Ein Hoch den modernen Enzyklopädisten

Heute möchte ich den „heutigen“ Enzyklopädisten herzlichst danken, dafür, dass wir ohne dicke Enzyklopädien in mehreren Bänden auskommen können – denn wir haben ja Wikipedia, das diese Menschen laufend erweitern und aktualisieren. Sie sind die Nachfahren jener Männer, die zu Zeiten der Aufklärung (der Begriff Aufklärung bezeichnet die um das Jahr 1700 einsetzende Entwicklung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Es galt, Akzeptanz für neu erlangtes Wissen zu schaffen) für die Erstellung der der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers verantwortlich waren. Sie erschien zwischen Juni 1751 und Dezember 1765 in Paris in siebzehn Textbänden. Darin enthalten sind auf rund 18.000 Seiten 71.818 Artikel. Der Text umfasst 20.736.912 Wörter, davon 391.893 verschiedene. Die elf zusätzlichen Bildtafel-Bände enthalten auf rund 7.000 Seiten 2.885 Kupferstiche und 2.575 Erläuterungen.

Lexikon („Wort“ als einzelner Bestandteil der Rede) ist allgemein die Bezeichnung für ein Nachschlagewerk oder Wörterbuch im weiteren Sinn. Schon in der Antike gab es Lexika. Die Form wird erstmals von Photios I. († 891) auf ein Werk des 5. Jahrhunderts angewendet. In der Spätantike und dem Mittelalter wird Lexicon für verschiedene Wörterbücher in griechischer Sprache verwendet. Dagegen wird diese Bezeichnung im lateinischen Sprachraum weder in der Antike noch im gesamten Hoch- und Spätmittelalter benutzt. Am Ende des Mittelalters wird der Begriff um 1480 in Italien von den Humanisten (Humanismus ist eine seit dem 18. Jahrhundert gebräuchliche Bezeichnung für verschiedene, teils gegensätzliche geistige Strömungen in diversen historischen Ausformungen, unter denen der Renaissance-Humanismus begriffsbildend herausragt. Gemeinsam ist ihnen eine optimistische Einschätzung der Fähigkeit der Menschheit, zu einer besseren Existenzform zu finden) erneut eingeführt und zunächst nur auf gelehrte griechische Werke angewendet. Die erste Benennung eines deutschsprachigen Nachschlagewerkes als Lexikon erfolgte erst 1660. Ab dem 18. Jahrhundert erschienen nationalsprachliche Werke, die die lateinische Sprache ablösten. Auch wurden die ersten Enzyklopädien herausgegeben, die den Stoff lemmatisierten (bearbeiteten) und ihn in alphabetischer Anordnung darboten. 1728 führte Ephraim Chambers (* um 1680; † 1740; war ein englischer Schriftsteller der Frühaufklärung und der Herausgeber und größtenteils auch Verfasser eines der ersten enzyklopädischen Wörterbücher der Künste und Wissenschaften im Zeitalter der Aufklärung) in seiner alphabetisch angeordneten Cyclopaedia die Verkettung von Artikeln durch Querverweise ein. Diese Verbindung zweier Ordnungsprinzipien war bahnbrechend und wurde seit dem 19. Jahrhundert zum Standard von enzyklopädischen und anderen Nachschlagewerken. Querverweise wurden bald darauf auch zur Umgehung der Zensur genutzt, nämlich in Diderots Encyclopédie. Dieses Werk wurde hinsichtlich der Breite und der Tiefe der Darstellung zum Vorbild aller nachfolgenden Enzyklopädien.

Der familiäre Hintergrund von 114 der insgesamt 140 namentlich erfassten Beiträger zur Encyclopédie ist – zumindest in Umrissen – bekannt. Mindestens zehn Enzyklopädisten entstammten dem Hochadel, mindestens 36 weitere Enzyklopädisten entstammten dem niederen Adel. Mindestens 31 Enzyklopädisten stammen aus Familien des gehobenen Bürgertums; ihre Väter waren etwa Ärzte, Apotheker, Anwälte, Richter, Großhandelskaufleute oder Ingenieure. Vier gehörten dem niederen Bürgertum an; ihre Väter waren etwa Grundschullehrer oder Krämer. Mindestens 16 Enzyklopädisten kamen aus Handwerkerfamilien, wie etwa Uhrmacher oder Goldschmiede. Zu ihnen gehört auch Denis Diderot (Herausgeber und Autor), dessen Vater ein erfolgreicher Messerschmiedemeister war.

Die Enzyklopädisten galten als eine für ihre Zeit außergewöhnlich gebildete Gruppe, deren Bildungsgrad ihren jeweiligen sozialen Aufstieg sehr gefördert hat. Unter den Berufen der Enzyklopädisten lassen sich drei größere Gruppen ausmachen: 23 unter ihnen praktizierten als Ärzte, 24 lehrten an Schulen oder Universitäten und weitere 24 dienten als königliche Beamte. Die nächstgrößere Gruppe war die der Kleriker (sechs katholische Pfarrer und vier protestantische Pastoren). Neun weitere Enzyklopädisten arbeiteten als Anwalt oder Richter.

Im Herbst 1745 war der erste Anlauf zur Übersetzung der Cyclopaedia, eines von Zeitgenossen hochgelobten Werks des Engländers Chambers, ins Französische gescheitert. Die im Frühjahr 1745 erschienene Ankündigung einer auf der Cyclopedia basierenden Encyclopédie, ou Dictionnaire universel des arts & des sciences war vom Publikum jedoch mit so großem Interesse aufgenommen worden, dass der Pariser Verleger André-François Le Breton im Oktober einen Neubeginn wagte und zu diesem Zweck nach geeigneten Autoren suchte. Darüber hinaus waren noch weitere Verleger beteiligt.

D’Alembert (Jean-Baptiste le Rond genannt D’Alembert, * 1717 in Paris; † 1783 war ein französischer Mathematiker und Physiker und ein Philosoph der Aufklärung. Gemeinsam mit Denis Diderot war er Herausgeber der Encyclopédie), dessen wissenschaftliche Reputation zu jener Zeit größer als diejenige Diderots war, spielte eine zentrale Rolle. 1753 warb er Charles de Secondat, Baron de Montesquieu für das Projekt an und wahrscheinlich war er es auch, der ein Jahr später Voltaire zur Mitarbeit bewegen konnte. Über bereits bestehende Kontakte stellte d’Alembert darüber hinaus auch die Verbindung zu Georges-Louis Le Sage, dem späteren Autor des Artikels zur mathematischen Logik, und zu seinem Kollegen Jean-Baptiste de La Chapelle, dem späteren Hauptautor im Themenbereich Mathematik, her.

Die Ende des 18. Jahrhunderts einsetzende weitere Steigerung der Darstellungstiefe führte die gedruckte Enzyklopädie in eine Sackgasse. Die Werke wurden derart umfangreich und benötigten eine so lange Bearbeitungszeit, dass sie den Bedürfnissen der Interessenten nicht mehr genügen konnten. Sie blieben daher unvollendet. In der Krise der Enzyklopädie entstand seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts die Form des Konversationslexikons, das ein schnelles Erscheinen mit hinreichender Tiefe verband.

Etwa ab den 1980er Jahren etablierte sich Englisch als neue Universalsprache in den Naturwissenschaften (Encyclopedia Britannica – mit ihren „Update“-Bänden). Im Zuge der Wissensexplosion der Informations- und Wissensgesellschaft sowie der grundlegenden Verunsicherungen der Postmoderne wird das Fundament der Enzyklopädie in Frage gestellt: Das Paradigma des positiven Wissens wird ebenso diskutiert wie die Prämisse eines in sich abgeschlossenen Wissensraumes. Gleichzeitig bringen aktuelle Technologien wie Internet nie zuvor geahnte Möglichkeiten globaler Erfassung, Speicherung und Vernetzung von Wissen.

Hiermit: noch einmal ein großes DANKE an die heutigen Mitarbeiter von Wikipedia, das all die vielen Bände z.B. des großen Brockhaus abgelöst und auch wieder Platz in unserer Bibliothek geschaffen hat. Eine Version älteren Datums habe ich noch aufgehoben, denn manches darin findet sich (noch) nicht in Wikipedia.

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