Stadtflucht, Landflucht

Fluch, Segen oder Chance

Ich bedauere die derzeit stattfindende Stadtflucht. Sie betrifft mich direkt und macht mich auch noch betroffen. Ein großer Teil meiner Familie hat den Lebensmittelpunkt aufs Land verlegt. Ich vermisse sie hier, in der Stadt. Denn ich bin eher ein urbaner Mensch und für mich bedeutet das „Häusl am Land“ eher nur „Wochenende“. Außerdem bin ich alt, und wahrscheinlich nicht mehr ausreichend wandlungsfähig. Eine meiner Enkeltöchter hat sich ganz „am Land“ angesiedelt, und da es bei ihr das derzeit noch einzige Baby (eine meiner Urenkelinnen) dieser Familie gibt, kommt es zu regem Zulauf zu ihr. Das ehemals „unser“ Häusl (das mein verstorbener Mann und ich haben bauen lassen, und jetzt an die Familie meiner Tochter gegangen ist) platzt derzeit fast aus allen Nähten. Und es werden bereits Erweiterungspläne gewälzt.  Dort gibt es jetzt Bienen, die betreut werden müssen und ehemals „landferne“ Enkel entdecken „Häuslbauen“ (ich bin erschüttert) und Garteln.

Diese derzeitige Situation ist sicher der Pandemie und ihren Folgen geschuldet. Vieles, das die Stadt früher geboten hat und sie attraktiv gemacht hat, gibt es derzeit nicht. Es gibt keine offenen Lokale, wo man einander treffen kann, es gibt kein Theater, es gibt kein Konzert, es gibt kein Kino, Museen haben erst kürzlich wieder geöffnet, aber es gibt keine Führungen oder sonstige Veranstaltungen dort. Sportstätten sind geschlossen, man kann also Sport weder aktiv betreiben, noch passiv anschauen.

Was hält jetzt einen jungen Menschen noch in der Stadt?  Studenten könne die on-line Vorlesungen überall hören, von überall ihre Prüfungen ablegen. Viele Firmen bieten Home-Office. Vielleicht locken noch zuweilen die jetzt im Moment vorhandene Einkaufsmöglichkeit, vielleicht fährt man kurzfristig in die Stadt, um „Schnäppchen“ zu erobern, um gleich wieder ins geruhsame „Landhaus“ zurückzukehren.

Und vieles, das sich jetzt in Corona-Zeiten eingebürgert hat, wird auch so bleiben. Home-Office z.B. wird schon (?) gesetzlich besser geregelt, und Fernstudium wird sich auch nicht verdrängen lassen. Vielleicht lockt später die Kultur?  Oder wird diese auch den Menschen aufs Land folgen – die vielen „Sommerspiele“ haben ja schon den Weg gezeigt.  Selbst wenn alle – die es möchten – geimpft sein werden, also sobald die Pandemie endgültig besiegt sein wird, werden viele das Landleben so schätzen gelernt haben, dass sie zu mindestens vorläufig dort bleiben werden.

Das ist neu, das ist anders. Früher wurde die Landflucht beklagt. Der Prozess der physischen Urbanisierung war seit Jahrhunderten zu beobachten. Die Landflucht erreichte einen Höhepunkt in Europa vor allem im späten 19. Jahrhundert und hat in den letzten Jahrzehnten auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern bisher unbekannte Ausmaße angenommen. Historisch gesehen ist eine kontinuierliche Zunahme des Anteils der Stadtbevölkerung festzustellen. Im Jahr 2008 lebten weltweit erstmals in der Menschheitsgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land.

(Und weil ich’s nicht lassen kann):  Die Urbanisierung begann um 3500 v. Chr. mit dem Aufstieg von Uruk (Mesopotamien). Um 3000 v. Chr. folgte die Stadt Ur (Stadt). Man führte den Prozess der Urbanisierung in Mesopotamien auf den ständigen Zustrom von Siedlern in die Euphratebene zurück, deren Fruchtbarkeit es erstmals erlaubte, größere Agrarüberschüsse zur Ernährung einer städtischen Bevölkerung zu erzielen, was gleichzeitig ein komplexes und zentralisiertes Wassermanagement und einen Hochwasserschutz erforderte. Gleichzeitig ließen sich im Marschland leicht Lehmziegel in großen Mengen gewinnen. Ein solcher Prozess der Konzentration der Besiedlung wiederholte sich jedoch nicht im Niltal, wo neben Tempeln und Palästen über lange Zeit nur kleinere Wohnsiedlungen entstanden. Daher sind die Ursachen der frühen Urbanisierung immer noch umstritten.

Aber kommen wir zurück in die Gegenwart: Bisher war die Stadtflucht recht eigentlich eine Suburbanisierung. Darunter wird die Abwanderung städtischer Bevölkerung oder städtischer Funktionen (Industrie, Dienstleistungen) aus der Kernstadt in das städtische Umland (Suburbia) und auch darüber hinaus, verstanden. Auch diese Variante hat Geschichte: Die Gründung von Villenvororten in europäischen und US-amerikanischen Großstädten seit Mitte des 19. Jahrhunderts und von Gartenstädten in England und Deutschland um 1900 sind Frühformen der Suburbanisierung. Aber auch die Vorortgürtel unterliegen dem Trend zur sozialen Segregation. Hier finden sich sowohl ethnische Ghettos als auch Gated Communities. Die Lebensqualität in der Suburbia ist seit Jahrzehnten Gegenstand der soziologischen und psychologischen Fachdiskussion.

Was aber jetzt stattfindet erscheint mir etwas anderes, etwas ganz Neues zu sein, es wurden in den letzten Jahrzehnten technische Möglichkeiten geschaffen, die das Home-Office, oder auch das Teleconferencing und vieles mehr ermöglichen. Und die Erfordernisse der Pandemie haben nun zu ihrer explosionsartigen Nutzung geführt.  

Nur sollte das nicht zu „Wildwuchs“ werden, es wird auch die technologische Infrastruktur benötigt und vielleicht sollten auch gescheite Menschen aller Fachrichtungen darüber nachdenken, wie in Zukunft Städte und das nun erheblich aufgewertete „Land“ ausgestattet sein sollte.

Es bieten sich jetzt neue Chancen z.B. die Work-Life-Balance neu zu überdenken und daraus Nutzen zu ziehen. Ergreifen wir die Chancen.

Stadtflucht, Landflucht

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