung von Hera in einen Wettstreit mit den Musen, wer schöner singen könne, einließen, aber unterlagen. Dabei mussten sie „Federn lassen“, aus denen sich die Musen Kränze flochten. Erst in der hellenistischen Zeit findet sich die Sage, dass die Sirenen nach einer Niederlage Selbstmord verübten. Nach ihrem Tod wurden sie in Inseln oder Klippen verwandelt. Bezüglich ihrer Allwissenheit und Todesumstände ähneln sie der Sphinx.

Später – schon in christlichen Zeiten – werden musizierende Sirenen als Verkörperungen weltlicher Verlockungen gelegentlich Posaune blasenden Engeln gegenübergestellt. Boccaccio beschrieb die Sirenen als Huren. Ihre Flügel symbolisieren demnach ihren oftmaligen Partnerwechsel, und mit ihren Klauen hinterlassen die Weggeflogenen Verwundungen.

Solche Gedanken machen einen abendlichen Spaziergang recht abwechslungsreich

Gedanken, beim Entdecken einer Sirene

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