Der Rittmeister

Reflexionen zu Willy Elmayer -Vestenbrugg

Ich bin noch zum „Original“-Elmayer in die Tanzschule gegangen. Das heißt, als noch der Gründer der Tanzschule, Willy Elmayer-Vestenbrugg diese Tanzschule leitete. Wir waren alle ziemlich verschüchtert, denn es war bekannt, dass der Herr Rittmeister bei Verstößen gegen seine Regeln sehr ruppig sein konnte.

Willy Elmayer-Vestenbrugg, * 27. Mai 1885 Wien, † 7. November 1966 Wien, Oberstleutnant, später Tanzschulbesitzer, Anstandslehrer. Als Sohn des Feldmarschalleutnants Ludwig Elmayer von Vestenbrugg besuchte er die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt (1905 Leutnant und Reitlehrer des Dragoner-Regiments „Kaiser Franz Nummer 1“). Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war Elmayer-Vestenbrugg einer der erfolgreichsten Reiter des k. u. k. Reitlehrinstituts und errang zahlreiche Preise. Nach Kriegsdienst in Italien (1914-1918; 1918 Rittmeister) und kurzer Tätigkeit im Staatsamt für Heerwesen als Adjutant von General Theodor Körner eröffnete Elmayer-Vestenbrugg am 19. November 1919 eine Tanzschule im Palais Pallavicini, 1., Josefsplatz 5, die sich nach anfänglichen Schwierigkeiten größter Beliebtheit erfreute und bis heute besteht. Es war nicht leicht gewesen, für die ehemaligen Offiziere der k.u.k. Armee, nach diesem furchtbaren Ersten Weltkrieg einen Zivilberuf zu ergreifen. Hatten sie doch als „Militärs“ hohes Ansehen besessen und galten als ideale Schwiegersöhne wohlhabender Eltern. In der Zwischenkriegszeit etablierte sich Elmayer als führender Tanz- und Anstandslehrer und konnte in Berlin ein Zweiginstitut errichten; 1935 wurde er mit dem Arrangement des „Balls der Stadt Wien“ beauftragt, der zu einem glänzenden Erfolg wurde und Elmayer die Aufgabe einbrachte, zahlreiche bedeutende Bälle zu eröffnen, darunter den Opernball, an dessen Gestaltung er maßgebenden Anteil hatte. Er nahm am Zweiten Weltkrieg teil und wurde 1945 als Oberstleutnant abgerüstet.

Damals, in meiner schulischen Umgebung hatte ich schon gelernt, forsch aufzutreten, aber in einer Tanzschule? Ich war zwar nicht „das Mauerblümchen“, aber zu den besonders Umschwärmten gehörte ich auch nicht gerade. Und doch hat mich Willi Elmayer gefragt, ob ich als „Vorführmädchen“ (heute würde man Model sagen) für das Kaufhaus Neumann (heute Steffl auf der Kärntnerstraße) agieren wolle. Ich fühlte mich sehr geehrt, fragte selbstverständlich meine Eltern. Mein Vater war strikt dagegen. Naja, da konnte man auch nichts machen.  Sehr betrübt war ich nicht.

Fast alle meiner Generation machten ihre erste Ballerfahrung beim regelmäßig stattfindenden Elmayer-Kränzchen (damals in den Sofiensälen). Dass der Reinertrag karitativen Zwecken diente, erfuhr ich erst viel später.

Auch mein, aus damaliger Sicht späterer, Mann war in die Tanzschule Elmayer gegangen, und hatte so wie ich, verschiedene Bälle eröffnet. Und mein Mann hatte seine journalistische Karriere sehr bald begonnen, schon parallel zu seinem Studium. Das war wohl der eigentliche Grund, warum Elmayer meinen Mann bat, ihm bei seinem Büchlein „Gutes Benehmen wieder gefragt“ zu helfen. Elmayer veröffentlichte 1957 das Buch „Gutes Benehmen wieder gefragt“, das als „österreichische Knigge“, von seinen Nachfolgern mehrfach aktualisiert, bis heute seine Gültigkeit hat.

Wie es eigentlich dazu gekommen ist, dass Willy Elmayer unsere Hochzeit „organisiert“ hat, weiß ich nicht. Es war es, der festgelegt hatte, dass mein Mann einen Stresemann (nach dem langjährigen deutschen Außenminister Gustav Stresemann benannter Anzug; er soll nur am Tage (bis 17 Uhr) getragen werden und gilt als geeignet für förmliche Anlässe wie Trauerfeier, Staatsempfang oder Bankett. Der Stresemann ersetzt den Cutaway, hat aber weit weniger offiziellen Charakter) tragen sollte. Er legte die Reihenfolge im Hochzeitszug fest und war selbstverständlich Ehrengast bei der bescheidenen kleinen Feier danach.

Wir lernten dabei diesen Mann näher kennen; ich bewunderte seine Haltung – sonntags ging er zur Messe, ja aber nicht etwa in den Stephansdom (obwohl er in der Habsburgergasse wohnte), sondern in Haftanstalten, um dort als „Vorbild“ zu dienen. Und nicht nur in seiner Tanzschule lehrte er „gutes Benehmen“ (so wie er es sah), sondern auch in Haftanstalten, um den Häftlingen einen leichteren Eintritt in die Gesellschaft zu ermöglichen, nach ihrer Haftentlassung halt.  Ob ihn die Häftlinge ernst nahmen, das weiß ich wiederum nicht.

Als wir schon verheiratet waren, trat Willy Elmayer an meinen Mann heran, um seine Memoiren zu „lektorieren“.  Er hatte sie in seiner steilen Handschrift vorgeschrieben und mein Mann versuchte ein lesbares Buch daraus zu machen. Ich habe daraus besonders die Zeit In Galizien in Erinnerung, die viele junge Leutnants in der Monarchie dort abdienen mussten. „Vom Sattel zum Tanzparkett“ hieß das Buch. Viel später wurde es neu aufgelegt.

In unserer Wohnung steht heute noch ein hübscher blauer Fauteuil, der uns seit den sechziger Jahren durch alle Wohnungen begleitet hat. Willy Elmayer hatte mir ihn geschenkt, um beim Stillen meines Kindes bequem zu sitzen. Er hätte sich gewünscht, dass wir unsere Tochter Elisabeth nennen, diesen Wunsch haben wir ihn nicht erfüllt.

Aber der Kontakt blieb aufrecht, wir haben ihn doch noch knapp vor seinem Tod 1966 im Spital besucht.

Er war ein Bescheidener, der seine guten Taten oft zu verbergen suchte.

Der Rittmeister

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