Was man nicht alles im Schlankheitswahn tut

Preludin Tabletten

Mein ganzes Leben war ich bestrebt, schlanker zu werden. Eine Zeitlang ist es mir geglückt, mein Gewicht halbwegs zu halten – mit etlichen Schwankungen. Jetzt leider, bin ich nicht nur größenmäßig geschrumpft, sondern habe auch zugenommen – und meine Kleidergrößen nehmen auch zu. Ich gebe zu, dass mich das ärgert, aber ich habe derzeit nicht (mehr) die Kraft, entsprechend dagegen anzukämpfen.

Aber als ich so Mitte zwanzig war, da wurden Mittel angeboten, die Abnehmen wirklich leichter machten und ich nutzte sie.  Es handelte sich um „Preludin“. Phenmetrazin wurde 1958 von Boehringer Ingelheim patentiert. Im Jahr 1954 wurden pharmakologische Eigenschaften beschrieben. Ziel der Entwicklung war ein Appetitzügler ohne die typischen Nebenwirkungen der Amphetamine. Klinische Studien wurden 1954 in Europa durchgeführt.

In Deutschland (und damit auch in Österreich – so nehme ich an) kamen Phenmetrazin-Tabletten 1954 nach einjähriger Testung als Preludin zur „Behandlung von Fettleibigkeit“ auf den Markt, bereits ein halbes Jahr nach Markteinführung erfuhren die Hersteller vom Gebrauch in Laienkreisen zur Bekämpfung von Ermüdungserscheinungen. 1955 wurde in Deutschland die Rezeptpflicht für das Mittel eingeführt, einige Staaten regelten Phenmetrazin 1966 wegen der Suchtgefahr schon betäubungsmittelrechtlich. Auch in Deutschland wurde Phenmetrazin später als Betäubungsmittel eingestuft, bevor es wegen lebensbedrohlicher pulmonaler Hypertonien in den 1970er Jahren vom Markt genommen wurde.

Der Handelsname für Phenmetrazin-Hydrochlorid (Tabletten) in den USA, in Großbritannien und Deutschland war Preludin. Im Vergleich zu anderen Amphetaminen erzeugt Phenmetrazin weniger Nervosität, Erregbarkeit, Euphorie, Schlaflosigkeit und eine Verlangsamung der Pulsrate bei Übergewichtigen. Der Appetit ging stark zurück und durch das wachsende Bedürfnis nach körperlicher Aktivität stieg die körperliche Leistungsfähigkeit an.

Phenmetrazin wurde in vielen Ländern als Droge verwendet. Preludin wirkte euphorisierend und aphrodisierend. Preludin wurde in den USA in den 1960er und frühen 1970er Jahren als Droge verwendet. Es konnte in Wasser zerkleinert, erhitzt und injiziert werden. Der Straßenname für die Droge in Washington, DC, lautete „Bam“. Phenmetrazin wird weiterhin auf der ganzen Welt verwendet und missbraucht.

Als ich damals meine Preludin Tabletten nahm, wusste ich von all dem nichts – ich wollte nur schlanker werden. Ich war verheiratet, hatte zwei kleine Kinder und einen Fulltime-Job. Außerdem war es die Zeit, als wir begannen, abends öfter auszugehen (bedingt durch den Beruf meines Mannes waren wir öfter eingeladen – allwo sowohl ich gut aussehen wollte, aber auch mein Mann Wert auf mein Aussehen legte). Es war nicht einfach, meine Mutter hatte tagsüber die Verantwortung für die Kinder und den Haushalt übernommen (wir hatten eine Bedienerin, wie man damals noch sagte, aber ich glaube damals nur zwei Mal die Woche) und mein Job war ziemlich herausfordernd. Ich lernte damals mit Computern umzugehen – on the Job. Außerdem hatte die Atombehörde damals noch die Sozialgesetze von der UNO übernommen, die wiederum glichen denen in den USA gebräuchlichen. Das heißt, es gab keine Karenzzeit – außer den noch vorhandenen Urlaubstagen, z.B. pumpte ich im „Medical Service“ des Büros meine Milch ab, verwahrte sie dort im Eiskasten und nahm sie abends mit nach Hause …

Dazu kam noch, dass sich meine starke aber recht starrköpfige, dominante Mutter und mein desbezüglich etwas unduldsamer Mann nicht vertrugen und ihre Querelen über mich ausgetragen haben.

Vielleicht ist es nachvollziehbar, dass mir diese Preludin Tabletten unter diesen Umständen sehr willkommen waren. (Über die Übertragung auf die Kinder durch das Stillen habe ich mir zu dieser Zeit zugegebenermaßen nicht besonders den Kopf zerbrochen). Ich merkte nur, dass mir die Arbeit locker von der Hand ging, ich nicht so leicht müde wurde und trotz aller Widrigkeiten und Problemen „gut drauf war“.

Nach und nach wurden die Nebenwirkungen dieser Preludintabletten allgemein bekannt und ich entschloss mich, sie abzusetzen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich „Entzugserscheinungen“ gehabt hätte. Nur meine Verdauung funktionierte nicht mehr „ordnungsgemäß“. Also verließ ich mich auf die Werbung und begann die damals gerade auf den Markt gekommenen Dulcolax zu nehmen. Bisacodyl ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Laxantien zur Behandlung von Darmträgheit, insbesondere auch bei neurologisch bedingter. Bisacodyl ist ein Triphenylmethan-Derivat und wurde erstmals 1953 wegen seiner strukturellen Ähnlichkeit zu Phenolphthalein als Abführmittel eingesetzt. Es wurde lange Zeit nur unter dem Namen Dulcolax® verkauft und ist mittlerweile auch als Generikum in der Apotheke erhältlich.

Einem Arzt vertraute ich mich mit derartigen Problemen nicht an. Erst nach langer Zeit, bei einer Kur in Warmbad Villach, ermunterte mich eine Masseurin (Fußreflexzonen) mit den Dulcolax aufzuhören und stattdessen jeden Tag in der Früh ein Glas Wasser mit Zitronensaft zu trinken. Später ersetzte ich das Zitronenwasser durch am Vortag eingeweichte Dörrpflaumen (das dann schon unter ärztlicher Anleitung).

Und wenn ich jetzt darüber so nachdenke, überlege ich, doch wieder eine Anstrengung zum Abnehmen zu machen, aber mit der alten, bewährten Methode: f.d.H. (Sie sind zu jung, um diese Methode zu kennen – nun, die Abkürzung steht für friss die Hälfte).

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