Ich habe den Eindruck, dass uns die Watschenmänner fehlen

Ja, so einen Watschenmann! Könnte man nicht ein Exemplar davon in der Parlamentshalle aufstellen und die aggressiven Abgeordneten dazu bringen, ihn vor der Sitzung zu nutzen.  Vielleicht würden dann die Diskussionen dort etwas sachlicher?  

Früher stand ein Watschenmann im Prater, jetzt steht er nur mehr im Museum. Der Watschenmann zählte jahrzehntelang zu den Hauptattraktionen im Wiener Wurstelprater. Obwohl es ihn nicht mehr gibt, ist er nur noch in der Sprache präsent.

Aber es gibt Situationen, in denen man sich einen Watschenmann dringend und sofort wünscht, da wir ja zum Glück bereits so zivilisiert sind, dass wir nicht mehr aufeinander einschlagen oder weil uns das unkontrollierte Hinschlagen vor den Kadi (Gericht) bringen könnte. Man möchte dem Gegenüber ja gar keine besonderen physischen Qualen bereiten. Es geht allein um Demütigung, die der eigenen Befindlichkeit nützen soll. Da ist eine Ohrfeige in hohem Maße dazu geeignet, ein „Gegenüber“ zu demütigen, ohne ihn physisch nachhaltig zu beschädigen. Selbstverständlich könnte eine solche Erniedrigung auch bloß durch Worte erreicht werden. Jedoch ist hier der körperliche Aspekt (nebst dem klatschenden Geräusch) ganz besonders befriedigend.

Ungefähr ab 1890 gab es im Wurstelprater lebensgroße Puppen, die dort in doch in erheblicher Anzahl meist im Umfeld von Schießstätten und sonstigen Buden positioniert waren. Wie überliefert ist, handelte es sich bei der Urform des Watschenmannes um die Figur eines hässlichen Türken. Na das ginge heutzutage gar nicht mehr! Aber Spottfiguren die Osmanen betreffend waren in Wien nach der Zweiten Türkenbelagerung von 1683 lange Zeit beliebt; sie sind sollen heute noch im Wiener Volkskundemuseum erhalten sein.

Als es noch viele Watschenmänner gab, konnte man auch sitzende Watschenmänner finden.  Später wurden sie durchwegs stehend präsentiert. Das in der Regel ballonartige Gesicht bestand zumeist aus Leder, welches einerseits die aufklatschende Hand schonte, andererseits aber auch ein entsprechendes Geräusch ermöglichte. Verbunden waren die Watschenmänner jeweils mit einem oberhalb vom Kopf montierten Gerät, welches die Intensität der Watschen anzeigte.

Erste Kraftmesser sind bereits für die Zeit um 1820 dokumentiert. Ab 1880 wurden Kraftmesser durch Münzeinwurf in Betrieb genommen. Im Falle der Wiener Prater-Watschenmänner kostete eine Ohrfeige zu Kaisers Zeiten drei Kreuzer. Das war aber damals gar nicht so billig, umgerechnet in unsere heutige Währung: Ein Kreuzer hätte einen Wert von knapp 1,30 Euro; wäre er aus reinem Silber sogar von 2 Euro.

Während es zuletzt, bis zu seiner Übersiedlung ins Museum, nur männliche Watschenmänner gab, war man in früheren Zeiten durchaus genderbewusst. Denn neben dem Watschenmann sorgte im Wiener Prater einst auch die mit einem Dirndl adjustierte „Watschenfrau“, die einen Pracker (Teppichklopfer) in der Hand hatte, für‘s Abreagieren. Und der „Watschenaffe“ quittierte jede Ohrfeige mit einem sonderbaren Brummen. Aber andererseits war man politisch extrem inkorrekt, denn nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Prater der „Watschenneger“ aufgestellt. Sorry, aber so wurde er damals wirklich genannt. Amerikanische Besatzungssoldaten entsorgten diese Figur recht schnell.  In den 1950er Jahren kam dann der Kinderwatschenmann auf, um auch den Kleinen rechtzeitig „Manieren“ beizubringen.

Als in den 1960er- und 1970er-Jahren der Wohlstand in Wien stetig zunahm, verschwand der Watschenmann aus dem Prater.

Aber der Watschenmann feierte fröhliche Urständ: bei uns war es lange selbstverständlich am Sonntagvormittag die satirische ORF-Sendung „der Watschenmann“ zu hören. Der Watschenmann wurde während der Besatzungszeit Anfang der 1950er Jahre beim US-amerikanischen Wiener Sender Rot-Weiß-Rot entwickelt und sehr bald populär. Nach dem Staatsvertrag im Jahr 1955 wurde die Sendung noch einige Male vom Österreichischen Rundfunk ausgestrahlt, aber schließlich trotz heftiger Proteste mit 1. Jänner 1956 eingestellt. Die zweite Serie konnte erst nach dem Rundfunkvolksbegehren, ab 1967 produziert werden und war Zeichen für die neue Unabhängigkeit des ORF.  Damals gab es noch keinen Aufdeckungsjournalismus und politische Kritik war entweder unter den Besatzungsmächten verboten oder unter der damaligen großen Koalition nicht erwünscht. Für die Konzeption während der gesamten Sendezeit von 1950 bis 1955 und von 1967 bis 1974 war Jörg Mauthe verantwortlich. Die Erkennungsmelodie für diese Sendung stammte aus Raimunds Verschwender: „Jeden Ärger zu verdrängen kann nur zu Komplexen führn / und drum ist es äußerst wichtig sich schnell abzureagiern.“ Am Schluss ertönt nach einer Pause das typische Schlaggeräusch.

Leider verschwand der „Watschenmann“ optische und akustisch aus langsam unserem Bewusstsein, aber noch immer bezeichnen wir manche Menschen als Watschenmänner (die weibliche Form kenne ich in diesem Zusammenhang nicht).   Ich finde, er hätte auch jetzt seine Daseinsberechtigung – oder?

Ich habe den Eindruck, dass uns die Watschenmänner fehlen

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