Wo ist eigentlich unsere Freizeit geblieben?

Wenn man früher, also schon vor ziemlich langer Zeit seinen Arbeitsplatz verlassen hatte, dachte man vielleicht noch kurz auf dem Heimweg über dort aufgetretene Probleme nach, aber dann konzentrierte man sich auf die Probleme und Herausforderungen zu Hause oder vielleicht auf all das, was man jetzt gerne täte – also seine Freizeitbeschäftigungen.  Da wurde man nicht mehr gestört – denn es gab kein Handy und zum Telephon griff der Chef nicht, um seine Mitarbeiter zu befragen oder zu beschäftigen. Wir hatten auch noch keinen Laptop zu Hause, wo wir nach Mails suchen würden. Mit der geschlossenen Bürotür begann die Freizeit. Und die wurde genutzt, manche widmeten sich ihrer Familie, andere dem Sport oder Spiel.

Die Zeiten sind vorbei.

Für mich hat die eingeschränkte Freizeit schon sehr viel früher als für viele andere begonnen, eigentlich seit ich begonnen hatte, in der „EDV“ (elektronischen Datenverarbeitung), wie man damals sagte, zu arbeiten. Heute heißt das Fachgebiet IT (Informationstechnologie). Als ich begonnen hatte, und das war in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, war eine der ersten „Anwendungen“ die Personalverwaltung und die Gehaltsverrechnung (davor hatte man sein Geld im „Sackerl“ und nicht am Konto vorgefunden).  Damals schrieben wir Programme, stanzten sie in Lochkarten, die wurden eingelesen. Aber Gehälter mussten zeitgerecht ausgezahlt werden. Ich erinnere mich an meinen ersten Chef, damals gab es noch keine eigenen Systemanalyse- oder Programmierabteilungen, der die Testergebnisse unserer Bemühungen (auch in seiner Freizeit) einzeln überprüfte. Das war ein mühsamer Job, denn wir druckten damals nur auf Endlospapier. Und sobald das Monatsende nahte, prüfte er besonders genau.  Ich erinnre mich, wir verbrachten damals das Wochenende in Pernitz, wir wohnten noch in einer gemieteten Wohnung (oberhalb von einer Bäckerei), es war halt Wochenende „pur“, mit zwei kleinen Kindern, als mein Chef hereinplatzte und mir mitteilte, dass er einen Fehler gefunden hätte. Den Programmcode hatte er auch im Gepäck, meine Mutter musste flugs das Kochen fortsetzen, mein Mann die Kinder übernehmen, und ich einen Platz finden, wo ich diese Endlosformulare (Programmcode) ausbreiten konnte, um diesen speziellen Fehler zu finden. Dann, am nächsten Morgen – Montag – musste ich sehr früh ins Büro kommen, das korrigierte Programm (wieder mit Lochkarten) neu laden – und dann konnte die Gehaltsverrechnung zeitgerecht und korrekt ablaufen. Schon damals wären mir eine Ankündigung des „Überfalls“ mittels Mobiltelephon und ein Laptop zur Korrektur des Programmes lieber gewesen.

Als ich dann in einer Bank gearbeitet habe – wiederum in der EDV – aber schon in dafür vorgesehenen Abteilungen, galt der Grundsatz: wenn das EDV-System einer Bank drei Tage lang nicht funktioniert, bricht die Bank zusammen. Und genau diesen Zusammenbruch galt es um jeden Preis zu vermeiden. Besonders kritisch war es um die Monats-, Quartals- und Jahresenden. In der Nacht vom 31. Dezember auf den 1. Jänner galt erhöhte Bereitschaft, sogar alle Chefs der entsprechenden Abteilungen kamen mehr oder minder kurzfristig in die technischen Räumlichkeiten der Bank um den „Jahresabschluss“ zu überwachen.

In der Zwischenzeit haben viele Menschen gelernt, wie mit systemrelevanten Branchen umzugehen ist. Und viel mehr Personen können ihr Gerät nicht mehr „abdrehen“ und nach Hause gehen oder in ihren, wie man so schön sagt – wohlverdienten – Urlaub gehen.  Sie können zwar nach Hause gehen, aber ihr Gerät haben sie bei sich und können jederzeit – auch von zu Hause – auf die dort laufenden Systeme zugreifen – jetzt unabhängig von Tages- oder Nachtzeit, von Arbeitszeit oder Freizeit.  

Durch die Geräte Mobiltelephon, Laptop und gesicherte Netze ist es möglich geworden, jederzeit von überall „zu arbeiten“. Der Nutzen hat sich in der Pandemiezeit gezeigt, Home-Office, Home Schooling sind möglich – sind sie aber wirklich so wünschenswert?  Und haben sie uns nicht wirklich den Verlust der echten Freizeit gebracht?

Über den eigentlichen gemeinsamen Arbeitsort sollten wir alle nachdenken. Wofür dient er? Brauchen wir ihn, in welcher Form? Ein weiteres Thema, das mir sehr wichtig erscheint, wie schützen wir unsere Freizeit?  Denn wir brauchen sie – dringend sogar, zum Abschalten, zur Erholung.

Freizeit ist der Zeitraum außerhalb der Arbeitszeit, über den eine Person selbstbestimmt verfügen kann. Der Duden definiert Freizeit als „Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit“. Freizeit wurde 1823 erstmals schriftlich mit heutigem Begriffsinhalt dokumentiert. Die Freizeit ist selbstbestimmt und kann deshalb im Rahmen der Freizeitgestaltung durch Selbstmanagement organisiert werden.

Dieser Raum muss neu gedacht werden!

Wo ist eigentlich unsere Freizeit geblieben?

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